Die vierte Revolution

Die Chemieindustrie steht vor dem Umbruch: Digitalisierung und Zwang zu mehr Nachhaltigkeit sind die neuen Treiber der Branche, zeigt eine Studie. Die deutschen Hersteller rüsten sich bereits mit Milliardeninvestitionen.


Drei große Phasen hat die deutschen Chemieindustrie bereits erlebt: In der Gründerphase vor 150 Jahren wurden die Chemikalien auf Kohlebasis erstmals im großen Stil produziert. Das Ölzeitalter brachte später die moderne Petrochemie hervor, etwa die Herstellung von Massenkunststoffen. Seit einigen Jahrzenten konzentrieren sich die deutschen Hersteller mehr und mehr auf Spezialprodukte und globalisieren dieses Geschäft.

Nun steht die nächste, die vierte Revolution an. So prophezeit es zumindest der Verband der Chemischen Industrie (VCI) in einer neuen Studie, die er zusammen mit dem Beratungsunternehmen Deloitte erstellt hat. Unter dem Schlagwort Chemie 4.0 werde die Branche in den nächsten Jahrzehnten vor allem von zwei Entwicklungen geprägt: von der Digitalisierung des Geschäfts und vom Schwenk zu mehr Nachhaltigkeit.

„Wir sehen die Digitalisierung ganz klar als Chance, um die globale Wettbewerbsfähigkeit des Chemie- und Pharmastandort Deutschland zu stärken“, sagte der VCI-Präsident und BASF-Vorstandsvorsitzende Kurt Bock in Frankfurt. Umfragen unter Chemieunternehmen stützen diese Aussage: So zeigt das regelmäßig von der Fachzeitung Chemanager erstellte Trendbarometer, dass rund 80 Prozent der Führungskräfte in der Chemie eine positive Wirkung der Digitalisierung erwarten.


Vernetztes Denken hat die Chemie aus Bocks Sicht schon immer geprägt. Zum einen arbeiten Chemiefirmen untereinander eng zusammen, zum anderen sind sie in der Produktion eng mit ihren Kunden verwoben. Das gilt gerade für die deutsche Spezialchemie. Auf dieser Stärke will die Branche bei Digitalprojekten aufbauen.

Es geht laut VCI vor allem darum, die riesige Menge an Daten aus der bereits vernetzten Chemie zu nutzen – etwa für vorausschauende Wartung der Anlagen oder für Simulationen in der Forschung. Nach Schätzung des VCI werden die Chemiefirmen in den kommenden drei bis fünf Jahren rund eine Milliarde Euro in Digitalprojekte investieren.

Bei eine Branchengröße von 2000 Unternehmen klingt das zunächst nicht viel. Doch die deutsche Chemie ist sehr mittelständisch geprägt, 80 Prozent haben diese mittlere Größe. „Für den Mittelstand ist so ein Investitionsvolumen schon ein Wort“, sagt Henrik Follmann, der im VCI die selbstständigen Unternehmer vertritt. Es gehe nicht um die Programmierung von Apps fürs Handy. Intelligente Datennutzung könne aber dazu führen, dass die Hersteller nicht nur Chemikalien und Kunststoff liefern, sondern mit ihren Kunden stärker gemeinsam Innovationen entwickeln.


Das Zauberwort lautet: Chemie mit digitalen Dienstleistungen verknüpfen. Ein praktisches Beispiel ist die Landwirtschaft. Agrarchemiehersteller wie Bayer oder BASF sind bisher stark bei Pflanzenschutzmitteln. Jetzt entwickeln sie IT-Systeme, die mit Daten über Wetter, Bodenbeschaffenheit und Zustand der Pflanzen und Felder gefüttert werden. Die Bauern sollen damit ihren gesamten Betrieb effizienter steuern können.

Zweiter Treiber von Chemie 4.0 ist aus Sicht der Branchenexperten von Deloitte die Umstellung auf mehr Nachhaltigkeit: Weniger Ressourcenverbrauch, mehr Recyling und Einsatz nachwachsender Rohstoffe zählen dazu - das Schlagwort lautet „Zirkuläre Wirtschaft“. Das geht über die Wiederverwertung weit hinaus: So sollen künftig Kunststoffabfälle, Pflanzen oder Kohlendioxid als Rohstoff in der Chemieproduktion eingesetzt werden. Bisher werden Chemikalien überwiegend auf Basis von Rohöl gewonnen.

Für diesen Weg brauche die Branche nach Aussagen von Bock aber einen langen Atem. Wirtschaftlich sind solche neuen Chemieverfahren noch immer weit unterlegen: Die Nutzung von Rohöl ist einfacher und weitaus billiger. Dennoch sollte die Branche mehr Kraft in die weitere Entwicklung und in Pilotprojekte stecken: „Gerade die Chemie kann dazu beitragen, die zirkuläre Wirtschaft voranzutreiben“, sagt VCI-Chef Bock.

