Standard Chartered nimmt deutsche Firmenkunden ins Visier – „Es werden viele Banken verschwinden“


Bill Winters ist schon von Berufswegen Fußballfan. Seine Bank sponsert den FC Liverpool. Deshalb hat sich Winters auch auf den Weg zum Champions-League-Endspiel nach Kiew gemacht, wo er allerdings wegen der unglücklichen Niederlage gegen Real Madrid einen reichlich unerfreulichen Abend verlebte. Deutlich erfreulicher sind seine Besuche in Deutschland, wo sich der Banker, dessen Name immer fällt, wenn eine Top-Position in der Branche zu besetzen ist, mit dem Handelsblatt traf.

Herr Winters, was führt Sie nach Frankfurt?
Wie Sie wissen, haben wir uns für Frankfurt als wichtigsten Standort in Kontinentaleuropa nach dem Brexit entschieden. Das ist ein großes Projekt für uns, deshalb wollte ich vorbeischauen, um zu sehen, wie sich das Team schlägt und ob alles im Plan liegt.

Und wie macht sich Ihr Team?
Sehr gut, wir liegen im Zeitplan und im Budget. Aber die Brexit-Vorbereitungen sind nur ein Grund, warum Frankfurt so interessant für uns ist. Deutschland ist auch eines der Länder, in denen wir die meisten Kunden gewinnen. Standard Chartered ist sehr stark in Asien, Afrika und dem Nahen Osten, alles Märkte, wo deutsche Unternehmen stark wachsen. Deshalb sind sie sehr interessiert an einer Bank wie uns.

Aber Deutschland hat doch schon zu viele Banken. Die Margen stehen extrem unter Druck, vor allem im Unternehmensgeschäft ist der Wettbewerb brutal. Wie wollen Sie hier Geld verdienen?
Es stimmt, die großen deutschen Unternehmen brauchen niemanden, der ihnen Geld leiht. Natürlich ist die Vergabe von Krediten Teil unseres Angebots, aber wir können viel mehr – zum Beispiel Cashmanagement-Probleme in Sambia lösen oder eine Produktionsanlage in Bangladesch finanzieren. Bislang lag unsere Erfolgsquote bei der Gewinnung unserer Zielkunden in Deutschland bei beinahe 100 Prozent.

Wo wir gerade von deutschen Banken sprechen: Ihr Name ging durch die Medien – Sie werden als möglicher Nachfolger für den geschassten Deutsche-Bank-Chef John Cryan gehandelt ...
Ich bin wirklich glücklich als Vorstandschef von Standard Chartered. Nach meinem Abschied von JP Morgan 2009 habe ich mich für fünf Jahre aus der Bankbranche verabschiedet und sie nicht besonders vermisst. Ich habe es genossen, andere Dinge zu tun, zum Beispiel einen eigenen Vermögensverwalter aufzubauen oder der britischen Regierung zu helfen, mit den Folgen der Finanzkrise fertigzuwerden. Ich bin nur zurückgekehrt, weil mir der Job bei Standard Chartered angeboten wurde, und habe ihn angenommen, weil diese Bank ein sehr spezielles und spannendes Unternehmen ist.

Unter ihrem neuen Vorstandschef hat die Deutsche Bank ihre Strategie geändert und will sich aus einigen Märkten und Produkten zurückziehen. Profitieren Sie davon?
Ja, das tun wir. Aber es geht nicht nur um deutsche Banken – viele Geldhäuser verkleinern ihr internationales Netzwerk. Vor der Finanzkrise konkurrierte Standard Chartered beispielsweise in Afrika mit zehn anderen Instituten, die dort größere Aktivitäten hatten. Heute sind wir als große internationale Bank dort beinahe alleine.


Die britische Großbank Barclays hat ihr Afrika-Geschäft verkauft, jetzt scheint sie diesen Schritt zu bereuen. Zumindest gab es Spekulationen, dass das einer der Gründe ist, warum Barclays über eine Übernahme von Standard Chartered nachdenkt.
Barclays hat diese Gerüchte dementiert, und selbst in den Gerüchten hieß es, dass Standard Chartered niemals angesprochen wurde. Aber: Wir sind eine mittelgroße Bank mit einem sehr attraktiven internationalen Netzwerk. Es gibt wahrscheinlich nicht viele große Banken auf der Welt, die nicht von Zeit zu Zeit denken: Oh, wir könnten unser Geschäft wirklich ausbauen, wenn wir Standard Chartered dazubekommen würden.

