Vielen Orchestermusikern droht Altersarmut, wenn sie nicht selbst vorsorgen

Bereits im Dezember 2006 protestierten etwa 650 Musiker der Thüringer Theater und Orchester musikalisch gegen die Sparpläne der Landesregierung. (Bild: AP Photo/Jens Meyer)

Sie sind Ausnahmetalente und trotzdem haben sie Existenzängste. Bei der Bezahlung von Orchestermusikern gibt es große Unterschiede – vor allem zwischen freien Musikern und öffentlich geförderten Orchestern. Ohne eigene Vorsorge droht vielen mit der Rente die Altersarmut.

Auf dem Weg in ein klassisches Orchester muss jeder Musiker zunächst ein anspruchsvolles und mitunter kostspieliges Studium absolvieren. Da sollte man meinen, dass die musizierenden Talente auch entsprechend für ihre Arbeit entlohnt werden. Doch wie in vielen anderen Branchen haben es auch viele Orchestermusiker schwer.

Besonders freischaffende Musiker brauchen viele Aufträge, um überhaupt von ihrer Tätigkeit leben zu können. Zwar gibt es Mindestsätze für Konzerte (160 bis 240 Euro pro Tag) und Proben (rund 80 Euro pro Tag), die von der Musikergewerkschaft Deutsche Orchestervereinigung (DOV) empfohlen werden, doch nicht in jeder Region können diese Summen auch tatsächlich bezahlt werden, heißt es in einem Bericht des „Norddeutschen Rundfunk“. Ein gut ausgebildeter freier Orchestermusiker komme demnach gerade einmal auf ein Einkommen von rund 2.000 Euro brutto im Monat – vorausgesetzt er wird jedes Wochenende gebucht. So ist es nicht verwunderlich, dass sich viele der freien Musiker ihre Haushaltskasse mit Musikunterricht aufstocken. Der eine mehr, der andere weniger – je nachdem, wie viel Zeit noch für die Familie bleiben soll.

Feste Orchestermitglieder werden nach Tarif bezahlt

Etwas besser bestellt ist es um all die Musiker, welche sich zu einem festen Orchester zählen dürfen. Städtische Orchester, Theater- oder Staatsorchester bieten laut „NDR“ mehr Sicherheit, denn hier wird nach Tarif bezahlt und es gilt: Je größer das Orchester, desto mehr bekommen dessen Musiker. So zahlen A-Orchester wie die Staatsorchester Hannover und Braunschweig laut Tarifvertrag mindestens 2.600 Euro brutto im Monat. Bei den B-Orchestern Oldenburg, Osnabrück und Göttingen beginnt die Grundvergütung ebenso im Schnitt bei 2.600 Euro. Die kleinen D-Orchester wie die Lüneburger Symphoniker oder das Orchester des Theaters für Niedersachen (TfN) in Hildesheim vergüten ihre Musiker monatlich mit mindestens 2.300 Euro.

Je länger man als Orchestermusiker tätig ist, desto höher steigt man in der Gehaltsstufe. Aber auch wer schon lange für und mit Orchestern arbeitet, hat längst noch nicht ausgesorgt. Mit der Rente droht für immer mehr Orchestermusikern die Altersarmut. Wer in der heutigen Zeit nur auf eine Netto-Rente um die 1.000 Euro kommt, ist nicht mehr weit von der Armut entfernt – bei den immer weiter in die Höhe steigenden Mietpreisen in den Großstädten ist man damit schon an der Armutsgrenze angekommen.

Zusatzrente notwendig

Mit einer Zusatzrente, wie zum Beispiel bei der Bayerischen Versorgungskammer, die für Kulturorchester bundesweit zuständig ist, könnte es vielen Musikern im Rentenalter besser gehen. Zahlreiche Orchester in Deutschland müssen sich hier verpflichtend anmelden, um ihre Musikerinnen und Musiker zu versichern. Die Voraussetzungen: Es handelt sich um ein Orchester, das Opern oder klassische Musik spielt und von öffentlicher Hand getragen wird. Jeder Musiker, der bei einem anderweitig organisierten Orchester tätig ist, hat folglich das Nachsehen und rutscht Stück für Stück einem Leben am Existenzminimum entgegen.

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„Musikerinnen und Musiker, die ohne Zusatzversicherung bei der Bayerischen Versorgungskammer in Orchestern spielen und deren Gagen relativ geringfügig über dem Mindestlohn liegen, werden im Ruhestand von Altersarmut betroffen sein“, sagt auch Uli Müller, die Sprecherin der Deutschen Orchestervereinigung, gegenüber dem „Norddeutschen Rundfunk“. Dies gelte umso mehr für Freischaffende, deren statistisches Jahreseinkommen nach Dokumentation der Künstlersozialkasse häufig 12.000 Euro, also 1.000 Euro im Monat, nicht übersteige. Einziger Ausweg: Die private Altersvorsorge. Allen voran freie Musiker müssen selber vorsorgen und frühzeitig so viel Geld wie möglich auf die Seite legen, um der Altersarmut zu entgehen.

Das freie Göttinger Barockorchester verzichtet jetzt bei einem Konzert am 5. Dezember 2017 um 19 Uhr in der Göttinger Nikolaikirche sogar komplett auf die Gage um das Geld für schlechte Zeiten anzulegen.

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