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Virtuelle Influencer: Besteht unser Instagram-Feed bald nur noch aus Robotern statt echten Menschen?

Sie hat 2,8 Millionen Follower auf Instagram, macht Werbung für große Marken wie Prada und zeigt sich mit Bella Hadid oder J Balvin. Nebenbei ist auch noch eine Musikkarriere drin. Doch eigentlich gibt es die US-Amerikanerin mit brasilianischen Wurzeln gar nicht.

Die virtuelle Influencerin Yuna bei einer Werbung für Flaconi. - Copyright: Studio71
Die virtuelle Influencerin Yuna bei einer Werbung für Flaconi. - Copyright: Studio71

Lil Miquela – die angeblich für immer 19 bleiben wird – ist eine virtuelle Influencerin, die sich selbst als Roboter bezeichnet. Erschaffen wurde die junge Frau mit den Sommersprossen 2016 vom Tech-Startup Brud aus Los Angeles. Zahlreiche weitere Figuren – mal mehr und mal weniger menschlich – kamen inzwischen hinzu.

Und auch Deutschland erreicht das Phänomen "Virtual Influencer". Die ProSiebenSat.1-Tochter Studio71 launchte im letzten Jahr Yuna, eine täuschend echt aussehende – aber eigentlich gar nicht existierende – Instagrammerin.

Virtual Influencer als langfristiges Thema

Werden unsere sozialen Netzwerke also bald nur noch aus den computergenerierten Fake-Menschen bestehen?

Darüber sprach Business Insider mit Urs Meier von der Agentur Garden of Youth, die sich seit rund einem Jahr intensiv mit virtuellen Influencern beschäftigt und eigentlich aus dem klassischen Influencer-Business kommt. Für Meier ist klar, „dass wir uns bei Virtual Influencern nicht mehr fragen müssen, ob sie ein Thema sind, sondern was man daraus langfristig machen kann.“ Alles werde immer virtueller und die Akzeptanz von echten Personen versus virtuellen Personen wachse gerade bei jüngeren Zielgruppen. „Das ist auch klar, denn sie sind auch mit animierten Games und Animationsfilmen aufgewachsen.“ Meier glaube, dass sich virtuelle Influencer in den nächsten zwei bis drei Jahren noch stärker durchsetzen werden.

Das Unternehmen, für das er tätig ist, will mit den künstlich erschaffenen Figuren die Probleme klassischer Influencer lösen: „Zum einen wollen wir Marken adressieren, weil wir merken, dass Marken, die auf Social Media stattfinden, immer mehr Probleme mit klassischen Influencern haben.“ Das fing damit an, dass Creator und Influencer immer teurer würden. So wollen beispielsweise Tiktok-Stars, die 2020 noch 2500 Euro für ein Posting haben wollten, laut Meier, heute bis zu 10 000 Euro haben.

Die Vorteile von virtuellen Influencern für Unternehmen

Zum anderen gebe es „fast jeden Monat“ neue Plattformen und neue Features auf den bestehenden Plattformen. Das Problem für Unternehmen, die Social Media für sich nutzen: „Nicht mit jeder neuen Plattform gibt es automatisch ein neues Budget, um sie richtig zu bespielen“, so Meier.

Der Berater erklärt: „Wenn eine Marke auf Social Media stattfinden will, gibt es momentan eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder man holt die eigenen Mitarbeiter vor die Kamera oder man kauft sich einen Creator ein.“ Das Problem dabei sei, dass die Social-Media-Gesichter der Marken nach einem Jahr vielleicht mehr Geld haben wollten oder keine Lust mehr auf das Format hätten. „Die Marken sind immer abhängig von Einzelpersonen“, warnt Meier.

