Vier Lehren aus der Krise: Lassen wir uns nicht von der Rückkehr zum so herbeigesehnten Alltag einlullen!

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Foto: Getty Image
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Vor mehr als einem Jahr zeigte uns das Corona-Virus das erste Mal seine schreckliche Kraft: Die Bilder aus Bergamo verdeutlichten das Ausmaß der Krise und markierten den Beginn der Pandemie in Europa und vielen anderen Staaten. Vier Thesen zur Corona-Krise wurden diskutiert:

1. Unsere Wirtschaft kann nachhaltiger werden.

2. Digital wird normal.

3. Lokale Bindungen werden die Wirtschaft stärken.

4. Die Bewältigung der Krise kann nicht ausschließlich nationalstaatlich gelingen.

Bald wird die Hälfte aller Deutschen mindestens eine Impfdosis erhalten haben. Ein Hoffnungsschimmer, dass das Virus unseren Alltag bald nicht mehr dominieren wird.

Was bleibt von den vier Thesen?

These 1: Unsere Wirtschaft ist nachhaltiger geworden. Aber leider nur vordergründig und kurzfristig. Im vergangenen Jahr gab es einen Rekord-Rückgang an CO2-Emissionen. Der Ausstoß von Kohlendioxid aus der Verbrennung von Kohle, Gas und Öl ging laut dem Forschungsnetzwerk „Global Carbon Project“ im Vergleich zu 2019 um rund sieben Prozent zurück. Doch seit Dezember übersteigen die CO2-Emissionen interessanterweise wieder die des Vorjahres. Es scheint, als würde der Corona-Effekt aufgrund der nun wieder steigenden Energienachfrage vor allem in den großen Volkswirtschaften verpuffen. Was lernen wir daraus? Wir müssen radikaler werden! Zu groß ist der Drang nach Normalität, zu verlockend die Rückkehr zu unseren bequemen Gewohnheiten.

Unsere Unbekümmertheit wird uns gefährlich. Der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, warnte jüngst, dass für die weltweite Transformation hin zu sauberer Energie nicht genug unternommen werde. Damit sei die historische Chance gefährdet, 2019 zum endgültigen Höhepunkt der globalen Emissionen zu machen. Das Klima-Urteil des Bundesverfassungsgerichts unterstreicht die Dringlichkeit dieses Vorhabens weiter. In die gleiche Richtung weist das Urteil des Gerichts in Den Haag gegen Shell, seinen CO2-Aussstoß bis 2030 um 45 Prozent zu verringern.

Was wir jetzt brauchen, ist eine ambitioniertere CO2-Bepreisung mit höheren Anhebungsschritten, damit sich klimaschädliches Verhalten immer weniger lohnt. Wichtig ist jedoch, dass Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen gleichzeitig beim Strompreis finanziell entlastet werden, um die Sozialverträglichkeit der Energiewende sicherzustellen. Dass CO2-Bepreisung ein wirksames Instrument ist, zeigt auch unternehmerisches Handeln. Im Jahr 2020 hatten bereits mehr als 250 Unternehmen in Europa einen internen CO2-Preis eingeführt, um bessere strategische Entscheidungen treffen zu können. Das ist ein glaubwürdiges wirtschaftliches Engagement für den Klimaschutz.

These 2: Digital ist das neue normal. Jedenfalls wenn man Homeoffice und Video-Konferenzen gelten lässt. Bis zu einer echten Digitalisierung ist der Weg noch weit. Zwar sind Home Office und Video-Konferenzen im vergangenen Jahr zum Alltag von Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern geworden und in vielen Unternehmen hat Corona mehr zur Digitalisierung beigetragen als die eigene IT-Abteilung. Die Pandemie hat jedoch auch gezeigt, dass an dieser Entwicklung nicht alle teilhaben können. Der Digitalunterricht an Schulen ist vielfach eine Katastrophe, die digitale Verwaltung hängt weit hinter ihren Möglichkeiten zurück und die Politik hat daraus bisher nicht die richtigen Ableitungen vorgenommen.

Ein Musterbeispiel für den steinigen Weg hin zu mehr Digitalisierung ist auch die Nutzung digitaler Möglichkeiten zur Bekämpfung der Pandemie. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bezeichnete die Corona-Warn-App als „zahnlosen Tiger“, die digitale Terminvergabe führte zu einem Impfchaos und der digitale Impfnachweis sorgt für Überforderung in allen Bereichen.

