Virologe Alexander Kekulé im ProSieben-Corona-Talk: "Alle sollten jetzt OP-Masken tragen"

Jens Szameit
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Virologe Alexander Kekulé im ProSieben-Corona-Talk: "Alle sollten jetzt OP-Masken tragen"

In einer Art Corona-Call-in-Show bei ProSieben rief einer von Deutschlands renommiertesten Virologen die Menschen auf, bevorzugt mit Gesichtsmasken das Haus zu verlassen. CSU-Chef Markus Söder hingegen warnte vor einem Ausverkauf "halb Europas" durch Krisengewinnler.

Der Wissenshunger der Menschen angesichts der größten Pandemie der jüngeren Zeitgeschichte ist ungebrochen groß. Sogar ProSieben, ein Sender, der den Informationsauftrag bislang eher nachrangig behandelte, legte nun zur besten Sendezeit das große Talkshowbesteck aus. Bei "ProSieben Live - Deutschland fragt zu Corona", einer Art Corona-Call-in-Show, gab es am Mittwochabend viel zu erfahren. Auch jenseits der Pandemieproblematik. Wer bislang etwa die Ansicht vertrat, der gebührenfinanzierte Rundfunk sei eine Art systemkonformes Sprachrohr der regierenden Parteien im Land, dürfte noch mal ins Grübeln gekommen sein, ob dem nicht eine Wahrnehmungsstörung zugrunde liegt.

Für den zugeschalteten Vizekanzler Olaf Scholz und den bayerischen Ministerpräsidenten, den "Galileo"-Moderator Stefan Gödde weihevoll als "Doktor Markus Söder" vorstellte, war das ProSieben-Format ganz sicher eine erstaunliche Abwechslung vom bohrenden Stil der ARD- und ZDF-Talks. Vor allem der CSU-Chef durfte hier noch mal den Part des Kümmerers und Krisen-Früherkenners geben, der ihm ja auch nicht mehr abzusprechen ist. Wie es sich - Achtung - anfühle, "derjenige zu sein, der als Erster da ist", kuschelte sich Gödde an den Landesvater. Der ließ die Gelegenheit nicht verstreichen, von der Schul- und Kitaschließung bis zur Ausgangsbeschränkung die getroffenen Maßnahmen am Ernst der Lage zu spiegeln.

Einer verärgerten Hebamme und Mutter, die in die Sendung skypte, konnte Söder zudem versichern, dass sie in Bayern besser aufgehoben wäre. Hier werde ihr Job als "systemrelevant" eingestuft, der Freistaat würde für sie deshalb selbstverständlich eine Kindernotbetreuung organisieren. Überhaupt sei die "frische Luft" in Bayern besonders frisch, wie alle Gäste des Unterföhringer Senders versicherten. Nur gut, dass man sie trotz Ausgangsbeschränkung genießen darf. Gastgeber Gödde fiel sodann ganz explizit aus der Rolle, er dankte den Anwesenden aus der großen Politik ausdrücklich nicht als Moderator, sondern als Staatsbürger, dass sie sich nach Feierabend im Fernsehstudio noch den Fragen und Nöten der Bevölkerung stellten. Man stelle sich so einen Satz vor aus dem Munde eines Frank Plasberg oder einer Anne Will.

Markus Söder warnt vor dem Ausverkauf von "halb Europa"

Weil "Doktor Markus Söder" wie früher die internationalen Stargäste bei "Wetten, dass ..?" wegen terminlicher Enge früher aus der Sendung entlassen wurde, gehörte ihm zu Beginn ganz viel Redezeit und kurz vor der Verabschiedung noch ein persönliches Schlusswort, um das ihn der Moderator bat. "Ich glaub, dass wir da durchkommen werden, ist nur die Frage wie", atmete der Landesvater schwer, um sodann die Stirn über die zu erwartenden wirtschaftlichen Folgeschäden in Falten zu legen. Da wurde man tatsächlich hellhörig: "Wir müssen gucken, dass wir nicht zum großen Übernahmekandidaten werden", warnte Söder. "Denn Länder, die schneller rauskommen aus der Krise, haben sehr viel Kapital und können beginnen, halb Europa aufzukaufen."

Überhaupt mache er sich "ehrlich gesagt wahnsinnige Sorgen um unser Europa", so Söder. Jeder operiere "extrem nationalstaatlich". Es würden Lieferungen aufgehalten bei Schutzmasken, bei Atemgeräten. "Europa tut sich schwer, das zu organisieren." Ist der europäische Gedanke etwa auch mit Corona infiziert? Der Blick aus der "nördlichsten Stadt Italiens" (Söder) über die Alpen erweckt bei ihm den Eindruck: "Ich finde es auch echt nicht ganz okay, wie man Italien alleine lässt." Söder mahnte: Es gebe auch einen Tag nach der Krise. Da müsse man sich überlegen, wie die Welt dann aussehen solle.

