Vogts: "Was hat Löw denn falsch gemacht?"

Reinhard Franke
Berti Vogts (r.) war von 1990 bis 1998 deutscher Bundestrainer

Das frühe WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Russland hat auch Ex-Bundestrainer Berti Vogts getroffen.

Der Weltmeister von 1974, Co-Trainer der Weltmeister von 1990 und Europameistercoach von 1996 spricht mit SPORT1 über die Entscheidung seines Erben Joachim Löw, trotz des WM-Debakels weiterzumachen.

Und er schildert seine Erfahrung von 1998, als er nach dem WM-Aus im Viertelfinale weitermachte und dann doch wenig später hinwarf.

SPORT1: Herr Vogts, was sagen Sie dazu, dass Joachim Löw als Bundestrainer weitermacht?

Berti Vogts: Das ist die einzig richtige Entscheidung. Ich freue mich für Joachim Löw und auch für den deutschen Fußball. Es gab und gibt keine Alternative zu ihm. Man muss sich nur anschauen, was er in den vergangenen Jahren mit der Nationalmannschaft geleistet hat - auch im internationalen Vergleich. Deshalb bin ich sehr froh über diese Entscheidung und drücke ihm fest meine Daumen.

SPORT1: In der heutigen Zeit werden Trainer nach verpassten Zielen schnell entlassen. Hätte er nicht zurücktreten müssen, weil er mit dem Team bei der WM versagt hat?

Vogts: Die entscheidende Frage ist: Traut man Löw nochmal zu, das bisher Erreichte zu wiederholen, und haben wir noch das Potenzial in der Liga? Wenn man dann zu einem Punkt kommt, dass ausnahmsweise etwas schief gelaufen ist, was nicht hätte passieren dürfen, dann ist es richtig, weiter mit Löw zusammenzuarbeiten. Das hat das DFB-Präsidium einstimmig beschlossen.


SPORT1: Was muss Löw besser machen?

Vogts: Er weiß, dass er Fehler gemacht hat. Doch er soll jetzt erst mal einige Wochen in Urlaub fahren, bevor er sich über Fehler und mögliche Verbesserungen mit einer anderen Person austauscht. Er soll zu sich selber finden. Das Wasser im Kessel kocht immer noch. Löw soll einfach zur Ruhe kommen.  Dann soll er sich mit Oliver Bierhoff, dem Präsidenten und dem Generalsekretär zusammensetzen, um die gemeinsame Richtung für die nächsten vier Jahre festzulegen. Es ist wichtig, dass der Verband einen erfahrenen Trainer wie Löw hat. Ebenso wichtig ist es, dass dieser Trainer zusammen mit seinem Team auch daraus lernt, was bei der WM schiefgelaufen ist.

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SPORT1: Kann es auch an den fehlenden Alternativen gelegen haben, dass der DFB weiter an Löw festhält?

Vogts: Nein! Das finde ich zu negativ, wenn so etwas geschlussfolgert wird. Natürlich gibt es andere sehr gute Trainer wie einen Jürgen Klopp, den ich mir sehr gut als Bundestrainer vorstellen könnte. Aber jetzt ist die Zeit für ihn noch nicht reif, denn er hat noch zu viele Ziele mit dem FC Liverpool.

SPORT1: Könnte Klopp denn ein Thema als Bundestrainer werden?

Vogts: Nach der WM 2022 in Katar steht ein international erfahrener und anerkannter Trainer wie Klopp sicher zur Verfügung. Aber was hat Joachim Löw denn falsch gemacht? Der FC Bayern war im Halbfinale der Champions League, die anderen deutschen Vereine haben aber international versagt. Dafür konnte Löw nichts. Ich frage mich inzwischen: Wie attraktiv ist der deutsche Fußball?

SPORT1: Was meinen Sie damit?