Und, ist Ihre Bank offen für einen Deal?
Wir konzentrieren uns komplett darauf, unsere Strategie umzusetzen. Das geht sehr gut voran, wir haben die Bank gestärkt, die Einnahmen steigen ansehnlich, und wir bauen unsere Altlasten wie geplant ab. Dankenswerterweise haben wir alles, um erfolgreich arbeiten zu können – unseren Fokus auf den Schwellenländern plus einer soliden Präsenz in Europa und Amerika.

Wären Sie denn selbst an Übernahmen interessiert?
Wir sind in der sehr komfortablen Situation, dass wir nichts tun müssen, aber einiges tun können. Wäre eine Privatkundenbank in Asien eine gute Ergänzung für uns? Sicherlich – etwas in diese Richtung könnte eine natürliche Erweiterung unseres Geschäfts sein.

Viele Experten erwarten eine Konsolidierungswelle in der Bankenwelt, inklusive großer Fusionen und Übernahmen – zu Recht?
Die Konsolidierung passiert bereits, zum Beispiel in den USA, vor allem unter kleineren Instituten. Auch in Europa sehen wir eine Konsolidierung, vor allem von in Not geratenen Geldhäusern. Was bislang noch fehlt, sind größere strategische Deals zwischen europäischen Banken. Das größte Hindernis dafür ist aus meiner Sicht die Regulierung. Die Behörden machen sich noch immer Sorgen über Banken, die so groß sind, dass sie im Notfall vom Steuerzahler gerettet werden müssen.

Aber selbst die Europäische Zentralbank als Aufseherin über die großen Institute in der Euro-Zone macht sich mittlerweile für Bankenfusionen stark.
Die Regulierer wollen nicht, dass sich die Banken von ihrer Rehabilitierung nach der Finanzkrise ablenken lassen. Aber das wird sich irgendwann ändern, weil die Politik letztlich eine Wahl treffen muss zwischen Banken, die zwar sehr sicher sind, deren Profitabilität auf Dauer aber nicht ausreicht, und Banken, die nicht ganz so sicher sind, aber einen viel größeren Beitrag zur Belebung des Wirtschaftswachstums leisten können. Diese Diskussion wird kommen. Aber erst einmal müssen die Banken ihre Hausaufgaben erledigen.

Ein anderes Argument gegen schnelle Bankenfusionen in Europa sind die wachsenden politischen Risiken. Fürchten Sie, dass die Turbulenzen in Italien die Euro-Krise neu anfachen könnten?
Glücklicherweise steht jedes der Länder, die 2012 im Mittelpunkt standen, heute viel besser da, das gilt für Irland, Spanien, Portugal und sogar für Griechenland. Das heißt, dass die italienischen Probleme ein bisschen stärker isoliert sind – das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht lautet allerdings, dass Italien noch immer die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone ist. Also existiert das Risiko einer Krise. Abhängig von den Taten der italienischen Regierung könnte das eine schmerzhafte oder eine sehr schmerzhafte Krise werden.


Wie hoch ist das Risiko einer sehr schmerzhaften Krise – höher als 50 Prozent?
Das glaube ich nicht. Die EU will die Märkte die Arbeit erledigen lassen, und wie man sieht, bestrafen sie Italien. Die Märkte werden der neuen Regierung nicht erlauben, die Ausgaben dramatisch auszuweiten. Jeder Cent, den das Land für höhere Zinslasten ausgeben muss, kann nicht genutzt werden, um das Wachstum zu beleben. Das ist ein ziemlich gutes Mittel, um Politiker zu disziplinieren.

Als wir uns das letzte Mal zum Interview getroffen haben, vor rund einem Jahr, haben Sie Standard Char‧tered auf einen harten Brexit vorbereitet. Haben Sie jetzt mehr Hoffnung auf ein etwas besseres Verhandlungsergebnis?
Wir bereiten uns immer noch mit ganzer Kraft auf einen harten Brexit vor, weil man auf das Schlimmste gefasst sein muss. Aber tatsächlich bin ich hoffnungsvoller als vor zwölf Monaten. Einer der Gründe dafür ist die vereinbarte Übergangsperiode. Die Tatsache, dass sich eine pragmatische Haltung durchgesetzt hat, ist ermutigend. Ich hoffe, dass es am Ende zu einer Art Zollunion zwischen der EU und Großbritannien kommt.

Viele Politiker sehen die Brexit-Debatte allerdings nicht ganz so konstruktiv.
Das stimmt. Zwei Dinge müssen passieren: Die britische Regierung muss sich zusammenreißen und mit einer Stimme sprechen, und die EU muss Großbritannien wohlwollend gegenübertreten. Es ist nicht hilfreich, wenn europäische Politiker die britische Bevölkerung verärgern, indem sie Drohungen ausstoßen.

