Wie vier Gründertypen die Szene bewegen

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Rastlos oder Freiheitsdrang? Wer seine Eigenschaften kennt, kann sich besser mit seinem Startup aufstellen.
Rastlos oder Freiheitsdrang? Wer seine Eigenschaften kennt, kann sich besser mit seinem Startup aufstellen.

Es gehört jedes Mal viel Mut dazu, zu gründen – auch wenn man es schon einige Male gemacht hat. Gerade am Anfang braucht es für den Aufbau eines Unternehmens starke Nerven und Durchhaltevermögen: Denn oft zahlt man sich über Monate kein Gehalt aus und trägt sehr viel Verantwortung. Man arbeitet von früh bis spät und hat großen Erwartungsdruck.

Seit zehn Jahren treffe ich die unterschiedlichsten Gründerpersönlichkeiten. Aus unzähligen Gesprächen und Begegnungen in meiner Rolle als Gründerin, Beraterin und Mentorin sind mir Charakteristika von Gründertypen aufgefallen. Diese augenscheinlichen Muster, die die Antreiber hinter der Gründung sein können, habe ich versucht, in vier verschiedene Typen zu unterteilen:

1. Die Selbstständigen

Ein Typ, der mir am häufigsten begegnet ist, getrieben durch das Gegenbild zum Angestellten. Man hat also die Vorstellung im Kopf von „bloß nicht angestellt” sein zu wollen, weil man damit eine Begrenzung des eigenen Wirkungsbereiches verbindet. Der Treiber ist also ein Wunsch nach Selbstbestimmung und frei gestalteten Wirkungsraum. Dahinter stecken oft starke Entscheider, die eine klare Vision haben und auch verkörpern können. Menschen die große Freude haben andere an der Vision teilhaben zu lassen.

Es ist jedoch meines Erachtens ein Trugschluss zu denken, dass man als Entrepreneur komplett selbstbestimmt agiert. Spätestens, wenn man eine Finanzierung benötigt und Mitarbeiter einstellt, werden weitreichende Entscheidungen oft gemeinsam getroffen oder sogar komplett fremdbestimmt.

Da man allein nie alle Fachbereiche abdecken kann oder nur ein limitiertes Bild vom Aufbau und Wachstum des Unternehmens hat, sind Mitgestalter des eigenen Unternehmens gerade für Erstgründer essentiell. Gegen diese wehrt sich der Selbstständige oft aus der Angst heraus seine eigene Wirkung zu verlieren und unterzugehen. Hier kann es hilfreich sein, sich diese „allergische Reaktion” sichtbar zu machen, wie beispielsweise starke Emotionen oder Konfliktsituationen. Auch ein Business Coach kann hier womöglich helfen einen neuen Umgang mit dieser Angst zu finden.

2. Die Betroffenen

Sie erleben ein Problem hautnah, bekommen es am eigenen Leib zu spüren oder im engen Umfeld gespiegelt. Dies wollen sie mit ihrer Gründung lösen. Der Typus des Betroffenen hat nicht schon in der Schulzeit vom Unternehmer-Dasein geträumt, sondern ist eher auf Umwegen zum Gründen gelangt. Sie haben oft einen unermüdlichen Ehrgeiz und Energie und verkörpern die Gründungsidee so charismatisch wie kein anderer.
Gleichzeitig sind sie eng, manchmal zu eng, mit dem Unternehmen verbunden und sind oft stark produktorientiert.

Die sehr enge Verbundenheit mit dem Unternehmen kann dazu führen, dass sie, wenn das Produkt nicht so angenommen wird wie gewünscht, oder eine Finanzierung ausbleibt, sie sehr stark emotional leiden und Dinge zu persönlich nehmen. Zudem entwickelt dieser Gründertyp teilweise hoch komplexe Produktlösungen, die er sich in seiner Betroffenheit selbst gewünscht hätte, die aber nicht zwangsläufig dem Zielmarkt oder dem Kundenwunsch entsprechen.

Da es sich hier fast um eine Symbiose aus Unternehmen und Gründer handelt, fällt es teilweise schwer, die notwendige Objektivität und Distanz zu bewahren. Für diesen Typus kann ein starker Co-Founder im Bereich Kommerzialisierung oder sogar mit vorheriger Gründungserfahrung ein guter Match sein. Dieser kann die emotionale Verbundenheit ausgleichen und bei der Produktentwicklung mithelfen.

