Warum sterben so viele russische Soldaten aus Burjatien?

Warum sterben so viele russische Soldaten aus Burjatien?

Ein Flugzeug mit 150 ehemaligen Soldaten aus Burjatien ist am 9. Juli in Ulan-Ude gelandet. Sie kamen aus der Ukraine, so sie für die russische "Militärische Sonderoperation" eingesetzt werden sollten.

Mitarbeiter der Stiftung "Freies Burjatien" hatten die jungen Männer dabei unterstützt, ihre Verträge mit dem russischen Verteidigungsministerium zu beenden. Mindestens 350 weitere Personen haben sich mit der Bitte um Hilfe an die Stiftung gewandt.

Die zurückgekehrten Soldaten berichten, dass sie mehrere Tage lang in einem Lager im Gebiet Luhansk festgehalten wurden, bevor sie unter Androhung strafrechtlicher Verfolgung schließlich nach Hause geschickt wurden.

Nach Recherchen verschiedener Medien gehört Burjatien zu den Regionen, aus denen die meisten gefallenen russischen Soldaten stammen.

"Nach dieser Nachricht von den 150 Rückkehrern wurden wir noch intensiver angesprochen", sagte Alexandra Garmazhapova, die Leiterin der Stiftung "Freies Burjatien" gegenüber Euronews sagt.

Ihre Rechtsabteilung habe seit Montag sehr viel zu tun, so Garmazhapova. "Viele Menschen haben erfahren, dass es möglich ist, einen Vertrag erfolgreich zu kündigen, und fragen sich: 'Wie bekomme ich meinen Mann raus?', 'Wie bekomme ich meinen Bruder, meinen Sohn raus?'"

Die Behauptung, dass es in Burjatien jetzt Scharen von Menschen gebe, die in die Ukraine wollen, sei absolut nicht wahr, sgat die Leiterin der Stiftung. "Im Gegenteil, es gibt Massen von Menschen, die nicht dorthin wollen."

euronews: Wie hat die Stiftung von den Soldaten aus Burjatien erfahren, die beschlossen haben, ihren Vertrag zu kündigen und nach Hause zurückzukehren?

Alexandra Garmazhapova: "Andrei Rinchino, der Leiter unserer Rechtsabteilung, wurde Anfang Juni von einem Verwandten eines der Männer kontaktiert. Dieser erzählte uns, dass die Soldaten Rücktrittsschreiben verfassen, aber Schwierigkeiten haben. Sie werden betrogen, weil sie das Gesetz nicht kennen. Wenn zum Beispiel der Vertrag eines Bediensteten ausgelaufen ist, heißt es, er sei automatisch verlängert worden. Sie nehmen keine Schreiben an und tun so, als ob sie es nicht bekommen haben. Sie drohen damit, den Stempel 'Anfällig für Verrat und Betrug' auf den Militärausweis zu setzen. Sie drohen mit einem Strafverfahren."

"Als wir die Initiative gestartet haben, hatten wir keine Ahnung, wie wir das alles machen sollten. Dann haben wir den erfolgreichen Fall von Alexei Tabalov erlebt, mit dem wir ebenfalls zusammenarbeiten. Als sich herausstellte, dass es immer noch möglich war, einen Vertrag zu kündigen, und dass es dafür keine strafrechtlichen Konsequenzen gab, egal wie sehr die Kommandanten drohten, veröffentlichten wir Erklärungen in den sozialen Medien, in denen detailliert erklärt wurde, was die Soldaten tun sollen, wie der Algorithmus für das Handeln aussieht. Die Soldaten erzählten uns später, dass sie diese Erklärungen oft benutzt und sich gegenseitig zugeschickt haben."

Als der Krieg ausbrach, wurden die Burjaten als erste in die Schlacht geschickt.

euronews: Wurde Ihre Stiftung speziell zur Unterstützung von Soldaten gegründet?

