"Er sollte bei einer Flachetappe easy zehn Minuten verlieren"

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"Er sollte bei einer Flachetappe easy zehn Minuten verlieren"
"Er sollte bei einer Flachetappe easy zehn Minuten verlieren"

3383 Kilometer von Brest nach Paris: Die Tour de France geht in ihre zweite Auflage unter Corona-Bedingungen - und stellt die Radsportler vor Herausforderungen. (SERVICE: Tour de France - die Etappen im Profil)

Die Strecke ist dieses Mal weniger auf die Bergspezialisten zugeschnitten, trotzdem bleiben der slowenische Vorjahressieger Tadej Pogacar und sein im vergangenen Jahr dramatisch düpierter Landsmann Primoz Roglic die großen Favoriten.

Die deutsche Radhoffnung Emanuel Buchmann, 2019 Vierter, sollte ursprünglich gar nicht starten, geht nun aber doch als Joker ins Rennen. (NEWS: Alles zum Radsport)

Was können Radsport-Fans von der diesjährigen Tour erwarten? Im Interview mit SPORT1 spricht der der deutsche Rekordstarter Jens Voigt über die Favoriten und die Chancen der deutschen Teilnehmer. Für Buchmann hat er dabei einen bemerkenswerten strategischen Tipp.

Tour de France: Pogacar und Roglic wieder Favorit

SPORT1: Herr Voigt, im vergangenen Jahr haben die beiden Slowenen Tadej Pogacar und Primoz Roglic den Tour-Sieg unter sich ausgemacht. Führt der Sieg auch diesmal nur über dieses Duo?

Voigt: Damit liegt man erst mal nicht falsch. Allerdings schickt die Mannschaft Ineos-Grenadiers auch eine sehr starke Mannschaft ins Rennen. Dieses Jahr steigt die Tour de France zum Original-Zeitpunkt, und da hat es Ineos-Grenadiers und davor die Mannschaft Sky immer geschafft, topfit zu sein. Dieses Jahr haben sie eine starke Truppe: Geraint Thomas, der Gewinner von 2018; Richard Carapaz, ein ganz junger und hungriger Fahrer, der schon den Giro gewonnen hat; dazu Tao Geoghegan Hart, ebenso Giro-Sieger - die haben also drei Spitzenfahrer, die jeweils schon eine große Landesrundfahrt gewonnen haben.

Voigt nennt Tour-Favoriten

SPORT1: Wird Ineos-Grenadines damit für Sie eine der großen Überraschungen?

Voigt: Wenn wir uns die letzten Wochen anschauen, dann gab es drei große Rundfahrten, die allesamt Fahrer von Ineos-Grenadiers gewannen: Der Giro wurde von Egan Bernal gewonnen, die Tour de Suisse von Richard Carapaz und die Dauphiné von Richie Porte, Geraint Thomas war Dritter. Natürlich kann man sagen, dass da weder Primoz Roglic noch Tadej Pogacar am Start waren. Die beiden haben sich ganz schlau bei einer Mini-Rundfahrt - wie Pogacar in seiner Heimat - oder im Trainingslager vorbereitet. Das heißt, die werden schon fit sein. Aber keiner weiß, wie gut sie wirklich sind. Die sind seit einem Monat kein richtiges Radrennen mehr gefahren.

SPORT1: Das bedeutet? (SERVICE: der Radsport-Kalender)

Voigt: Die großen Favoriten sind sich alle ein bisschen aus dem Weg gegangen. Das ist auch verständlich. Wer will schon zur Tour kommen und eine Woche vorher bei der Tour de Suisse wie ein Schülerfahrer aussehen gegen die Mitfavoriten? So haben alle berechtigte Hoffnung auf den Sieg, weil sie eben seit Wochen und Monaten ungeschlagen sind. Dadurch ist es schwer zu sagen, wer wo steht. Die Tour startet sehr hügelig. Gleich am ersten Tag steht eine drei Kilometer lange, nicht ganz so steile Bergankunft an - nichts also für die Sprinter, aber auch nicht für die Bergfahrer. Das ist eher was für Julian Alaphilippe und Peter Sagan, die könnten da gewinnen. Am zweiten Tag fährt die Tour schon zweimal einen kurzen, aber sehr steilen Berg hoch - die Mur-de-Bretagne. Da müssen dann alle Klassement-Fahrer Farbe bekennen. Da kann man dann schon sehen, wer kann und wer kann nicht.

