Dutzende Tote bei Feuer in sibirischem Einkaufszentrum

Das Feuer war im vierten Stock des Einkaufszentrums in der Stadt Kemerowo ausgebrochen. Foto: Danil Aikin/TASS

Dutzende Menschen sterben bei einem Großbrand in Sibirien. Mögliche Ursachen - und auch Schuldige - sind schnell gefunden. Dann bestätigt sich ein grausamer Verdacht: Die Katastrophe hätte womöglich verhindert werden können.

Kemerowo (dpa) - Menschen springen im sibirischen Kemerowo in Panik aus den Fenstern, Kinder ringen im Kinosaal mit dem Tod. Als in dem Einkaufszentrum der Industriestadt ein Feuer ausbricht, sterben Dutzende in den Flammen.

«Wir brennen. Ich liebe euch, macht's gut. Ich kann nicht atmen» - mit diesen Worten soll sich ein elfjähriges Mädchen aus dem brennenden Kinosaal von seinen Eltern am Handy verabschiedet haben.

Bei der Brandkatastrophe in Russland kamen insgesamt mehr als 60 Menschen ums Leben, wie Zivilschutzleiter Wladimir Putschkow am Montag mitteilte. Viele der 64 Opfer seien Kinder, die zunächst nicht identifiziert werden konnten. Eine Schulklasse aus der Provinz war zum Zeitpunkt des Brandes dort in einem Kino - acht von ihnen sollen nicht überlebt haben. Zusätzlich wurden 53 Menschen verletzt, mehr als ein Dutzend von ihnen schwer. Noch Stunden nach dem Ausbruch des Feuers bargen die Rettungskräfte immer wieder Leichen aus dem Gebäude. Auch 200 Tiere aus einem Kleinzoo wurden getötet.

Das Feuer war am frühen Sonntagabend im vierten Stock des Einkaufszentrums ausgebrochen. Es erfasste innerhalb kurzer Zeit eine Fläche von rund 1600 Quadratmetern. Das Shopping-Center «Simnjaja Wischnja» (Winterkirsche), das wegen seines Kinos und des Tiergeheges besonders bei Familien beliebt ist, war 2013 in der Industriestadt rund 3000 Kilometer östlich von Moskau eröffnet worden.

Überlebende berichteten von dramatischen Szenen: Ein Elfjähriger sei auf der Flucht vor den Flammen aus einem Fenster im vierten Stock gesprungen. Seine Eltern und die jüngeren Geschwister überlebten das Feuer nicht. Angehörige hätten selbst nach ihren Kindern gesucht und hilflos zusehen müssen, wie diese starben.

Bei der Suche nach der Brandursache kursierten Berichte über mangelhaften Brandschutz. Die Ermittler bestätigten, dass ein Wachmann den Alarm ausschaltete, nachdem er ein Signal über das Feuer im Gebäude erhalten hatte. Warum er das tat, war zunächst nicht bekannt. Zudem sollen die Eingangstüren des Kinos verschlossen gewesen sein. Mitarbeiter des Einkaufszentrums hätten kaum Maßnahmen zur Rettung ergriffen und die Notausgänge blockiert. Als die Türen aufgingen, seien die Korridore bereits voller Rauch gewesen.

Die genaue Brandursache war zunächst unbekannt. Ersten Untersuchungen zufolge könnte ein defektes Kabel den Brand ausgelöst haben. Die Ermittler folgten jedoch auch einer Spur, wonach einige Teenager mit einem Feuerzeug gespielt und Sitzmöbel in Brand gesteckt haben sollen.

Das Versagen aller Sicherheitsvorkehrungen sei eindeutig auf Schlamperei und Fahrlässigkeit zurückzuführen, sagte die Kinderbeauftragte der Regierung, Anna Kusnjezowa, dem Sender Rossija-24. «Der eigentliche Grund für diese Katastrophe ist nicht irgendein Kabel, sondern wie wir mit den Bestimmungen umgehen», sagte Kusnjezowa. «Es ist ein Signal: Wir müssen alle Einkaufszentren überprüfen.»

Experten kritisierten auch Baumängel am Gebäude und die schlechte Qualität der Einrichtung im Einkaufszentrum, die zu schnell Feuer fangen könne. Wenige Stunden nach dem Brand wurden vier Verantwortliche festgenommen, unter ihnen der Direktor des Einkaufszentrums.

Rund 500 Feuerwehrleute retteten Dutzende Menschen aus dem Gebäude, als zwei der drei Kinosäle einstürzten. Sie brachten das Feuer weitgehend unter Kontrolle, die Flammen flackerten jedoch immer wieder auf. Das Shopping-Center soll wegen der enormen Schäden abgerissen werden.

Immer wieder kommt es in Russland zu verheerenden Bränden, bei denen Dutzende Menschen wegen mangelnder Sicherheitsbestimmungen ums Leben kamen. Zu Jahresbeginn starben mehr als ein Dutzend Gastarbeiter in einer Schuhfabrik in Nowosibirsk. Vielen Russen ist auch die Tragödie von Perm aus dem Jahr 2009 noch in Erinnerung: Nach einer missglückten Feuershow in einem Nachtclub starben mehr als 150 Menschen - die meisten waren erstickt oder zu Tode getrampelt worden.

Zahlreiche Bewohner in Kemerowo brachten am Montag Blumen zum Rathaus und legten Stofftiere auf Parkbänke. Um 16.00 Uhr Ortszeit legten Angehörige eine Schweigeminute ein. Die Behörden kündigten eine dreitägige Trauer an.

Kremlchef Wladimir Putin sprach den Familien sein Beileid aus, ebenso Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Sie teile «den Schmerz der Menschen in Kemerowo und spricht ihnen ihre tief empfundene Anteilnahme aus», sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Papst Franziskus werde vor allem die Kinder, die ihr Leben verloren hätten, in seine Gebete einschließen, teilte der Vatikan mit.