Genau hier sollen die virtuellen Influencer Abhilfe schaffen. Meier benennt zwei entscheidende Vorteile: „Wenn Marken einen eigenen Virtual Influencer haben, den sie auf den verschiedenen Plattformen einsetzen können, sparen sie sehr viel Geld und der Charakter gehört ihnen – sie sind also nicht abhängig von einem menschlichen Influencer.“

Zustimmung von der Ökonomin und Social-Media-Expertin Barbara Engels vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln: „Unternehmen, die Virtual Influencer zu Marketingzwecken nutzen, können sie so bauen, wie sie zur Marke am besten passen. Ein Virtual Influencer ist für ein Unternehmen formbar und ändert nicht seine Meinung oder sein Image. Dadurch wird er deutlich verlässlicher. Zudem ist ein Virtual Influencer 24/7 verfügbar, wird nie müde, ist nie schlecht gelaunt.“

Virtuelle Influencer sind bereits im Einsatz

Wie man an aktuellen Beispielen erkennen kann, können Marken auch bekannte bereits existierende Gesichter zu Virtual Influencern machen. Ein Beispiel dafür sei der Frosties-Tiger des Müsli-Giganten Kellogs, erklärt Meier. „Den gibt es seit rund 70 Jahren. Jetzt hat er einen eigenen Twitch-Kanal.“

Die zweite Säule, an der Meier und sein Team arbeiten, seien eigene Virtual Influencer. „Wir wollen ein ganzes Universum aus virtuellen Figuren auf Social Media kreieren, die wir nicht für Marken bauen, sondern für uns selbst. Um zu testen und über die technischen Möglichkeiten zu lernen.“ Diese Figuren wolle man auch an Firmen vermarkten – wie menschliche Influencer eben.

In Zukunft sollen auch künstliche Intelligenzen (KIs) eine größere Rolle spielen. Meier zuversichtlich: „Denkbar ist beispielsweise, dass wir einer KI ein Thema geben und sie das komplette Skript für ein Video des Virtual Influencers schreibt.“

Momentan sei die Bespielung der Accounts der virtuellen Influencer nämlich noch vergleichsweise kompliziert. Wie Meier erklärt, nehme man die Videos mit einem 3D-Motion-Capture-Setup auf. Das heißt, dass eine echte Person vor einem Greenscreen aufgenommen wird und der virtuelle Influencer später eingefügt wird. Doch Meier ist zuversichtlich: „Ich bin mir sicher, dass Künstliche Intelligenz das in den nächsten Jahren deutlich einfacher machen wird und wir kein Motion-Capture-Setup mehr brauchen.“

Derzeit seien die virtuellen Figuren in Deutschland insbesondere für Online-Möbelhändler interessant. Der Berater erklärt, dass sie ihre Produkte durch virtuelle Räume und Figuren etwa einfacher und günstiger in Szene setzen könnten.

Die Nachteile der virtuellen Influencer

Fraglich ist, wie virtuelle Influencer das Alleinstellungsmerkmal der echten Menschen in den sozialen Medien ausgleichen sollen – die Authentizität ist schließlich das Verkaufsargument echter Influencer. Meier gibt zu: „Eigentlich ist es paradox, denn Influencer werden ja gerade aufgrund ihrer Authentizität so gefeiert. Weil sie so echt sind.“ Allerdings wisse man, dass auch virtuelle Influencer gerade bei einer sehr jungen Zielgruppe gut ankommen könnten. Der sogenannte Uncally-Valley-Effekt beschreibe genau das. „Er sagt aus, wie ein Roboter aussehen muss, damit er von der Zielgruppe anerkannt wird. Wir wissen, dass Roboter oder virtuelle Influencer möglichst menschenähnlich, aber nicht zu menschlich aussehen müssen, damit sie akzeptiert werden“, erklärt der Berater.

Auch Expertin Engels sagt, „wir sehen, dass es schwieriger ist, zu einem Virtual Influencer eine emotionale Bindung aufzubauen. Aber trotzdem können die emotionalen Bindungen zu virtuellen Personen oder KIs stärker sein, als man vermuten würde.“ Die Menschen würden teilweise vergessen, dass es sich gar nicht um echte Personen handle.

Für die Expertin ist trotzdem klar, dass die virtuelle Konkurrenz die echten Influencer nie ganz ersetzen könne. Sie seien „ein Komplement zu echten Influencern“. Zudem gebe es Indizien dafür, dass der Influencer-Markt eigentlich schon gesättigt sei. Allerdings gebe es gleichzeitig auch eine hohe Fluktuation und Dynamik.

Das weiß auch Meier, erklärt, dass virtuelle Influencer trotz allem „nicht die Lösung für alles“ seien. Es werde auch weiter menschliche Influencer geben. „So wie es Animationsfilme und Filme mit echten Schauspielern gibt“, erläutert er seine Prognose mit einer Analogie aus der alten Welt.

VIDEO: Der neue Hotspot für Influencer?