Einige EU-Politiker scheinen der Meinung zu sein, dass man Großbritannien „bestrafen“ muss, um anderen Wackelkandidaten zu zeigen, welch hässliche Folgen ein EU-Austritt hat.
Großbritannien wird doch auf jeden Fall bestraft. Falls das Land auf harte Weise die EU verlässt, wird das ernste wirtschaftliche Folgen haben. Wenn Großbritannien in einer Zollunion bleibt, aber keine Chance hat, die Politik in Brüssel zu beeinflussen, ist das auch eine Art von Strafe. Der Brexit wird kostspielig für Großbritannien, aber wenn die Europäer das durch weitere Strafaktionen oder Erniedrigungen verschärfen, haben wir ein Problem.

Wo liegen denn die größten Brexit-Risiken für die Finanzbranche?
Es gibt viele technische Herausforderungen, und es wird teuer, sie zu lösen. Das ist eine weitere Bremse für die Profitabilität. Und es gibt das Risiko, dass die Finanzmärkte eine Weile lang nicht reibungslos funktionieren. Die Finanzinfrastruktur und die Kapitalpools sind in London konzentriert; falls sich das auf turbulente Art und Weise ändern sollte, bevor alle die Chance hatten, sich darauf einzustellen, dann wird das ernsthafte Folgen für die Wirtschaft haben.

Sie sprechen die Abwicklung von Wertpapier- und Devisengeschäften an, das sogenannte Clearing, das im Moment vor allem in London läuft, das viele Kontinentaleuropäer aber gerne in die EU holen würden.
So, wie es aussieht, setzen die Europäer ziemlich strenge Regeln, die dazu führen würden, dass bestimmte Aktivitäten, die den Euro betreffen oder europäische Gegenparteien, auch in der EU abgewickelt werden müssen. Das ist ein kindischer Ansatz. Wenn es wirklich so weit kommt, werden die Banken einfach eine Rechnung schreiben und die zusätzlichen Kosten für das Clearing an die Realwirtschaft weiterreichen. Wenn es zu viel Hurra-Patriotismus gibt, werden wir am Ende mit schlecht ausgestatteten Clearinghäusern dastehen, die nicht in der Lage sind, in turbulenten Zeiten die nötigen Volumen abzuwickeln, dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Das wäre ein enormes Risiko.


Wo sehen Sie denn für Standard Chartered auf lange Sicht das größte strategische Risiko?
Das ist die Digitalisierung. Technologiekonzerne wie Alibaba und Tencent haben in großen Teilen des chinesischen Konsumentenmarktes die Banken ersetzt, indem sie Finanzdienstleistungen über E-Commerce-, Such- und Chatplattformen angeboten haben. Anderswo ist das bislang nicht passiert, weil die Regulierer dort strengere Regeln gesetzt haben. Aber das heißt nicht, dass wir ähnliche Entwicklungen nicht auch in anderen Teilen der Welt sehen werden – weil die Verbraucher den Komfort, den ihnen Alibaba oder Amazon bieten, überall erwarten.

Was heißt das für die Geldhäuser?
Die Banken müssen sich an die neuen Bedürfnisse der Konsumenten anpassen. Ich bin optimistisch, dass es immer Bankdienstleistungen geben wird, die nicht digital sind. Die Vergabe von Krediten ist noch immer weitgehend eine Sache des menschlichen Urteilsvermögens, vor allem, wenn es um Darlehen an Unternehmen geht. Ich würde wetten, dass Menschen menschliche Beziehungen und Ratschläge sehr viel länger wertschätzen werden, als das technisch nötig wäre.

Aber das wird eine große Bereinigung auf dem Bankenmarkt nicht verhindern, oder?
Ohne Zweifel werden viele Banken verschwinden. Würde das Ergebnis dieses Prozesses nur von den Marktkräften abhängen, bliebe am Ende eine einzige Plattform übrig, weil die Kundendaten so wertvoll sind, dass ein natürliches Monopol entstünde. Aber Regierungen und Aufseher werden das nicht erlauben – vor allem nicht in Europa. Die Behörden werden eine schützende Hand über ihre Banken halten. Das zeigt die Haltung der EU gegenüber Microsoft, Google und Amazon. Der wirkliche Druck auf die großen Internetplattformen kommt aus Europa, nicht aus den USA.

Herr Winters, vielen Dank für das Gespräch.