Vollmer: Dieser Super Bowl kann Karrieren beendet haben

Robin Wigger
·Lesedauer: 10 Min.

Sieben Siege im Super Bowl hat Tom Brady seit Sonntag auf dem Konto - bei zwei davon war er dabei.

Sebastian Vollmer war zwischen 2009 und Anfang 2017 bei den New England Patriots aktiv, als Offensive Tackle war der in Kaarst bei Neuss geborene 36-Jährige jahrelang eine Art Bodyguard für den Quarterback-Superstar.

Vollmer holte mit 2015 und 2017 mit Brady den Titel, ehe er nach seinem Aus bei den Patriots seine NFL-Karriere beendete.

Im SPORT1-Interview erklärt Vollmer das Phänomen Brady und analysiert, wie es ihm gelungen ist, auch die Tampa Bay Buccaneers zu einer Meistermannschaft zu veredeln.

Außerdem erklärt er, warum er trotz seiner Verbundenheit mit Brady die demontierten Kansas City Chiefs mit Phänomen Patrick Mahomes bemitleidet - und warum er fürchtet, dass das Spiel für manche Kollegen Mahomes' ein bitteres Karriere-Ende gewesen sein könnte.

SPORT1: Herr Vollmer, Sie hatten in den vergangenen Wochen mit dem Coronavirus Covid-19 zu kämpfen. Wie geht es Ihnen inzwischen?

Sebastian Vollmer: Jetzt wieder okay, auch wenn ich noch nicht hundertprozentig fit bin. Vor etwa zwei bis drei Wochen habe ich mich irgendwo angesteckt und Symptome gezeigt. 42 Grad Fieber war das höchste. Das schlimmste war aber die Atemnot, die ich hatte. Das war erschreckend. Ich hatte jetzt keine Erstickungsgefahr, aber das war echt ein mieses Gefühl zusammen mit der Erschöpfung und dem Fieber.

SPORT1: Corona hat auch Sie deutlich mehr mitgenommen als "normale" Viruskrankheiten.

Vollmer: Auf jeden Fall. Ich habe auch über zehn Kilo verloren innerhalb von zweieinhalb Wochen, das ist einfach ungewohnt.

SPORT1: Waren Sie vom Verlauf und dem (klaren) Ausgang des Super Bowl überrascht?

Vollmer: Ich hatte im Vorfeld auf die Tampa Bay Buccaneers getippt. Dass es so einseitig wird, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte eher einen Shootout vermutet. Aber im Super Bowl ist es irgendwie immer so. Die zwei Wochen Vorbereitungszeit, die man hat, kann echt den Defensiven helfen. Todd Bowles, der Defensive Coordinator der Buccaneers, hat einen hervorragenden Job gemacht und im Prinzip gegen seinen eigenen Stil gecoacht, weil er wusste, dass es besser war. Von vorne bis hinten hat Tampa Bay alles richtig gemacht: Vom Gameplan bis zur Aggression, die sie gezeigt haben. Sie sind nie vom Gas gegangen. Ich wollte, dass Tampa Bay gewinnt, von daher hatte ich Freude an einem guten Spiel. (Der Super Bowl im Ticker zum Nachlesen)

"Brady ist ein Risiko eingegangen"

SPORT1: Diese Sympathien für Tampa Bay liegen ja vermutlich an Tom Brady und Rob Gronkowski, mit denen Sie bei den New England Patriots gespielt haben. Wenn Ihnen damals jemand gesagt hätte, dass Brady und Gronkowski auch den Super Bowl 2021 entscheiden - aber nicht bei den Patriots - was hätten Sie gedacht?

Vollmer: Das war unvorstellbar. Brady ist so ein Risiko eingegangen, nach 20 Jahren und einer der erfolgreichsten Sportlerkarrieren, bei einem anderen Team neu anzufangen, obwohl er sich damit seine Legacy hätte versauen können. Das ist einfach nur beeindruckend. Ich finde es immer schade, wenn Leute wie Michael Jordan oder Peyton Manning noch zu anderen Teams wechseln - aber in dem Fall: Er hat eine souveräne Saison gespielt, wieder gewonnen. Das kann man nicht mehr in Worte fassen. Und Gronk hatte seine zehnte Rückenoperation und dann gesagt: Ich vertraue Tom so, ich glaube, dass wir zusammen noch einmal was reißen können. Denn für das Geld macht er es auch nicht mehr, sondern nur für den sportlichen Erfolg. Jetzt hat er im Super Bowl wieder zwei Touchdowns von ihm gefangen. Das ist einfach beeindruckend. Nicht nur als Freund, sondern als Sportler und Football-Fan finde ich es schön, so etwas zu sehen. (Kommentar: Tom Brady ist ein Außerirdischer).

SPORT1: Haben Sie den beiden denn schon gratuliert?