Den weniger dankbaren Politiker-Job hatte an diesem Abend der aus Berlin zugeschaltete Vizekanzler Olaf Scholz. Der Großteil der fernmündlichen Live-Wortmeldungen in die Sendung adressierte den Finanzminister mit der Frage nach Soforthilfen. Man habe schon unglaubliche Summen auf den Weg gebracht, wiederholte Scholz ausdauernd, wissend, dass es den Handwerksmeister aus Planegg und den Kultur-Gastronomen aus München womöglich trotzdem nicht vor der Pleite rettet. Immerhin von der medizinischen Front waren auch beruhigende Einlässe zu vernehmen.

Alexander Kekulé: "Es ist schade, dass die Deutschen keine OP-Masken tragen"

Neben Start-up-Guru Frank Thelen (aus der "Höhle der Löwen") und der Psychotherapeutin Dr. Beate Leinberger war mit Professor Alexander Kekulé jener Virologe zu Gast, der schon vor Wochen vehement Schulschließungen forderte, als das die Bundesregierung beratende Robert-Koch-Institut noch keine erhöhte Gefährdungslage für die deutsche Bevölkerung zu erkennen glaubte. Nach Alarmismus war dem Forscher von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg aber nicht zumute. Kekulé setzt große Hoffnung in die Entwicklung von Corona-Schnelltests und zerstreute die Sorge, man könne sich über einen - gewaschenen - Supermarktapfel mit SARS-CoV-2 infizieren.

Zur Frage schützender Gesichtsmasken gab der Virologe eine Einschätzung zu Protokoll, die auch aus seinem Mund vor wenigen Wochen noch etwas anders klang. "Das ist etwas, das immer falsch kommuniziert wird", so Kekulé. "Es ist schade, dass die Deutschen keine ganz normalen OP-Masken tragen, wie sie in China zum Straßenbild gehört haben." Das empfinde er so, "als wäre ein Schiff in Seenot, und wir haben keine Rettungsringe". Kekulé: "Ich bin sehr dafür, das alle diese ganz normalen OP-Masken tragen." Erstens, weil man die anderen damit schütze. Zweitens flögen die krankmachenden Tröpfchen beim Husten oder Sprechen heraus. "Wenn man eine Maske im Gesicht hat, kommen die Tröpfchen natürlich nicht auf der Schleimhaut an. Die wollen in die Augen, an die Nase, an den Mund. Wenn man jetzt theoretisch eine Brille hätte und eine normale OP-Maske, dann wäre das ein sehr, sehr guter Schutz."

Gödde wand ein: Können Coronaviren nicht wie kolportiert stundenlang in der Luft als Aerosole wabern? "Das ist nicht der typische Übertragungsmechanismus", befand der Virologe. "Wir wissen, wenn man das direkte Problem Face to Face abschaltet, dass man dann die Krankheit wirksam abschaltet. Das haben wir in Hongkong gesehen." Professor Kekulé gab sogar selbstgebastelten Gesichtsmasken seine Absolution. Die seien "fast genauso gut wie die gekauften. Und optisch und modisch vielleicht sogar besser." Der Forscher: "Wir müssen ja irgendeine Option haben, wenn wir wieder rausgelassen werden. Wir können ja dann nicht weitermachen wie vorher. Sonst ist das Problem innerhalb von drei Wochen wieder so groß."

Alexander Kekulé: "Wir brauchen ein Gesamtkonzept"

Den jüngsten Vorstoß von Kanzleramtschef Helge Braun, zuerst die jüngeren Bevölkerungsgruppen von der Ausgangsbeschränkung zu entbinden, kommentierte Professor Kekulé hingegen spitz: "Wir müssen aufpassen, dass nicht jeder ne Idee hat, wen man als Erstes befreit. Ich glaube, wir brauchen ein Gesamtkonzept, die Leute wollen das auch hören. Sie steigen ja auch nicht in einen Zug ein und wissen nicht, wo der gerade hinfährt." Zu sagen, man fahre "auf Sicht" - das sei ein Begriff aus der Seefahrt: "Die sagen das immer, wenn sie kein Navigationssystem haben. Das ist nichts, was beruhigend klingt."

So blieb dann doch manches hängen von diesem aus gutem Grund stark Service-orientierten Talkabend im Privatfernsehen. Bei den Machern natürlich zuvorderst das Lob des Ministerpräsidenten. "ProSieben ein Dankeschön für so tolle Sendungen", entfuhr es Markus Söder. "Die Medien werden ja oft gescholten. Ich finde das großartig, dass solche Sendungen und solche Möglichkeiten bestehen. Viel Erfolg!" Da hat er natürlich Recht, gerade mit Blick auf das Parallelprogramm des Schwestersenders mit dem Bällchenlogo. Dort war zeitgleich am Mittwochabend zu sehen, wie ein früherer Hamburger Innensenator einer anderen Reality-TV-Persönlichkeit unter den Rock griff. Nicht nur im Sinne des Social-Distancing-Gebots erscheint derlei aktuell deutlich weniger systemrelevant.