Wie viel ist Dembele wirklich wert?

Stefan Moser
Ousmane Dembele kam 2016 für 15 Millionen Euro von Stade Rennes nach Dortmund

120 Millionen Euro. Dieser Betrag steht mittlerweile im Raum, wenn es darum geht, dass der FC Barcelona Ousmane Dembele von Borussia Dortmund verpflichten will und - danach sieht es im Augenblick aus - auch verpflichten wird.

Selbst BVB-Chef Hans-Joachim Watzke dementiert inzwischen nur noch halbherzig: "Kein Kommentar".

Dembele also soll in Barcelona Superstar Neymar ersetzen, der seinerseits für 222 Millionen Euro zu Paris Saint-Germain gewechselt ist.

Eigene Regeln im Transferkosmos

Rechtfertigen lassen sich solche Summen ohnehin nur noch innerhalb des abgehobenen Mikrokosmos, in den der Fußball vor allem in den Transferperioden immer mehr abdriftet.

Dort aber gibt es immerhin noch ein paar eigene Regeln, die sich halbwegs nachvollziehen lassen: Barca braucht dringend einen möglichst adäquaten Ersatz, Barca hat die Taschen voller Geld - und das wissen auch die anderen, allen voran die Dortmunder. Und die Preisspirale beginnt.


Zum Vergleich: Mit 120 Millionen wäre Dembele in der (um den Neymar-Wahnsinn bereinigten) Rangliste plötzlich der mit Abstand teuerste Fußballer der Welt. Teurer als Paul Pogba, teurer als Gareth Bale und viel teurer als Cristiano Ronaldo.

Was macht Dembele so wertvoll?

Ein 20-Jähriger, der exakt eine starke Bundesligasaison in der Vita stehen hat.

Was macht ihn also so wertvoll?

Zunächst die harten Fakten: Dembele absolvierte in der vergangenen Saison 49 Pflichtspiele, erzielte dabei 10 Tore und bereitete 20 Treffer vor. Das ist außerordentlich gut - und macht eine Torbeteilung alle 161 Minuten.

Neymar zum Vergleich machte 20 Tore und 21 Assists in 45 Spielen, was eine Torbeteiligung alle 84 Minuten ergibt.


In dieser Statistik wäre Neymar also um knapp 48 Prozent besser. Seine Ablöse liegt um 46 Prozent höher. Eine Milchmädchenrechnung, aber die geht immerhin auf. Der Preis stimmt. Irgendwie.

Weiche Faktoren - Entwicklungspotential

Wichtiger aber dürften die weichen Faktoren sein. Mit seinen 20 Jahren und erst einer Saison im internationalen Fokus, hat Dembele noch viel Potenzial zu wachsen. In einer ganzen Reihe von Aspekten kann er sich verbessern. Erfahrung, Routine und Mentalität sind ein Bereich.

Ausstrahlung, Ruhe und Übersicht ein anderer. Er muss noch lernen, zuverlässig zu entscheiden, wann er welches seiner herausragenden Mittel einsetzen muss: Seine Schnelligkeit, Beidfüßigkeit, Kreativität, enge Ballführung, Risikobereitschaft und Zug zum Tor.


Thomas Tuchel sagte einst über Dembele: "Er hat einen prall gefüllten Werkzeugkasten, er muss nur noch lernen, die richtigen Werkzeuge zur richtigen Zeit einzusetzen."

In einer absoluten Spitzenmannschaft wie Barcelona, die auch noch mit einem für Dembeles Fähigkeiten optimalen Dreiersturm agiert, dürfte seine Lernkurve recht steil sind.

Strategie-Wechsel auch bei den Topklubs

Und auch das macht ihn zu einem der begehrtesten Spieler auf dem Transfermarkt. Hinter Kylian Mbappe war Dembele der erfolgreichste und beste Youngster im europäischen Fußball der vergangenen Saison.

Und wenn fertige Stars über Nacht plötzlich 222 Millionen kosten, sind auch finanzstarke Klubs dazu gezwungen, Spieler zu suchen, die womöglich kurz davor stehen, zu Superstars zu werden.

Das ist die neue Zielgruppe - und auch die wird entsprechend immer teuer. Der AS Monaco zum Beispiel fordert für Mbappe 180 Millionen Euro. Da scheinen die 120 Millionen für Dembele doch plötzlich recht vernünftig.


Zumal man schließlich auch noch die ganz weichen Faktoren mit einrechnen muss.

Dortmund hält die Trümpfe

So hat Dembele einen Vertrag bis 2021. Der BVB hat eine völlig entspannte Verhandlungsposition und kann nach dem ersten auch noch das zweite oder dritte Angebot abwarten. Mit seiner unbekümmerten Art und der spektakulären Spielweise kann der 20 Jahre alte Franzose auch ein wichtiger Faktor für Vermarktung, Image und Marketing werden. Auch das steigert den Wert.

Und dann ist da auch noch der aktuelle Markt: Es gibt schlichtweg kaum Spieler, die auf Neymars Position die nötigen Fähigkeiten mitbringen, um möglichst schnell mit Lionel Messi und Luis Suarez zu harmonieren und die Barca-Offensive ernsthaft zu bereichern.

Auch das wissen sie in Dortmund. Und lehnen sich zurück. Vielleicht werden es ja noch 150 Millionen Euro für Dembele.