Vollmer: Ich habe Ihnen am Abend geschrieben, es kam allerdings noch nichts zurück. Da bin ich ein bisschen beleidigt. Nein, im Ernst: Ich kenne das ja, wie das mit den Partys nach den Spielen ist. Obwohl, dieses Jahr ... naja, teamintern wird es da schon was gegeben haben. Der Abend danach ist normalerweise doch recht heftig, da wird wenig geschlafen. Die hatten Spaß.

SPORT1: Kann man sich gut vorstellen, wenn man an Gronks Feierbilder aus der Vergangenheit denkt.

Vollmer: Ich glaube, das T-Shirt wurde relativ schnell ausgezogen. Obwohl, dieses Jahr ist er liiert. Vielleicht wird er da etwas ruhiger und das T-Shirt bleibt eine halbe Stunde länger an (lacht).

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"Tampa Bay sah nicht wie ein Super-Bowl-Anwärter aus"

SPORT1: Er war ja im Prinzip in Rente, stand für WWE im Wrestling-Ring und hat es sich gut gehen lassen. Wie schafft er es dennoch wieder, einen Super Bowl zu entscheiden?

Vollmer: Am Ende ist es wirklich Talent. Die Fähigkeit, einen Ball zu fangen und die Defense zu lesen, geht nicht verloren. Ich war in Boston für eine lange Zeit, da ist er mein Nachbar. Dort haben wir zusammen trainiert - er ein bisschen heftiger als ich. Er war nie außer Form, aber er hatte zehn bis 15 Pfund verloren. Aber diese Muskelmasse kann man sich schnell wieder antrainieren. Ich wog zu meiner Zeit 145 Kilo. Ob du 142 Kilo wiegst, 140 oder 138 macht nur wenig aus. Für einen Generationsspieler wie Gronk ist das relativ egal. Er hatte keine Pro-Bowl-Saison, hat gut geblockt und war dann im Super Bowl zwei Mal offen. Er kam zurück, weil er wusste: Er ist gut genug, um noch einmal zu gewinnen. Am Ende hatten sie alle Recht. Das Risiko sind sie zusammen eingegangen. Und es ist schön zu sehen, dass ein Team von Leuten, die im letzten Jahr keinen Job hatten, zusammenkommen und den Höhepunkt des Sports erleben.

Vergleich zwischen Brady und Jordan "schwierig"

SPORT1: Sie haben eben bereits Michael Jordan angesprochen. Gibt oder gab es weltweit überhaupt Sportler, die größer sind als Brady?

Vollmer: Am Ende wirst du, was auch ein bisschen schade ist, an Meisterschaften gemessen. Der Vergleich mit Jordan ist schwierig. Es ist noch ein i-Tüpfelchen, mit einem anderen Team und einem anderen Coach zu gewinnen. Für mich ist er sportübergreifend der Beste.

SPORT1: Brady hat angekündigt, weiterzumachen. Wäre denn aber ein Rücktritt nach dem Spiel der perfekte Abgang gewesen - oder wünschen Sie sich, dass er noch bis 50 spielt?

Vollmer: Ich hätte mir letztes Jahr schon gewünscht, dass er aufhört. Vielleicht war das ein falsches Denken, aber was wäre gewesen, wenn er nur drei Spiele gewonnen hätte? Hätte er dann seine Legacy zerstört? Aber er sieht es anders. Er sagt: Ich bin der Beste, ich werde gewinnen - und so machen wir es. Wenn andere Leute sagen, er schafft das nicht, sage ich: Gegen ihn zu wetten, wäre dumm. Wenn er weiterspielt und sagt, er ist gut genug und kann noch mit 50 spielen - wer bin ich, dass ich ihm sage, er kann das nicht? Er ist ehrlich mit sich selbst. Es reicht, wenn er dran glaubt.

SPORT1: Was macht das Phänomen Brady aus? Man sollte in seinem Alter im Prinzip nicht mehr so gut sein. Wie schafft er das?

Vollmer: Er würde sagen, es ist sein TB12-Programm mit seiner Beweglichkeit und seiner Lebensweise. Aber eben auch sein gottgegebenes Talent. Wenn du und ich uns so ernähren und drei Mal am Tag eine Massage bekommen, hauen wir auch nicht solche Spiele raus über die letzten 20 Jahre. Es gibt solche Sportler einmal in 100 Jahren - er ist einer davon. Ja, auch die Ernährung gehört dazu, er ist besessen und ordnet dem Sport alles unter. Aber man muss einfach sagen: Er ist einfach übertalentiert.

"Du brauchst Spieler, die über einem stehen"

SPORT1: Warum funktionieren echte oder vermeintliche Skandal-Spieler wie Brown oder Fournette unter Brady so gut?

