Volkswagen geht auf Distanz zu Ex-Chef Martin Winterkorn

Der Autobauer hält Boni für den früheren Konzernchef zurück. Immer wahrscheinlicher wird, dass VW von Winterkorn Schadensersatz fordern wird.


Martin Winterkorn ist ein reicher Mann. Das ist kein Geheimnis, schließlich war der frühere Spitzenmanager viele Jahre einer der bestbezahlten Angestellten des Landes. Im Jahr 2002 wurde der Physiker Audi-Chef, Anfang 2007 übernahm er die Führung des gesamten Volkswagen-Konzerns. Im Spitzenjahr 2011 verdiente er rund 17,5 Millionen Euro, damals Rekord für einen Dax-Vorstand.

Zwar endete Winterkorns Karriere mit Bekanntwerden des Dieselskandals am 23. September 2015 jäh, zunächst zeigte sich VW aber dankbar. Das Aufsichtsratspräsidium pries ihn für „seine unschätzbaren Verdienste“ für den Konzern. Man stelle fest, „dass Herr Professor Dr. Winterkorn keine Kenntnis von der Manipulation von Abgaswerten hatte“. Finanziell hatte VW vorgesorgt: Winterkorns Vertrag lief im Dezember 2016 aus. Seitdem bezieht er eine Betriebsrente von etwa 3100 Euro – pro Tag.

Fast drei Jahre nach dem Abschied Winterkorns aus Wolfsburg ist das Klima längst frostiger geworden. Der Aufsichtsrat prüft mithilfe der Kanzlei Gleiss Lutz seit einiger Zeit, ob man Martin Winterkorn für das Dieseldesaster in Haftung nehmen kann. Das dauert, auch weil VW abwarten will, ob sich strafrechtliche Verdachtsmomente erhärten.

Winterkorn selbst erklärte deshalb bereits, vorerst keine Verjährung geltend zu machen. Dieser Verzicht läuft zunächst bis Ende Mai 2019. In den USA hingegen ist Winterkorn bereits vor einigen Wochen angeklagt worden.

Schon jetzt soll der Konzern aber finanzielle Ansprüche Winterkorns nicht mehr uneingeschränkt erfüllen. Nach Handelsblatt-Informationen aus Konzernkreisen hält VW Boni zurück, die dem Ex-CEO vertraglich zustehen. Winterkorn soll vorläufig bereits Abstriche gemacht haben.


Beobachter erwarten, dass der Dieselskandal ein haftungsrechtliches Nachspiel haben wird. Zum einen verdichten sich die Hinweise, dass Winterkorn früher von den Manipulationen wusste, als er bislang eingeräumt hat. Zum anderen reicht für einen Haftungsfall schon das aus, was Juristen ein „Organisationsverschulden“ nennen.

„Notgroschen“ in der Schweiz

Im Klartext: Der Ex-Vorstandsvorsitzende hätte verhindern müssen, dass es zu dem Manipulationsskandal kommt. „Der Aufsichtsrat ist verpflichtet zu prüfen, ob Ansprüche überhaupt realisierbar sind. Wenn die D & O-Versicherung nicht zahlt, etwa weil ein Manager vorsätzlich gehandelt hat, muss das Unternehmen auf das Privatvermögen zugreifen – theoretisch bis zur Pfändungsfreigrenze“, sagt Anwalt und D & O-Spezialist Burkhard Fassbach. Mit einer D & O-Versicherung können sich Manager vor Schadensersatzforderungen schützen.

Winterkorn war sich wohl dessen bewusst, als er entschied, Teile seines Vermögens in Sicherheit zu bringen. Und so kam es 2016 und 2017 zu den Überweisungen von der Sparda Bank Nürnberg in die Schweiz. Als mutmaßlichen „Notgroschen“ bezeichnete der Staatsanwalt den Posten von zehn Millionen Euro. „Das ist ein typischer Fall. In der Praxis sehen wir oft, dass Manager Vermögen übertragen, sobald sie Haftungsrisiken erkennen“, sagt Fassbach.

Per se sind Auslandsüberweisungen oder Vermögensübertragungen nicht illegal. Martin Winterkorn und seine Ehefrau Anita haben ihr Eigentum innerhalb der Familie neu geordnet. „Es ist völlig normal, Vermögen an den Ehepartner zu übertragen. Auch indem man etwa die Zugewinngemeinschaft kurzfristig aufhebt“, sagt ein Experte. Das bringe schenkungsteuerliche Vorteile.



Die Frage, ob sich Winterkorn mit seinen Dispositionen steuerlich korrekt verhalten hat, ist nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig stellte allerdings klar, dass sie kein Ermittlungsverfahren in dieser Hinsicht führt. Behördensprecher Klaus Ziehe dementierte entsprechende Berichte. Nach Informationen des Handelsblatts liegt der Fall jetzt beim Bundeszentralamt für Steuern in Bonn.

Für Ärger sorgt der Vorgang dennoch. Es steht der Vorwurf im Raum, dass die Staatsanwaltschaft ihre Pflichten verletzt hat. Winterkorns Verteidiger Felix Dörr prüft eine Strafanzeige. Der angerichtete Schaden sei kaum wiedergutzumachen. Schließlich machten jetzt Kreditkartenabrechnungen, Kontoauszüge und steuerliche Angelegenheiten die Runde, die nichts mit dem Dieselfall zu tun haben.

„Die Staatsanwaltschaft hätte den Steuervorgang aus der Akte zum Dieselkomplex heraustrennen müssen oder anderen Verteidigern insoweit keine Akteneinsicht geben dürfen“, sagte Dörr. Das sei ein gravierender Verstoß gegen Geheimhaltungspflichten. „Uns geht es darum, dass die Staatsanwaltschaft aufklärt, wie das passieren konnte – und die Dinge richtigstellt. In der Sache sind wir überzeugt, dass steuerlich alles korrekt war“, sagte Dörr.