Eine kürzlich veröffentlichte McKinsey-Studie zeigt gar, dass Deutschland trotz des Corona-Effekts europaweit Schlusslicht bei der Nutzung von digitalen Angeboten ist. Die Politik ist in der Pflicht, den Breitbandausbau zu beschleunigen, um allen Menschen in Deutschland Zugang zu schnellem Internet zu ermöglichen. Erst dann nehmen auch die Akzeptanz und die Nutzungsfähigkeit für digitale Lösungen zu. Nicht nur während einer globalen Pandemie, dürfen uns Bedenken von Datenschützern von den richtigen Lösungen abhalten. Sie müssen uns anspornen.

These 4: Lokale Bindungen stärken die Wirtschaft. Das haben die Leistungen des Lebensmittelhandels gerade zu Beginn der Corona-Krise auf beeindruckende Weise verdeutlicht. Händler und Gastronomen haben den Menschen gezeigt, dass sie trotz Hamsterkäufen die umfassende Versorgung der Bevölkerung stets gewährleisten (können). Auch viele lokale Bekleidungsgeschäfte haben auf kreative Weise die Bindungen zu ihren Kunden und Kundinnen gehalten.

Aber zugleich prosperierte der Paket-Handel und Gorillas, Flink und Co wachsen. Zu gemütlich war es, kostengünstig von zu Hause aus zu ordern. Der Witz, dass Paketzusteller ausgerüstet mit Impfdosen schneller für eine Durchimpfung der Bevölkerung sorgen könnten als tausende von Impfzentren, kursierte nicht umsonst über Wochen.

In anderen Bereichen hat die Pandemie jedoch auch deutlich gemacht, wie abhängig wir von internationalen Lieferketten sind. So führte Corona etwa zu einem weltweiten Halbleitermangel. Viele Chipfirmen stellten ihre Produktion auf Unterhaltungselektronik um, die während der Krise ohnehin mehr denn je gefragt war. Nun fehlen diese Teile in der deutschen Automobilindustrie: In dutzenden Fabriken stehen die Bänder still; das hat Folgen für Tausende Beschäftigte in Deutschland. Die Initiative der EU, im Bereich von Schlüsseltechnologien unabhängiger zu werden, ist daher dringend geboten. Es lohnt sich auch, im Sinne der Krisenprävention auf bestehende Handelshemmnisse zu schauen. So verhindern zum Beispiel nicht die Patentbindungen einen raschen Aufbau zusätzlicher Kapazitäten für die Impfstoffproduktion, sondern ein Mangel an notwendigen Rohstoffen, Exportbeschränkungen und nationale Gesetzgebungen wie der Defence Protection Act in den Vereinigten Staaten, der es dem US-Präsidenten erlaubt, Industriebetriebe zur Produktion wichtiger Güter zu verpflichten. Ohne die Einbettung in einen globalen Kontext sind wir noch immer zu einseitig von internationalen Lieferketten abhängig.

These 4: Die Bewältigung der Krise kann nicht ausschließlich nationalstaatlich gelingen. Dass eine weltweite Pandemie nur international gelöst werden kann, erscheint im Rückblick fast wie eine Binsenweisheit. Statt einer These wäre hier allerdings wohl ein Appell notwendig gewesen, beendete der ehemalige amerikanische Präsident doch inmitten der Pandemie die Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Auch wenn US-Präsident Biden den Austritt inzwischen rückgängig gemacht hat, wurde in der Krise klar, dass wir eine Stärkung multilateraler Institutionen wie der Welthandelsorganisation (WTO) und der WHO benötigen. Um Fragen der Verteilungsgerechtigkeit in zukünftigen Krisen im Voraus zu vermeiden, muss die Weltgemeinschaft globale Lösungen entwickeln, statt Impfstoffe auf nationaler Ebene zu ordern und horten. Ein erster Schritt war die Haltung der Bundesregierung die Impfstoffe europäisch zu ordern. Das wurde zu wenig gewürdigt und nur so können die Gefahren einer Pandemie nachhaltig abgewehrt und eine schnelle wirtschaftliche Erholung ermöglicht werden.

Krisenprävention muss also immer international erfolgen.

Die Corona-Krise hat uns mehr denn je die Komplexität unserer Welt vor Augen geführt. Gleichzeitig zeigt sie uns, dass wir viel mehr erreichen können, wenn wir nur fest dazu entschlossen sind.

Noch nie zuvor sind Impfstoffe so schnell entwickelt und zugelassen worden wie die Vakzine gegen das Coronavirus. Wir wissen also, dass wir es können, wenn wir wollen und müssen. Lassen wir uns nicht von der Rückkehr zum so herbeigesehnten Alltag einlullen, sondern bewahren uns Unternehmergeist, Freude an Innovationen und den Willen zu internationaler Zusammenarbeit.

Der Autor ist Sprecher „Wirtschaft und Soziales“ des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK) und Partner der internationalen Unternehmensberatung Brunswick Group.

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