3. Die Weltverbesserer

Stichwort Social Impact. Weltschmerz prägt diesen Gründertyp, der sich mit Themen wie Klimaschutz, Gesundheit, Müllvermeidung oder Nachhaltigkeit befasst. Ein Bewusstsein, das insbesondere in den vergangenen Jahren vermehrt die Gründerszene dominiert. Es bedarf in diesem Segment eines verhältnismäßig hohen Anteils an Geduld und Respekt für die Entwicklung, weil der Markt noch im Entwicklungsprozess ist.

Dieser Gründertypus zeigt ein hohe, intrinsiche Motivation und ein stabiles Werte- und Weltbild. Daher hält er den langen Entwicklungszyklen meist ausdauernd stand. Da diese Unternehmer jedoch oft aus einer bestimmten Weltansicht heraus gründen, habe ich machnmal erlebt, dass sie nicht ausreichend nach rechts und links schauen. Es gibt den Wunsch nach einer anderen Welt, gleichzeitig wenig bis keinen Respekt für die Welt wie sie heute ist. Damit einher geht das Risiko, dass ein Produkt entsteht, was an dem Markt vorbei entwickelt wird oder schon in anderer Form entwickelt wurde – oder womöglich schon mal gescheitert ist.

In dem Bereich tümmeln sich immer mehr Seriengründer, weil viele der Geschäftsmodelle undefiniert, langwierig und damit schwer zu finanzieren sind. Auch haben diese erfahrenen Gründer den finanziellen Spielraum und das Netzwerk, sich nun auf soziale Themen zu fokussieren, ohne über ihre Existenz nachdenken zu müssen. Für die Weltverbesserer kann ein Advisory Board mit Industrieexperten helfen, den Blick für den Markt nicht zu verlieren. Als Investorentyp eignen sich hier vor allem Strategen, die auch einen emotionalen Bezug zu dem Thema haben und somit auch langsamere Entwicklungszyklen im Markt respektieren.

4. Die Rastlosen

In dieser Kategorie finden sich Menschen, die Gründen als eine Art Lifestyle oder Meilenstein in ihrem Lebenslauf sehen. Der Typus kommt oft aus dem Unternehmensberater-Umfeld, von einschlägigen Unis oder aus dem Finanzsektor. Daher sind diese Gründer meist an lange Arbeitstage gewöhnt und können mit Zeitmangel und Erfolgsdruck gut umgehen. Sie bringen in viele Fällen ein solides Netzwerk aus dem Finanzierungsbereich mit, haben weniger Angst vor der Skalierung des Unternehmens und erreichen somit oft schnelle Unternehmenswachstum.

Was ich hier oft bemerke, ist, dass eine authentische Identifikation mit dem Produkt oder der Dienstleistung fehlt. Diese Gründertypen sind smart, verfügen über eine prozessuale Denkweise, aber brauchen eine starke Unterstützung durch die Rolle eines CMOs. Da sie Schwierigkeiten haben, das Produkt zu fühlen, fällt es ihnen schwerer eine Markenidentität zu entwickeln, die in einigen Bereichen, insbesondere im B2C meist substantiell ist. Dazu haben sie nicht das Durchhaltevermögen wie etwa die Betroffenen oder die Weltverbesserer, dafür aber eine Neutralität und bewahren in Krisen eher einen kühlen Kopf.

Die Perspektive von Außen

Mein persönliches Fazit: Am Ende sind wir alle Individuen, geprägt durch unsere Erziehung, soziales Umfeld und persönliche Erfahrungen. Diese Typisierung beruht auf langjähriger Beobachtung, Begegnungen und unzähligen Gesprächen mit Gründern. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch. Aber wenn man sich bei einem Typus wiederfindet, kann man sowohl die eigenen Stärken nutzen als auch die Grenzen und Schwächen respektieren. Oft hilft eine Außenperspektive durch einen Coach, aber auch ein Mitgründer oder strategisches Advisory Board, um eine Selbstreflektion anzustoßen.

Kolumnistin Farina Schurzfeld ist Unternehmerin, Speakerin und Expertin im Bereich Digitale Gesundheit. Sie hat unter anderem das Psychotherapie-Startup Selfapy mitgegründet.

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