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Das sagt Voigt über Cavendish

SPORT1: Roglic und Pogacar sind in diesem Jahr aber dennoch schon einmal gegeneinander angetreten - bei der Baskenland-Rundfahrt, die Roglic klar für sich entschied. Ein Fingerzeig für die Tour?

Voigt: Das Rennen war zu früh. Natürlich ist die Baskenland-Rundfahrt außerhalb der großen Länderrundfahrten eine der schwersten Rundfahrten. Aber dort geht es den ganzen Tag mit den Rhythmus brechenden Bergen auf und ab. Oft ist es auch sehr kalt und regnet. Das ist wirklich eine anspruchsvolle Rundfahrt, und wer die gewinnt, ist schon ein Guter. Aber wir reden hier von April, und die Tour ist Ende Juni und im Juli. Da liegen noch zwei Monate dazwischen, weshalb man da keinen wirklichen Vergleich ziehen kann.

SPORT1: Dazu startet auch Mark Cavendish wieder zur Großen Schleife. Was erwarten Sie von ihm?

Voigt: Jemand von seinem Kaliber, der so viele Etappen gewonnen hat und Weltmeister war, wenn der sagt, dass er bereit ist, dann sagt man nur: Gut, du bist dabei! Er selber muss ja wissen, wie gut er ist - mit seiner Erfahrung. Ich freue mich für ihn nach seinen schweren Jahren. Er hatte das Epstein-Bar-Virus, war immer wieder in Stürze involviert und musste sich zurückkämpfen. Aber jetzt ist er wieder auf dem richtigen Weg, und ich traue ihm einen Etappensieg zu.

Voigt über Buchmann: Lasst den armen Kerl in Ruhe

SPORT1: Auch Emmanuel Buchmann musste in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Stürze verkraften, wird nun aber doch überraschend bei der Tour starten. Was trauen Sie ihm zu, welche Bedeutung kann er für sein Team haben?

Voigt: Nachdem Lennard Kämma nicht dabei ist, ist das Team froh, dass Buchmann den Sturz beim Giro so gut verkraftet hat und er inzwischen wieder im Training steht und der Formaufbau vernünftig verlaufen ist. Die Medien sollten ihm keinen Druck wegen des Gesamtklassements machen. Lasst den armen Kerl einfach in Ruhe. Der war in Topform für den Giro. Er war einer der Wenigen, die in den großen Bergen mit Bernal in der ersten Gruppe mitfahren konnten. In diesem Jahr sollte er das Podium in meinen Augen gar nicht erst anvisieren, sondern bei einer Flachetappe mal ganz easy zehn Minuten verlieren (Wie Jens Voigt seinen eigenen Horror-Sturz bei der Tour de France erlebte).

SPORT1: Warum das denn?

Voigt: Dann ist er im Klassement nicht mehr gefährlich, und dann kann er ein oder zwei richtig gute Bergetappen gewinnen. Klassement halte ich nicht für möglich, da ja auch noch Peter Sagan mit im Team ist. Der braucht auch Hilfe für seine Sprints und das Grüne Trikot. Wenn ich wählen müsste zwischen einem relativ sicheren Grünen Trikot mit Peter Sagan oder eventuell Dritter oder Vierter im Klassement zu werden, sage ich: Nein, ich nehme das sichere Grüne Trikot.

SPORT1: Es hat aus Ihrer Sicht also mehr Gewicht?

