Vieles, was ihr für eine gute Präsentation braucht, könnt ihr vom Wetterbericht lernen — hier sind die besten Tipps

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Wer aktuelle Infos über das Wetter braucht, schaut am besten aus dem Fenster. Wer es ganz genau wissen will, findet im Internet eine fast unbegrenzte Fülle an Wetterdaten. Dazwischen liegt – fast vergessen – eine Instanz aus dem 20. Jahrhundert: der Fernseh-Wetterbericht. Er hat sogar noch einen sehr positiven Nebeneffekt. Gut gemachte Wetterberichte lehren eine für viele unverzichtbare Büro-Fähigkeit: Das Präsentieren komplexer Zahlen und Zusammenhänge.

Wer glaubt, der Wetterbericht sei nur das simple Vorlesen von Temperaturen, der irrt gleich doppelt. Zum einen technisch: Hinter den kurzen Zusammenfassungen stehen Satellitendaten, Wetterstationen, Vorhersage-Modelle und jede Menge Rechenpower. Zum zweiten zum Umgang mit den erhobenen Daten: Denn Özden Terli, Katja Horneffer und ihre Kolleginnen und Kollegen liefern das, was sich viele Manager in Zahlenwüsten-Meetings herbeisehnen.

Bitte einmal alles, aber kurz und verständlich

Die Anforderung an TV-Meteorologen ist so klar wie komplex: Drei Minuten für Wetterdaten einer 400.000 Quadratkilometer großen Fläche, eingeklemmt zwischen Weltgeschehen und Abendprogramm. Sie sollen regionale Unterschiede hervorheben, Regenwahrscheinlichkeiten einbeziehen. Außergewöhnliche Wetterereignisse sollten nicht fehlen. Und wenn man schon mal über das Wetter spricht, könnte eine Veranschaulichung des Klimawandels anhand von Großwetterlagen oder lokalen Wetterereignissen nicht schaden. Aber alles in drei Minuten. Im Elevator-Pitch-Format quasi.

Gute Wetterberichte im Fernsehen sind Musterbeispiele an Klarheit. Würden sie einfach nur Wetterdaten wiedergeben, klänge das ungefähr so: „Die Wetterstation auf Breitengrad 51.5646195 und Längengrad 7.3106175 verzeichnet in den letzten vier Stunden einen Abfall von 23 hPa, die Prognose geht von einem Abfall um weitere sieben Prozent aus. Das unterscheidet sich deutlich von der Wetterstation auf Breitengrad …“.

TV-Meteorologen verwandeln ihr Expertenwissen in verständliche Sprache: „Das Wetter in Castrop Rauxel wird voraussichtlich schlechter.“ So einfach kann Kompliziertes sein. In ihren Präsentationen tauchen keine Zahlen auf, die nicht verständlich sind oder sich selbst erklären würden. Die Bilder im Hintergrund verändern sich nur, wenn es für den Zuschauer Sinn ergibt. Der gesprochene Text wird kurzgehalten, gibt einen Überblick, der auch dann verständlich ist, wenn sich die Zuschauer vor wenigen Minuten noch mit Bundestagsdebatten beschäftigt haben.

Die Wetter-Experten vermeiden einen zentralen Fehler in vielen Business-Präsentationen: Stundenlang beschäftigen sich viele Arbeitnehmer mit einem Thema, ziehen Zahlen heran, besprechen sie mit Kollegen, basteln wunderschöne Visualisierungen. Kurz vor der entscheidenden Besprechung wird dann alles in eine 50 Folien-Präsentation gepresst und vor den nichts ahnenden Zuhörern in Rekordtempo entladen. Wehren können sich diese kaum – oder mit einem vergifteten Lob der Art: „Das war jetzt ein wirklich umfangreicher Überblick, vielen Dank“. Entschieden wird das Thema dann mit hoher Wahrscheinlichkeit doch nach Bauchgefühl oder anhand von Aspekten, die in der Präsentation nur am Rande vorkamen.