KONTEXT

Die größten Chemiekonzerne der Welt

Platz 10

PPG Industries (USA)Mit 15,33 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet das US-Unternehmen mit Firmensitz in Pittsburgh (Pennsylvania) auf dem zehnten Platz der umsatzstärksten Chemieunternehmen weltweit.Zu den Produktbereichen gehören Kunstglasprodukte, Kunstharze und Beschichtungswerkstoffe für Raumfahrt, Architektur und Industrie.

Quelle: Unternehmensangaben, Statista 2017 / Gesamtjahr 2016, jeweils letzte verfügbare Angaben

Platz 9

Linde (Deutschland)Der deutsche Technologiekonzern mit dem Kerngeschäft um Gase und Prozess-Anlagen hat im letzten Jahr 17,83 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht und erreicht so den neunten Platz im Unternehmensranking.

Platz 8

Air Liquide (Frankreich)Auf Platz acht des aktuellen Rankings landet das führende, französische Unternehmen bei Gasen für Industrie, Medizin und Umweltschutz. 19,08 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz in 2016 machen dies möglich. Mit Linde und Praxair zählt Air Liquide zu den drei größten Industriegasherstellern der Welt.

Platz 7

Henkel (Deutschland)Der Düsseldorfer Konzern gliedert sich in drei Unternehmensbereiche: Wasch-/Reinigungsmitte, Schönheitspflege und die Klebstoffe und fuhr 2016 einen Jahresumsatz von 19,69 Milliarden US-Dollar ein. In naher Zukunft möchte der Siebtplatzierte sowohl die US-Firma Darex Packaging Technologies für mehr als 1,05 Milliarden US-Dollar übernehmen als auch den mexikanischen Anbieter von Friseurprodukten Nattura Laboratorios aufkaufen. Der Düsseldorfer Konsumgüterkonzern will so vor allem das eigene Friseurgeschäft in Mexiko und den USA ausbauen.

Platz 6

DuPont (USA)24,6 Milliarden US-Dollar Umsatz und Platz sechs für den Konzern für Chemie, Materialien und Energie. Im Dezember 2015 gaben DuPont und der Konkurrent Dow Chemical bekannt, dass sie fusionieren wollen. Danach soll das Gemeinschaftsunternehmen in drei börsennotierte Unternehmen für Agrarchemikalien, Spezialchemikalien und Kunststoffe aufgespalten werden.

Platz 5

Lyondell Basell (USA)Im Mittelfeld des Rankings und mit 29,18 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet Lyondell Basell. Der weltweit größte Produzent von Polyolefinen und Katalysatoren betreibt zudem Erdölraffinerien und produziert Treibstoffzusätze wie MTBE.

Platz 4

Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien)Unverändert auf dem vierten Platz befindet sich der saudi-arabischer Chemie- und Metall-Konzern Saudi Basic Industries. Mit 39,5 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz reichte es für Metallkonzern nicht für den Sprung unter die Top-3-Chemiekonzerne. Neben Grundchemikalien wie Methanol und Ethanol stellt das Unternehmen aus dem Nahen Osten auch Düngemittel her.

Platz 3

Dow Chemical (USA)Mit 48,16 Milliarden US-Dollar Umsatz fiel der zukünftige Fusionspartner von DuPont um einen Platz im Vergleich zum Vorjahr. Die Hauptgeschäftsbereiche des US-Unternehmens aus Midland (Michigan) erstrecken sich auf die Kunststoffherstellung, Vorprodukte für die Wasseraufbereitung, Klebstoffe, Insektiziden, Saatgut und die Herstellung von Grundstoffen wie Chlor und Natronlauge.

Platz 2

Bayer (Deutschland)Der zweitplatzierte deutsche Konzern (49,2 Milliarden US-Dollar Umsatz 2016) mit Schwerpunkt auf der chemischen und pharmazeutische Industrie plant eine Megafusion mit Monsanto. Damit möchte das Unternehmen seine Agrarchemie-Sparte um genverändertes Saatgut erweitern. Um diese umstrittene Fusion unter Dach und Fach zu bringen, sollen Bayer und Monsanto bereit sein, Firmenteile für 2,5 Milliarden Dollar zu verkaufen.

Platz 1

BASF (Deutschland)Unveränderter Spitzenreiter mit 60,54 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz: BASF. Der nach Umsatz und Marktkapitalisierung weltweit größte Konzern, mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, wird sich angesichts der Megafusionen in der Branche künftig neu positionieren müssen. Dabei würde aber, laut Unternehmensführung, mehr Wert auf die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Geschäftsfelder, als an Größe an sich gelegt werden.