„Viele Italiener sehen Deutschland als Grund für das Leiden“

Italien hat populistisch gewählt. Dennoch findet Emanuele Gatti, Präsident der deutsch-italienischen Handelskammer: nur keine Panik.

Professore Gatti, die Protestpartei Cinque Stelle vorne, die rechte Lega stärkste Kraft im konservativen Lager. Das Wahlergebnis in Italien ist keine gute Nachricht für Europa.
Jetzt warten wir erstmal ab. Italien ist wie Deutschland eine parlamentarische Republik. Die Abgeordneten müssen in den nächsten zwei, drei Monaten entscheiden, wen sie zum Regierungschef machen. Das ist längst nicht ausgemacht. Und es ist ja nicht alles negativ: Die Wahlbeteiligung ist mit 73 Prozent nicht schlecht. Interessant ist die Stimmverteilung nach Regionen. Da ist Italien dreigeteilt: Mitte-Rechts im Norden, Mitte-Links in der Mitte, Cinque-Stelle im Süden.

Was bedeutet das?
Das zeigt, welche Themen die Menschen bewegen. In Süditalien ist es die Hoffnungslosigkeit, wegen derer sich die Menschen von etablierten Parteien abwenden. Ich denke, in Norditalien sind es zwei verschiedene Themen: Eins ist das Flüchtlingsthema. Berlusconis Medien haben in den vergangen zwei Jahren mindestens zwei, drei Stunden am Tag über Flüchtlinge gesprochen. Das bewegt die Leute. Und zweitens sind die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die die Wirtschaft des Nordens dominieren, aus ihrer Sicht am besten bei der Lega aufgehoben. Die hat es geschafft, sich als Anwalt dieser Unternehmen, die ja auch den deutsch-italienischen Wirtschaftsaustausch prägen, zu positionieren.

Aber warum wählt ausgerechnet eine wirtschaftlich so gesunde Region wie der Norden eine rechtspopulistische Partei?
Weil das Flüchtlingsthema eben viele bewegt. Aber auch, weil diese Politiker zum Beispiel in der Lombardei, was mit zehn Millionen Menschen die größte Region im Norden ist, gar nicht so radikal auftreten.


Dennoch dürfte es manch deutsches Unternehmen, das im Norden aktiv ist, befremden, wenn nun Rechtspopulisten so stark sind.
Die deutsche-italienischen Wirtschaftsbeziehungen sind zunächst einmal solide, das hat wenig mit Politik zu tun. Zehn Prozent aller Exporte aus Italien nach Deutschland etwa finden im Pharma-Bereich statt. Das ist unabhängig von der Politik. Und viele Mittelständler, die ja den Schwerpunkt des Austauschs mit Deutschland bilden, könnten womöglich profitieren in den nächsten Monaten, weil beide Protestparteien Wirtschaftspolitik vor allem für den Mittelstand machen.

Also alles gut?
Naja, das zweite Thema sind Investitionen in Italien. Der Großteil davon ist in Norditalien. Das könnte kritischer werden, weil die Unsicherheit durch die Wahlen wächst. Damit muss man jetzt erstmal rechnen. Deswegen könnte es eine Investitionspause geben.

Und die Märkte, die in der Vergangenheit auch schonmal italienische Regierungen durch Vertrauensentzug stürzten?
Ich bin sicher, dass die Börse nicht so stark reagiert. Jetzt wartet jeder erstmal, was wirklich passiert. Präsident Matarella, der dem Parlament einen Regierungschef vorschlagen muss, hat schwierige Zeiten vor sich. Die ersten Signale werden am 23. März kommen, wenn die Kammern des Parlaments erstmals zusammentreten und ihre Vorsitzenden wählen. In der Theorie kann die Koalition aus Forza Italia und Lega ihre Kandidaten da womöglich durchsetzen. Aber das würde ich erstmal abwarten.


Aber das zeigt doch die Hängepartei, vor der das Land steht.
Es gibt natürlich viel Unsicherheit. Aber die letzten 40 Jahre in Italien zeigen, dass die Stabilität der Wirtschaft unabhängig ist von der Stabilität der Politik.

Was die Wahl auch zeigt: Italiens Wähler haben keine Lust zu sparen. Ein Euro, der auf Haushaltsdisziplin gründet und wie ihn viele Deutsche wollen, scheint mit Italien nicht zu machen zu sein.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Austerität in Norditalien wirklich Thema Nummer eins war. Aber sie schwingt natürlich mit. Die Kommunikation von deutscher Seite in Italien war in dieser Hinsicht nicht die beste. Deutschland wird von vielen Italienern als Grund für das Leiden der vergangenen Jahre gesehen. Das ist leider so. Vielleicht sollte man das deutsche Anliegen eher so interpretieren, wie es die amtierende italienische Regierung in den vergangenen Jahren so erfolgreich gemacht hat: Nicht als sparen, sparen, sparen, sondern sich auf Schwerpunkte für Investitionen konzentrieren.

Naja, so erfolgreich war das auch nicht.
Wenn wir italienische Wirtschaft heute sehen, müssen wir doch feststellen: Die ist viel besser als vor fünf Jahren. Arbeitslosigkeit? Gesunken. Jugendarbeitslosigkeit? Gesunken. Defizit? Gesunken.