Viele Eltern verlieren durch die Mütterrente Geld

Die Bundesregierung will die Mütterrente ausweiten, um Eltern vor 1992 geborener Kinder besser zu stellen. Dabei hat sie schon jetzt absurde Folgen: Zehntausende Mütter bekommen wegen der Mütterrente weniger Geld.

Alles in allem, sagt Kirsten Capuzziello, ist sie zufrieden mit ihrem Leben. Gemeinsam mit ihrem Mann wohnt die 65-Jährige in einem gelben Reihenhaus in der Karlsruher Waldstadt. Vom Balkon fällt der Blick auf einen Fußgängerweg – kleinbürgerliche Vorstadtidylle.

Nur ein Thema ärgert sie: die Rente. Mit gut 1000 Euro im Monat bekommt sie deutlich weniger als ihr vor Jahren vorgerechnet wurde. Schuld daran: ausgerechnet die Mütterrente, die Eltern wie sie eigentlich besserstellen sollte. „Mir geht es nicht ums Geld, sondern um Gerechtigkeit“, sagt Capuzziello.

2014 trat die Mütterrente I in Kraft. Eltern vor 1992 geborener Kinder bekommen bei der Rente seitdem statt einem Jahr nun zwei Jahre pro Kind anerkannt. Die Zeit wird dem Elternteil gutgeschrieben, der das Kind erzogen hat. Das kann auch der Vater sein. Meist aber ist es die Mutter. 28,61 Euro mehr je Kind sollte das bringen. Weil die Rente in den vergangenen Jahren erhöht wurde, sind daraus bis heute 32,03 Euro im Monat geworden. Der nächste Schritt steht bevor: Bundessozialminister Hubertus Heil (SPD) plant die Mütterrente II. Eltern vor 1992 geborener Kinder sollen drei Jahre anerkannt werden – so viel wie bei späteren Geburten. Voraussichtlich aber nur, wenn sie drei oder mehr vor 1992 geborene Kinder haben. Doch nun zeigt sich: Viele Eltern verlieren durch die Mütterrente Geld.


Capuzziello hat nur ein Kind. Die Mütterrente II würde ihr in der bisher geplanten Form daher ohnehin nichts bringen. Die Mütterrente I hat aber auch ihr ein zusätzlich anerkanntes Kinderjahr beschert – allerdings nicht mehr Geld: Statt 32,03 Euro mehr bekommt sie rund 90 Euro weniger im Monat. Ihr Fazit: „Die Regierung hat etwas versprochen und es nicht eingehalten.“

Mehreren Zehntausend Müttern gehe es ähnlich, schätzt der Rentenberater Markus Vogts aus Karlsruhe, der auch Capuzziello betreut. Betroffen seien vor allem schlecht verdienende Beitragszahlerinnen. Dazu zählen viele Mütter mit lückenhafter Erwerbsbiografie – also genau die Gruppe, der die Mütterrente besonders helfen sollte. Diese Mütter profitieren eigentlich von einer staatlich finanzierten Aufstockung der Rente. Seitdem die Kindererziehung aber stärker berücksichtigt wird, fällt die Aufstockung weg.

In der politischen Debatte über die Mütterrente hat das bislang keine Rolle gespielt. Für den FDP-Rentenexperten und Bundestagsabgeordneten Johannes Vogel passt die Wirkung ins Bild eines „nicht bis zum Schluss durchdachten Wahlkampfgeschenks“. Mütterrente I und II würden zusammen über zehn Milliarden Euro pro Jahr kosten, finanziert nicht aus Steuern, sondern aus Rentenbeiträgen. „Finanziell unverantwortlich“, sagt Vogel. Sollte die Mütterrente II wie geplant auf Familien ab drei Kindern begrenzt werden, würden neue Ungleichbehandlungen geschaffen.

„Die meisten Betroffenen haben den Rentenverlust durch die Mütterrente nicht bemerkt“, sagt Rentenberater Vogts. Schließlich bekommen sie normalerweise keine zwei Aufstellungen ihrer Daten, anhand derer sich das Niveau mit und ohne Mütterrente vergleichen ließe. Bei Capuzziello war das anders.

2015 begann sie, über eine Frührente nachzudenken. Sie holte sich bei der Beratungsstelle der Rentenkasse eine Rentenauskunft. Das zweite Jahr Kindererziehung dank Mütterrente war darin nicht berücksichtigt. Ein Fehler. Capuzziello fiel das zunächst nicht auf. Doch als sie 2016 ihren Rentenbescheid bekam, wunderte sie sich: Ihre Rente sollte nun viel niedriger sein, als zuvor berechnet.


Capuzziello kommt auch so mit ihrer Rente aus. Sie und ihr Mann haben weitere Einkünfte. Dass die beiden sich keine finanziellen Sorgen machen müssen, war nicht immer absehbar. Capuzziello hat zwar 50 Jahre lang ununterbrochen gearbeitet, aber nie lange das Gleiche gemacht. Nach einer Lehre als Industriekauffrau war sie beim Pharmakonzern Pfizer angestellt. Ende der Siebzigerjahre bekam Capuzziello einen Sohn. Sie arbeitete weiter, aber in Teilzeit. Von Pfizer wechselte sie in den Finanzvertrieb, erst neben-, dann hauptberuflich. Als das in der Finanzkrise nicht mehr lief, verdiente sie ihr Geld beim Packservice, einem Unternehmen, das mit kleinen Werbegeschenken den Absatz von Produkten ankurbeln will. „Für 5,75 Euro die Stunde“, sagt Capuzziello. Danach arbeitete sie noch in der Finanzbranche, kontrollierte eingegebene Daten.