Eis kratzen oder nicht kratzen: Das ist hier die Frage

Zuschauern des Wetterberichts kann so etwas kaum passieren, denn sie wissen: Nur, was wirklich für alle wichtig ist, schafft es auch in die Präsentation. Vielleicht sorgt die Wetterlage an der portugiesischen Küste gerade für traumhafte Surfbedingungen. Oder die neue Wetterstation am Chiemsee liefert erstaunliche Daten, die niemand erahnt hätte. Aber interessiert das die Zuschauerin in Bottrop, die wissen will, ob sie morgen früher aufstehen sollte, um ihr Auto vom Eis zu befreien?

Fernseh-Meteorologen schaffen es Tag für Tag, ihre fachliche Voreingenommenheit hintanzustellen. Mit Sicherheit gäbe es für sie auch spannendere, interessantere oder beeindruckendere Daten, als die mit Wölkchen- und Regensymbolen bedeckte Deutschland-Karte. Nur wissen sie, dass diese für ihre Zuschauer in diesem Moment weniger wichtig sind. Auch in der Welt der Meetings und Powerpoints könnt ihr euch diese Denkweise zunutze machen. Das Publikum zählt, nicht euer Wissen.

Nur die wenigsten Präsentationen sind dazu da, das Publikum auf das eigene fachliche Niveau zu heben. Wichtiger als Vollständigkeit ist die Frage: Was in meiner Präsentation macht es meinem Gegenüber leichter, die richtigen Entscheidungen zu treffen? Welche Fragen kann ich in kurzen Worten und klaren Visualisierungen deutlich beantworten? Wer das beherzigt, kann ein Bauchgefühl seiner Zuhörer („Wahrscheinlich muss ich morgen kein Eis kratzen, bevor ich losfahre“) in eine Gewissheit umwandeln („Ja, mein Experte hat mir gesagt, ich kann länger schlafen“). Eine Frage beantworten, bevor sie ausgesprochen wird: Entscheider lieben diesen Trick.

Vertrauen du haben musst, junger PPT-Padawan

Doch wenn es so wichtig für TV-Meteorologen ist, einen direkten Nutzen für die Zuhörer zu schaffen, müssten sie nicht detaillierter auf lokale Situationen eingehen? Vielleicht regnet es ja in München, aber was ist in Dachau? Und müssten nicht alle Städte auf der Karte verzeichnet sein, damit auch jeder sieht, wo seine Stadt eigentlich liegt? Darauf können die Wetterexperten verzichten, das Stichwort heißt: Vertrauen.

Wer sein Publikum ungefähr kennt, kann auch einschätzen, wie sehr es Zusammenhänge in der Präsentation erschließen kann. Heißt für Fernseh-Meteorologen: Der überwiegende Teil der Zuschauer weiß, ob der eigene Wohnort in der Nähe von München oder Hamburg ist. Meist sogar in welcher Himmelsrichtung davon und wie weit ungefähr entfernt. Wer den Zuhörern Vorwissen zutraut, kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. Vor den zahllosen Zoom-Bildschirmen der Home-Office-Republik wird das aber oft vergessen.

Warum wird in mancher Verkaufspräsentation noch einmal auf die unschlagbaren Ergebnisse von "KW3 2018" eingegangen? Oder dieser Klassiker:

„Ach ja, und wer es nicht weiß, hier im März 2017, auf dem Diagramm links unten, da hatten wir zwei Tage ein Anlieferproblem bei unserem Lager, deswegen gehen die Versandzahlen hier um drei Prozent nach unten.“

Durch den Versuch, auch noch kleinste Details für jeden verständlich zu machen, schwindet der Blick auf die wichtigeren Punkte. Schlechter Nebeneffekt: Die Anwesenden lehnen sich zurück und die Vortragenden erklären und erklären, bis plötzlich die Zeit zu Ende ist:

„Danke, das reicht.“

„Fragen?“

„Nee, wurde ja alles ausführlich erläutert.“

Wer Informationen präsentieren will, sollte sich an den Meteorologen im Fernsehen orientieren: Was nichts mit der Grundfrage der Präsentation zu tun hat, fliegt raus. Überhaupt hat man in einem Meeting einen Vorteil, den die Fernseh-Experten nicht haben. Spätestens, wenn ein Thema wichtig für einen der Zuhörer wird, landet es erneut auf der Tagesordnung – in Form einer Frage. Davon können die Wetter-Präsentatoren nur träumen. Eigentlich schade, lässt es sich doch über nichts so schön diskutieren wie über das Wetter.

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