Vier illegale Einwanderer sprechen über ihre amerikanischen Start-up-Geschichten

Saba Nafees, 25, spricht bei einer TEDx Veranstaltung bei Texas Tech, wo sie ihren Doktor macht. Nafees, Teilnehmerin des DACA-Programms, kam von Pakistan in die USA, als sie elf Jahre alt war. (YouTube).

Jessica Hyejin Lee ist die Gründerin und CEO von BiteSize, einer Plattform, die Unternehmen hilft, ihre Verkäufe durch direkte Kontakte über Messenger-Dienste zu steigern. Sie ist außerdem ein Dreamer und immigrierte in die USA, als sie zwölf Jahre alt war.

„Wenn man keine Papiere hat, ist man so gewöhnt daran, Schwierigkeiten zu überwinden und eigene Lösungen zu finden, dass man sehr wahrscheinlich gut darin ist, ein Unternehmen zu leiten oder eines zu gründen“, sagte sie.

Nach der Middle School und Highschool in Los Angeles erhielt sie ein Vollzeitstipendium für das Bryn Mawr College. Trotzdem machte sie sich Sorgen, ob sie in Zukunft in der Lage sein würde, zu arbeiten. Während ihre Klassenkameraden Praktika bei Banken und Tech-Unternehmen machten, verbrachte Lee ihre College-Sommer damit, als Babysitter, als Hostess und als Partnerin bei einem kleinen Unternehmen zu arbeiten – alles für Bargeld.

Dann, im Juni 2012, einen Monat nach ihrem Abschluss am College, etablierte Präsident Barack Obama das Programm Deferred Action for Childhood Arricals (DACA), was Lee das Recht gab, in den USA arbeiten zu dürfen.

Jessica Hyejin Lee ist Teilnehmerin des DACA-Programms und Gründerin von Bitesize, einem Start-up im Silicon Valley.

Das DACA-Programm endet am 5. März und bisher gibt es keine Alternative, um die sogenannten Dreamer, die als Minderjährige in die USA kamen, zu schützen. DACA hat zwei große Vorteile – der Schutz vor Abschiebung und eine Arbeitserlaubnis.

Unabhängig vom rechtlichen Status kann man ein selbstständiger Auftragnehmer werden oder ein Unternehmen aufbauen, wenn man eine Steuer-Identifikationsnummer (ITIN) oder eine Sozialversicherungsnummer hat.

Lee, die 26 ist, erhielt im Juli 2013 einen Platz im Management Developing Programm der M&T Bank, aber merkte schnell, dass ihr Herz für etwas anderes schlägt. Lee hatte ihre Freizeit damit verbracht, Proteste illegaler Einwanderer zu organisieren und erkannte, welchen Einfluss die persönliche, direkte Kommunikation bei der Mobilisierung von Leuten hat, um an Versammlungen teilzunehmen oder Petitionen zu unterschreiben.

Sie nutzte ihre Erfahrung und gründete 2014 HandStack, ein Angebot für politische Kampagnen, um sich direkt mit Bürgern in Verbindung zu setzen. Bitesize ist eine weiter gefasste Ausgabe dieses Konzepts und jetzt arbeitet Lee mit allen möglichen Marken, nicht nur mit Politikern, damit diese ihre Kunden erreichen. Derzeit sammelt sie für eine Anschubfinanzierung und sagt, ihr Start-up erziele Gewinne im sechsstelligen Bereich.

Unternehmertum ist ein Nebenerwerb

Und während Lee eine Vollzeit-Unternehmerin ist, betreiben viele Immigranten ohne Papiere ihre Unternehmen nebenbei. „Viele von uns Amerikanern ohne Papiere machen jede Menge von Dingen gleichzeitig, weil wir nie wissen, was die Zukunft bringt“, sagt Saba Nafees, eine 25-Jährige, die mit ihren Eltern und ihren zwei Schwestern von Pakistan nach Fort Worth, Texas, kam, als sie elf Jahre alt war.

Nachdem sie 2014 ihren Bachelorabschluss am Honor College von Texas Tech machte, arbeitet sie nun an ihrem Doktortitel in mathematischer Biologie. Abgesehen davon, dass sie Studierende des Grundstudiums unterrichtet, arbeitet sie auch für ein Start-up namens Shop Global, das sie vergangenen Herbst übernahm.