Voigt: Jeden Tag auf dem Podium, jeden Tag im Fernsehen, jeden Tag werden wir erwähnt, das ist wertvoller als ein relativ anonymer achter Platz im Gesamtklassement. Natürlich darf man das nicht falsch verstehen. Ich war niemals Achter, das ist eine gigantische Leistung. Aber ich weiß nicht mehr, wer letztes Jahr Achter war. Was ich weiß, das ist, wer das Grüne Trikot gewonnen hat. Da muss man als Sponsor und als Mannschaft dann abwägen: Wovon träume ich? Was ist realistisch? Und was kann ich mit dieser Mannschaft erreichen? Buchmann kann ganz sicher zwei großartige Bergetappen gewinnen, auch aus der Spitzengruppe heraus. Aber Klassement sollte er nicht anpeilen. Er sollte ganz entspannt in die erste Wochen gehen und sich keinen Stress bei den Zielankünften machen. Dann kann er in den Bergen seine Karten ausspielen. Das kann er und da würde er sich auch selber glücklicher machen. Nicht jeden Tag aufpassen, dass man keine Sekunden verliert. Lass den einfach mal jeden Tag ein, zwei Minuten verlieren. Aber wenn es in die Berge geht, dann ist Buchmann in der Spitzengruppe und macht die alle platt beim letzten Schlussanstieg.

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Nicht-Nominierung von Ackermann? "Leben ist kein Ponyhof"

SPORT1: Weniger gut ist die aktuelle Stimmung bei Pascal Ackermann. Was denken Sie über die gegenseitigen Vorwürfe "Wortbruch" und "mangelnde Form" im Zusammenhang mit seiner Nicht-Nominierung für die Tour?

Voigt: Die Situation ist eigentlich sehr einfach - und das schon seit zwei Monaten. Aber stellen Sie sich vor, Ihr Arbeitgeber sagt, Sie sollen die Tour-Berichterstattung machen und Sie liefern zwei Monate keinen Artikel ab. Wären Sie dann überrascht, wenn Ihr Chef sagt, dass Sie die Tour doch nicht machen? Wenn man als Sprinter keinen Sieg hat, muss einem selbst als Allererstem klar sein, dass man nicht dabei ist. Manchmal muss man auch ehrlich zu sich selbst sein. Das Leben ist kein Ponyhof, es ist leider nicht alles schön. Na klar ist das ein lieber Junge und ein toller Sportler und ein toller Mensch. Aber am Ende zählt, wer als Erstes über den weißen Strich fährt. Da hat Sagan ein paar mehr Siege eingefahren, und dann ist das nur logisch, dass er den Vorzug bekommt.

SPORT1: Klare Meinung ...

Voigt: Da kommen wir wieder zu der Aussage von vorhin zurück. Mit Sagan hat man relativ sicher einen Etappensieg in jeder großen Rundfahrt und relativ sicher auch das Punktetrikot. Mit Pascal Ackermann kann man das auch schaffen, aber mit Sagan ist die Wahrscheinlichkeit einfach höher. Sagan stürzt nicht. Und wenn er stürzt, schüttelt er sich und fährt weiter. Er ist immer da, wenn er gebraucht wird und er ist zuverlässig. Das hat er schon viele Mal gezeigt. Daher ist das für mich eine völlig logische Entscheidung, die in meinen Augen schon vor einem Monat klar war. Aber man will kein böses Blut und kommuniziert das dann nicht so. Aber am Ende haben die Beine und die Form entschieden.

Voigt glaubt an Überraschung bei Martin

SPORT1: Wer könnte Ihrer Meinung nach zur großen Überraschung der Tour werden?

Voigt: Ich habe immer so einen Soft Spot auf Guillaume Martin. Den mag ich sehr, sehr gerne. Ich glaube, dass er sein Limit noch nicht erreicht hat. In meinen Augen kann er besser sein, als er es bisher gezeigt hat und vielleicht auch besser als er selber glaubt. Jetzt hat er mit Simon Geschke einen sehr erfahrenen und tempoharten Helfer in der Mannschaft. Die verstehen sich auch sehr gut. Daher denke ich, dass er in diesem Jahr besser fahren wird als die letzten Jahre. Ich traue ihm ein Top-5-Ergebnis zu. Allerdings mag ich ihn auch und bin vielleicht nicht ganz objektiv. Ich finde ihn einen sympathischen Typen und Fahrer.

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