Vollmer: Randy Moss war ja auch jemand, der mit Problemen von den Vikings kam, und sich bei den Patriots Brady untergeordnet hat. Das liegt einfach an dem Erfolg, den diese Verbindung verspricht. Du brauchst bestimmte Spieler, die über einem stehen. Es gehört schon etwas dazu, dass ein Antonio Brown, der als einer der besten Receiver der Liga kam, sagt: Ich ordne mich jemandem unter. Aber Brady stellt eben klar, dass es nur so mit ihm geht. Sie haben zusammen gewohnt - okay, das Haus ist gefühlt 3000m² groß, aber Sie wissen, was ich meine. Es geht eben, für sieben, acht Monate zu sagen: Ich kann mir einen Ring holen und mache dafür alles richtig. Anerkennend, dass da jemand ist, der besser ist als ich. Manchmal geht das für ein paar Spiele, manchmal für ein paar Jahre. Mal sehen, wie lange es bei denen hält.

SPORT1: Sie sind ja Experte für die Position: Wie viel Schuld trägt die Offensive Line der Chiefs? Was denkt man sich da, wenn ständig die Leute an dir vorbei fliegen und deinen QB attackieren. Was ist da schief gelaufen?

Vollmer: Da waren zwei Backup-Tackles, die gegen eine der besten Defensive Lines der Liga spielen mussten - und das ist echt mies. Was ich persönlich falsch fand: Eric Fisher ist ausgefallen und dann hat der rechte Tackle links gespielt. In der Folge spielen drei Spieler auf einer anderen Position. Auf einmal sind drei von fünf Positionen schlechter besetzt als sonst.

Ich kenne es von mir selbst aus meinem letzten Jahr: Du trainierst nur deine Position und du hast einen Backup. Wenn du ausfällst, soll dein Backup eigentlich reinkommen. Dann verletzt sich aber der linke Tackle und das Vertrauen in den Ersatz ist nicht da. Dann gehst du lieber nach links und der rechte Backup kommt rein. Statt einer Schwachstelle hast du drei oder vier.

Und das war auch in diesem Super Bowl mindestens einer der Gründe. Dazu Mahomes mit seinem Zeh, er ist gehumpelt und war sowieso langsamer als sonst. Aber er musste schnell sein, weil er immer wieder Druck von Shaquil Barrett und Jason Pierre-Paul bekam. Als Offensive Lineman war das schwer anzugucken, man leidet mit.

SPORT1: Trotz der Sympathien für Tampa Bay.

Vollmer: Ja. Ich war auch in solchen Situationen. Du gibst ja alles, du machst das ja nicht absichtlich. Es ist echt ein mieses Gefühl. Denn du möchtest nicht der Spieler sein, der dafür verantwortlich ist, ein Spiel zu verlieren. Die wachen am nächsten Tag auf und denken: Wir sind schuld. Das kann deine Karriere beenden. Es geht nicht nur um das eine Spiel und deine Teammates. Es wird nicht gesagt, aber du wirst von allen angeguckt von wegen: 'Ohja, danke dir'.

Mahomes immer noch der beste Spieler der NFL?

SPORT1: Mahomes ist ja deswegen ein bisschen rumgelaufen wie ein verfolgtes Häschen. Trägt er denn überhaupt eine Schuld?

Vollmer: Nein. Was ist die Alternative? Du nimmst einen anderen Spieler rein. Er ist immer noch der vielleicht beste Spieler der NFL oder zumindest ganz oben dabei. Er hat alles versucht. Es gibt solche Spiele, in denen nichts klappt. Du trainierst die ganze Saison über, aber vor allem in den zwei Wochen zuvor wie blöde und denkst, du machst alles richtig, hast die richtigen Spielzüge und Spieler ausgewählt. Und dann gehst du ins Spiel, kommst rein und denkst dir: Ouh. Und du weißt es direkt am Anfang, in den ersten zehn Spielzügen: Das wird ein harter Tag heute. Die Frustration hat man auch gesehen, wie bei Mathieu, der in Bradys Gesicht gegangen ist. Diese Emotionen, diese Frustration kommen hoch. Es ist schwierig, da als Spieler in diesen großen Momenten wieder rauszukommen.

Rematch zwischen Brady und Mahomes?

SPORT1: Letzte Frage: In den USA wurden ja schon kurz nach Ende des Spiels die "Way too early Super Bowl Predictions" aufgestellt. Was wäre Ihr Tipp, gibt es 2022 ein Rematch zwischen Brady und Mahomes?

Vollmer: Ja, aber auch nur weil es einfach ist. Der amtierende Meister verdient Respekt. Ein Team muss beweisen, dass es besser ist als die Buccaneers. Deswegen würde ich sagen, sie kommen wieder zurück. Kansas City hat nicht gut gespielt, ist aber dennoch eins der besten Teams. Deswegen sehe ich sie auch wieder vorne. Die sehr ignorante Prognose wäre: Rematch. Aber mit Sicherheit ändert sich das noch (lacht).