DACA-Programmteilnehemr Saba Nafees und Jonathan Jayes-Green beim UndocuInnovation Festival in San Francisco (Daniel Clayton)

2015 entschied sie sich, an der Tibetan Innovation Challenge der University of Rochester teilzunehmen, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben von Tibetern zu verbessern, die in Flüchtlinglagern in Indien leben. Gemeinsam mit einigen Kommilitonen reichte sie einen Vorschlag ein, um Läufer, welche die tibetischen Flüchtlinge gewebt haben, über ein Online-Verkaufssystem in westlichen Ländern zu verkaufen. Als Finalistin durfte Nafees ihre Idee dem Dalai Lama in New York City präsentieren. Letztendlich gewann sie den Wettbewerb und erhielt $ 5.000 (4.055 Euro) Preisgeld für ihr Projekt. Und dann, 2016, sponsorte Texas Tech eine Reise ihres Teams nach Indien und Nepal, damit sie sehen konnten, wie die Flüchtlinge die Läufer herstellen sowie eine Grundlage zu haben, um einen Business Plan aufzustellen.

„Wir wollen diese Läufer verschicken und sie hier verkaufen. Diese Kunst handgewebter, einzigartiger, traditioneller Läufer, die Tibeter seit Jahrhunderten herstellen, stibt langsam aus“, sagte sie. „Und ich fühlte eine Verbindung zu diesen Menschen. Ich habe, wenn man es so sieht, auch kein Zuhause.“

Kapital finden

Der nächste Schritt für Nafees ist es, ihr Unternehmen zu finanzieren. Aber als Vollzeit-Doktorandin ist es nicht so einfach, Zeit zu finden, um die Idee potenziellen Investoren vorzustellen. Veranstaltungen wie UndocuInnovation in San Francisco gaben ihr die Möglichkeit, andere Unternehmer ohne Papiere zu treffen, Tipps zu bekommen und potenzielle Geldgeber zu finden.

David Silva, der Gründer von Techqueria, einer Community für Lateinamerikaner/-innen mit 1.600 Mitgliedern war auch bei der Konferenz. Er sagte, es sei wichtig und inspirierend für ihn, Teil eines Unternehmens zu sein, in dem einzelne Personen über sich hinauswachsen.

„Ich habe so viele talentierte Menschen getroffen. Ich habe die Veranstaltung mit so viel Inspiration und Motivation verlassen“, sagte er. „Viele Amerikaner haben diese Vorstellung, dass illegale Einwanderer kleine Mexikaner sind, die auf Feldern arbeiten, aber wir sind so viel mehr.“

David Silva ist der Gründer von Techqueria.

Silva, der 29 ist, kam mit 18 Jahren aus Kolumbien nach Florida, deshalb kam er nicht für das DACA-Programm in Frage. Letztendlich fand er einen Job bei einem Telemedizin-Unternehmen in San Francisco, aber er wurde nach einem Vorstandswechsel letztes Jahr gefeuert – der neue CEO wollte keinen Immigranten ohne Papiere beschäftigen.

Derzeit arbeitet Silva für ein Start-up im Gesundheitsbereich in New York City. Das Unternehmen kennt seinen illegalen Status und er ist rechtlich gesehen nach wie vor kein Angestellter. Also füllte Silva ein Online-Formular aus und zahlte rund 40 Euro, um eine GmbH zu gründen, registriert unter „Internet Services und Webseiten-Programierung“ und stellt seinem Boss alle zwei Wochen Rechnungen, um bezahlt zu werden.

Derzeit baut er einen Praktikums-Simulator, der es seinen Softwareentwickler-Kollegen ermöglicht, an Programmier-Herausforderungen teilzunehmen, ihre Lösungen zu veröffentlichen und Feedback zu erhalten.

„Man kann ein Unternehmen mit oder ohne DACA führen“

Auch wenn es kontraproduktiv erscheint, versichern illegale Immigranten, dass es sehr praktisch ist, ein Unternehmen zu gründen – denn damit setzen sie auf sich selbst.

„Man kann ein Unternehmen mit oder ohne DACA führen. Deshalb arbeite ich für mich selbst statt für jemand anderen. Wenn man inoffiziell in einem Restaurant arbeitet und man macht nicht genug Geld oder man muss seine finanzschwachen Eltern unterstützen, dann ist die beste Lösung, ein Unternehmen zu gründen“, sagte Lee.

„Das ist wirklich der schnellste Weg, sich etwas Eigenes aufzubauen, ohne von einer Legalisierung abhängig zu sein“, fügte sie hinzu.

Während DACA geschätzten 700.000 illegalen Einwanderern die Sicherheit gab, dass sie in den USA bleiben können und arbeiten dürfen, scheint ihre Zukunft extrem ungewiss und unvorhersehbar.

„Die Universität wurde zum sichersten Ort“

„Man muss rauflustig sein, um zu überleben“, sagte Elizabeth Vilchis, CEO der gemeinnützigen Organisation LatinoTech.

Nachdem sie mit sieben Jahren von Mexiko nach New York City gezogen war, war sich Vilchis bewusst, dass sie anders war als die anderen Kinder, aber sie verstand es nicht so ganz, bis sie sich fürs College bewarb.