Capuzziello hat all diese Umbrüche gemeistert. Nach Abzug des Krankenkassenbeitrags bleiben ihr heute gut 900 Euro Rente im Monat. Nicht viel, was natürlich auch daran liegt, dass sie jahrelang den beruflichen Erfolg den privaten Pflichten unterordnete.


Schuld sind die Mindestentgeltpunkte, tief im Rentenrecht versteckt

Gerade deshalb wollte die Bundesregierung schon 2014 eine bessere Anerkennung der Kindererziehung erreichen. 9,5 Millionen Menschen sollten profitieren. „Das ist ein Akt der Gerechtigkeit gegenüber diesen Müttern, die es oft schwieriger hatten, und dieses Versprechen haben wir jetzt eingelöst“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel zu der Reform.

Ein Akt der Gerechtigkeit? Capuzziello empfindet ihn als höchst ungerecht. Sie selbst hat lange nachforschen müssen, um zu verstehen, wie es zum kräftigen Minus zwischen Rentenauskunft und Rentenbescheid kommen konnte. Sie weiß: Rentenauskünfte sind unverbindlich. Ändert sich die Rechtslage, kann sich auch die Rente noch ändern. Also hakte sie nach. „Aber ich bekam nie eine klare Auskunft.“

Erst Rentenberater Vogts stellte fest, dass es an der Mütterrente lag. Capuzziello konnte das anfangs kaum glauben. Sie zog vor den Petitionsausschuss des Bundestags. Der prüft, ob Gesetze das beabsichtigte Ziel erreichen oder zu neuen Problemen führen. Dort fordert sie, dass der Rentenanspruch durch die Mütterrente nicht sinken darf. Das soll gesetzlich so geregelt werden. In Stellungnahmen bezweifelten die Rentenversicherung und das Bundesversicherungsamt, das die Rentenversicherung beaufsichtigt, dass Capuzzielos Rentenanspruch überhaupt durch die Mütterrente gesunken ist. Dabei belegen Vogts Berechnungen genau das.


Dass es zu diesem widersinnigen Effekt kommt, liegt an einer tief im Rentenrecht versteckten Regelung: den Mindestentgeltpunkten. Die sollen Geringverdienern helfen, eine auskömmliche Rente zu erhalten. Dafür müssen sie auf wenigstens 35 für die Rente relevante Jahre kommen. Das können auch angerechnete Jahre sein, etwa für die Kindererziehung. Haben sie in allen Monaten mit normalen Rentenbeiträgen weniger als 75 Prozent des allgemeinen Durchschnitts verdient, wird die Rente aufgestockt. Vor 1992 gesammelte Ansprüche werden dann um 50 Prozent erhöht. Maximal bis zum Niveau, das bei 75 Prozent des allgemeinen Durchschnittsverdienstes erreicht worden wäre.

Capuzziello hätte die komplizierte Regelung einen deutlichen Vorteil gebracht, auf den sie nun wegen der Mütterrente verzichten muss. Als ihr das zusätzliche Kindererziehungsjahr anerkannt wurde, rutschte sie über die 75-Prozent-Schwelle – die Aufstockung fällt weg. Das Plus aus der Mütterrente gleicht das nicht aus. Unter dem Strich verliert sie jene rund 90 Euro.

Selbst die Deutsche Rentenversicherung Bund räumt ein, dass die Mütterrente Müttern nicht unbedingt mehr Geld bringt. Dies gelte für alle, die erst nach Inkrafttreten des Gesetzes in Rente gehen. Es komme zwar zu keiner Minderung bereits laufender Renten. Alle Rentnerinnen erhielten einen pauschalen Zuschlag. Wer aber noch nicht in Rente ist, bekomme auch nicht pauschal mehr. Der Anspruch auf Mindestentgeltpunkte könne dann „verloren gehen und die Rente dadurch geringer ausfallen“, teilt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) mit. Schließlich seien die Mindestentgeltpunkte eine „solidarische Ausgleichsleistung“, die durch zusätzliche Rentenbeiträge, aber auch durch die neu angerechneten Zeiten der Kindererziehung entfallen könne. Eine Rechtsänderung sei nicht beabsichtigt, so das BMAS.


Wie viele Personen betroffen sind, können weder Rentenversicherung noch BMAS sagen. 2014 dürfte die Mehrheit der Mütter vor 1992 geborener Kinder noch nicht in Rente gewesen sein. Von Rentenverlusten durch die Mütterrente I könnten etwa die Jahrgängen 1949 bis 1974 betroffen sein. Frühere Jahrgänge waren zu diesem Zeitpunkt typischerweise schon in Rente.

Anders ist die Lage bei der Mütterrente II: Die meisten betroffenen Mütter mit drei oder mehr vor 1992 geborenen Kindern sind mittlerweile im Rentenalter. Sie sollen wieder pauschal mehr bekommen, Verluste wären dann ausgeschlossen.

Wer aber noch nicht in Rente ist, könnte erneut enttäuscht werden. Es sei denn, Capuzziello setzt sich doch noch durch. Sie wartet gespannt darauf, wie es im Petitionsverfahren weiter geht. Ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit will sie nicht aufgeben.