Vogts: Wenn Passquote und Ballbesitz das Wichtigste im deutschen Fußball sind, dann Gute Nacht. Ich möchte ins Stadion gehen und Mannschaften deutsch und offensiv spielen sehen. Ich habe noch nie eine englische Mannschaft so deutsch Fußball spielen sehen wie bei dieser WM. Wichtig ist, Tore zu erzielen und Tore zu verhindern. Alles andere ist Schlafwagen-Fußball. Argentinien, Spanien und Deutschland sind mit diesem Fußball ausgeschieden. Auch in den Akademien muss anders gearbeitet werden. Nicht alle Spieler müssen gleich behandelt werden und gleich spielen, das ist der größte Blödsinn. Jeder Spieler mit seiner individuellen Klasse ist etwas Besonderes. Und diese Klasse muss weiter gefördert und verbessert werden.


SPORT1: Gibt es etwas, wofür Sie Löw kritisieren?

Vogts: Er weiß, was falsch gelaufen ist. Er hat seine Möglichkeiten bei der WM gehabt. Wenn ich ihn wirklich kritisieren will, dann mache ich das nicht in der Öffentlichkeit, sondern sage ihm das persönlich. Ich weiß, wie schwer der Bundestrainer-Job ist. Obwohl ich sagen muss, dass es heute vier Wochen Vorbereitungszeit der Nationalmannschaft auf ein Turnier gibt. Ich hatte damals knapp zwei Wochen und selbst da gab es Streit mit der Liga. Heute ist das glänzend vorbereitet für die Nationalmannschaft. 

SPORT1: 1998 ist die Nationalmannschaft bei der WM mit Ihnen als Bundestrainer nach einem 0:3 im Viertelfinale gegen Kroatien ausgeschieden. Zwei Spiele bekamen Sie danach noch, dann war Schluss für Sie. Fühlen Sie sich im Nachhinein ungerecht behandelt, wenn Sie sehen, dass Löw heute weitermachen darf?

Vogts: Gar nicht, denn es war eine andere Situation. Ich habe mich damals vom DFB verabschiedet. Ich bin zum Präsidenten (Egidius Braun, d. Red.) gegangen und habe gesagt 'Herr Braun, es macht keinen Sinn mehr. Es funktioniert nicht mehr mit mir als Trainer. Die Mannschaft braucht einen neuen Impuls.' Das war für mich die richtige Entscheidung, aber noch viel wichtiger für den DFB und die Nationalmannschaft, die ich nach wie vor liebe.


SPORT1: Kann man den Kader von 1998 und dem von heute vergleichen?

Vogts: Nein. Damals waren wir am Ende. Wir hatten so viele Verletzungsprobleme, und es gab extreme Probleme nach dem EM-Gewinn 1996 in England, weil viele Spieler ausgefallen sind. Es wurden auch einige Spieler zurückgeholt, die über ihren Zenit waren. Aber die Bundesliga hat so viel damals nicht hergegeben, und deshalb wollte ich nicht mehr weitermachen. Kein Vergleich zur Situation mit Löw heute. Man kann etwas ganz anderes vergleichen.

SPORT1: Was denn?

Vogts: Die Nationalmannschaft 1994 mit der heutigen. 1994 waren wir in den einzelnen Spielerbereichen besser aufgestellt als 1990. Es gab damals drei Gruppen: Weltmeister, die nur noch Fußball verwalten wollten, die jungen Wilden aus der Bundesliga und die Spieler aus der früheren DDR, die diese Atmosphäre gar nicht kannten. Das war schon nicht einfach und wir sind im Viertelfinale ausgeschieden (1:2 gegen Bulgarien, d. Red.). Das hat weh getan, wie man mich damals behandelt hat. Eine große deutsche Zeitung wollte mir sogar die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen. 

SPORT1: Einige Nationalspieler sollen sich nun bei einer großen Zeitung beschwert haben, dass Löw - wie auf der Torwartposition - nicht das Leistungsprinzip habe gelten lassen. Was sagen Sie dazu?

Vogts: Maulwürfe gab es schon immer. Einige Journalisten sind natürlich dankbar dafür. Ich verachte so etwas. Deshalb möchte ich kein weiteres Wort darüber verlieren. Schlimm. Ich drücke Joachim Löw ganz fest beide Daumen. Vor allem, weil schon am 6. September das schwere Spiel gegen Frankreich ansteht. Ich hoffe, er wird es wieder hinkriegen.