„Wir lebten in ständiger Angst. Das war nicht normal. Es war erst in der elften Klasse der Highscool – als ich bestimmte Teile der Bewerbungen nicht ausfüllen konnte –, dass ich erkannte, dass ich illegal war. Mit fehlte die neunstellige Nummer, die in dieser Gesellschaft wirklich wichtig ist und meine Eltern konnten mir keine eindeutige Antwort geben“, sagte sie.

Sie verdankt es ihren Highschool-Lehrern, dass sie ein Programm fanden, das ihr die Ausbildung an einer City University der New York School ermöglichte. Aber sie schaffte den erforderlichen Notendurchschnitt nicht und suchte nach privaten Stipendien. Während ihrer Schulzeit arbeitete sie unter der Hand für einen Architekten, um ihre Ausbildung finanzieren zu können.

„Das ist die Falle, in die wir geraten. Ich brauchte etwas länger, um die Schule abzuschließen, denn ich musste Wege finden, um meine Ausbildung zu finanzieren. Die Universität wurde der sicherste Ort. Ich blieb einfach dort, weil ich keine Antwort hatte. Ich wurde richtig gut darin, Geld aufzutreiben, um ein Studium zu finanzieren“, sagte sie.

Während sie überlegte, den GRE-Test zu machen, um sich für ein weiterführendes Studium zu bewerben, startete das DACA-Programm und sie begann letztendlich, für das CUNY-System zu arbeiten und erhielt einen Job bei Samsungs Venture Investmentfonds.

„Wir müssen unsere Karrieren auf Eis legen, um für eine Lösung zu kämpfen“

Ende vergangenen Jahres verließ Vilchis den Fonds und engagiert sich seitdem Vollzeit bei LatinoTech – sie coacht Unternehmer dahingehend, wie sie Treffen mit Investoren meistern und Finanzmittel sammeln können, weil lateinamerikanische Gründer unter den risikokapitalfinanzierten Start-ups stark unterrepräsentiert sind.

Vilchis lebt mittlerweile in New Jersey, begleitete Senator Cory Booker zur Ansprache zur Lage der Nation und sagte, es ist ihre Berufung, anderen Einwanderer-Unternehmern zu helfen.

„Ich entschloss mich, zu kündigen, weil es Zeit ist, dass ich mich nicht mehr für das Problem einsetze und darauf aufmerksam mache. Aus Selbstschutz würde es mir nicht helfen, meine gesamte Zeit auf das Unternehmen von jemand anderen zu verwenden. Eine Lösung für meine Situation zu finden, würde mir helfen“, sagte die 29-Jährige.

„Leute wie ich wir müssen permanent wichtige Entscheidungen treffen, wie unsere Karrieren auf Eis zu legen… um zu versuchen, für eine Lösung zu kämpfen. Das nervt, dass wir eine Entscheidung treffen müssen, aber wir müssen es tun.“

Das Wort ergreifen – andere dazu ermutigen, die Kontrolle über ihr Leben zu übernehmen

Illegale Einwanderer leben in ständiger Angst und Sorge vor einer möglichen Abschiebung, also warum teilen diese Unternehmer ihre Geschichten?

„Wenn ich meine Geschichte erzähle, fühle ich die Liebe und Wärme von Gemeinschaften überall im Land, auf der ganzen Welt”, sagte Nafees. „Es ist eher eine Aufgabe und Verpflichtung, das Wort zu ergreifen. Es ist nicht so, als könnte ich zurück. Ich kann nicht zurück und alles online entfernen, das über mich veröffentlicht wurde. Es gab eine Zeit, als ich dachte, ich sollte wahrscheinlich vorsichtiger sein und nicht so in der Öffentlichkeit stehen, aber jetzt erkenne ich, dass es so viele andere gibt, die Angst davor haben, zu sprechen und mit Recht, aber genau deshalb ist es so viel wichtiger für mich, offen zu reden.“

Vilchis ist der gleichen Meinung und äußert den Wunsch, so viel Kontrolle wie möglich über ihr Leben zu haben. Und sie will nicht, dass jemand anderer ihre Geschichte erzählt.

„Leider stecken wir in der Zwickmühle. Natürlich kann man im Verborgenen bleiben und hoffentlich passiert einem nichts. Aber derzeit ist man in den Augen der Öffentlichkeit das, was immer die Behörden sagen“, sagte Vilchis. „Man hat kein Mitspracherecht mehr. Ich spreche darüber, weil es meiner Rolle und mir eine Art Schutzschicht gibt. Ich würde lieber öffentlich stolz darauf sein, wer ich bin als mich zu verstecken und Angst haben zu müssen.“

Melody Hahm