"Zunächst hat sich eine Initiativgruppe von Burjaten versammelt, mehrere Personen aus verschiedenen Ländern und Regionen, die über den Ausbruch des Krieges empört waren und ihren Standpunkt zum Ausdruck bringen wollten. Seit 2015 gibt es dieses ekelhafte Mem über 'Putins Kampf gegen Burjaten'. Es stellte sich heraus, dass die Ukrainer diesen Krieg oft mit den Burjaten in Verbindung brachten. Es kam mir so vor, als würde die Ukraine drei Völker in Russland kennen: Russen, Tschetschenen und Burjaten. Als der Krieg ausbrach, wurden die Burjaten als erste in die Schlacht geschickt. Die Reaktion der Ukrainer war natürlich: 'Die schon wieder?!' Warum die Burjaten?"

"Also haben wir uns mit einigen Leuten aus verschiedenen Ländern zusammengesetzt und beschlossen, dass wir unsere Position klarstellen müssen: Wir sind keine 'kämpfenden Burjaten' und schon gar nicht 'Wladimir Putin', dem wir eher kritisch gegenüberstehen. Wir haben das in einem Video gesagt, und das war das Ende unseres Aktivismus. Aber das Video wurde rund eine Million Mal angesehen, und die Menschen begannen uns zu schreiben, auch die in Burjatien. Sie sagten: 'Endlich hat mal jemand gesagt, dass wir gegen den Krieg sind, denn ich dachte, ich wäre der Einzige hier. Und wir haben verstanden, dass unter den Bedingungen der militärischen Zensur Menschen, die gegen den Krieg sind und von denen es in Burjatien tatsächlich viele gibt, einander nicht sehen und hören und sich in einem deprimierten Zustand befinden."

"Dann wurden wir von ukrainischen Burjaten angesprochen. Schließlich leben sie auch in der Ukraine. Sie sagten: 'Wir wollen uns auch gegen den Krieg stellen, denn wir verstehen nicht, warum die Burjaten plötzlich zum Hauptdarsteller dieses Krieges geworden sind."

"Und im selben Moment begannen die Angehörigen von Soldaten zu uns zu kommen: die Angehörigen von Vermissten, die Angehörigen deren Männer ihren Vertrag kündigen und zurückkehren wollten. Es wurde klar, dass wir uns nicht mehr zurück konnten. Wir konnten nicht sagen: 'Wisst ihr, Leute, wir wollten nur ein Video machen.' So wurde aus der Initiativgruppe 'Burjaten gegen den Krieg' die Stiftung 'Freies Burjatien'."

euronews: Wie viele Militärangehörige aus Burjatien sind nach Ihren Angaben in der Ukraine gefallen oder verwundet worden?

"Ab dem 11. Juli waren es 251, davon waren nur 69 burjatischer Nationalität. Die Gesamtzahl der burjatischen Toten beläuft sich auf 108, wenn man die Soldaten aus dem Transbaikaliengebiet und der Region Irkutsk mitzählt. Das ist eine ganze Menge."

euronews: Unterstützt die Bevölkerung der Republik Burjatien die Militäraktion auf dem Territorium der Ukraine?

"Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass das nicht der Fall ist. Als ich mich mit einem Vertragssoldaten unterhielt, der im April zurückgekehrt war, sagte er mir, dass viele Leute ihre Verträge kündigen würden. Ich habe ihn gefragt, warum. Und er sagte, dass keiner von ihnen versteht, was sie dort tun. Um zu kämpfen, braucht man ein Ziel. Und was kann ihr Ziel sein? Um die 'russische Welt' aufzubauen? Nun, die Burjaten sind keine Russen. 'Entnazifizierung' der Ukraine? Die Menschen aus Burjaten sind in Moskau, St. Petersburg und anderen Großstädten der Russischen Föderation selbst immer wieder mit rassistischen und fremdenfeindlichen Äußerungen konfrontiert. Es gibt also keine wirkliche Motivation, und immer mehr Menschen in Burjatien sehen das so."

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