Videokonferenzen bremsen die Kreativität

New York (dpa) - Videokonferenzen mögen gerade in Pandemie-Zeiten
praktisch sein, förderlich für die Kreativität sind sie anscheinend
nicht. Einer aktuellen Studie zufolge kommen virtuell vernetzten
Menschen weniger kreative Ideen als solchen, die in einem Raum
zusammen sitzen.

Vermutlich liegt das daran, dass der Bildschirm das
Sichtfeld begrenzt und damit auch geistige Prozesse einengt, die für
kreatives Denken hilfreich sind, wie ein Wissenschaftler und eine
Wissenschaftlerin im Fachmagazin «Nature» schreiben.

Im Zuge der Corona-Pandemie seien Millionen von Angestellten ins
Homeoffice gewechselt und zur virtuellen Zusammenarbeit gezwungen
gewesen, schreiben Melanie Brucks von der Columbia University und
Joathan Levav von der Stanford University. Der beispiellose Wechsel
zur Vollzeit-Fernarbeit habe gezeigt, dass Arbeit grundsätzlich auch
großflächig im virtuellen Raum funktionieren könne.

Lange Zeit sei die Zusammenarbeit in Projekten auf physische Nähe
angewiesen gewesen, weil Kommunikationstechnologien wie Telefon oder
Email den Informationsaustausch bisher beschränkt hätten. Bei
Videokonferenzen stünden hingegen fast ebenso viele audiovisuelle
Informationen zur Verfügung wie bei persönlichen Treffen, erläutern
die Forschenden. Das werfe die Frage auf, ob die neue Technologie
auch bei der Entwicklung neuer Ideen die persönliche Zusammenarbeit
ersetzen könne.

Genau das prüften die Wissenschaftler mit einer Reihe von
Experimenten. Zunächst baten sie jeweils Zweierteams von insgesamt
mehr als 600 Versuchsteilnehmern, kreative neue Verwendungsideen für
ein Produkt zu entwickeln, genauer gesagt für eine Frisbee. Die
Hälfte der Paare saß dabei gemeinsam in einem Raum, bei der anderen
Hälfte saß jeder Partner allein in einem Raum und das Team war per
Videokonferenz zusammengeschaltet.

Weniger kreative Ideen bei virtuellen Treffen

Es zeigte sich, dass virtuelle Paare deutlich weniger kreative Ideen
entwickelten. Wenn es darum ging, zu entscheiden, welche Idee weiter
verfolgt werden sollte, schnitten sie allerdings nicht schlechter ab
als Paare, die persönlich miteinander arbeiteten.

Um zu prüfen, ob tatsächlich eine Verengung der visuellen Wahrnehmung
für die Kreativitätsbremse verantwortlich ist, dekorierten die
Forscher die Versuchsräume mit verschiedenen Gegenständen, zum Teil
erwartbaren wie Ordnern, zum Teil für Büroräume ungewöhnliche, wie
ein Poster mit einem Skelett. Die Forscher verfolgten dann die Blicke
der Probanden, während sie ihre Ideen sprudeln ließen, und fragten
sie am Ende des Experiments, was sie im Raum wahrgenommen hatten.

Das Ergebnis: Die Videopartner sahen sich deutlich länger direkt an
und erinnerten sich an weniger Gegenstände im Raum als die persönlich
interagierenden Paare. Je mehr die Blicke der Probanden durch den
Raum geschweift waren und an je mehr Gegenstände sie sich erinnerten,
desto mehr kreative Ideen hatten sie auch entwickelt, berichten die
Forschenden weiter.

Eingeengter kognitiver Fokus

Sie sehen das Ergebnis als Bestätigung für die Hypothese, dass ein
eingeengtes Sichtfeld und damit ein eingeengter kognitiver Fokus
verhindern, dass Gedanken umherschweifen und dabei Assoziationen
aufkommen, die schließlich kreative Ideen entstehen lassen.

Anschließend prüften - und bestätigten - die Wissenschaftler ihre
Ergebnisse noch unter realistischeren Bedingungen an fast 1500
Angestellten einer Firma in fünf Ländern in Europa, Asien und dem
Mittleren Osten.

Zuletzt untersuchten sie, ob auch andere Erklärungsmöglichkeiten für
die beobachteten Kreativitätsunterschiede infrage kommen. Sie
schlossen zum Beispiel aus, dass persönliche Paare zwar mehr, aber
dafür nur sehr ähnliche Ideen entwickelt hatten. Über Befragungen
ermittelten sie, dass virtuelle Paare sich genauso verbunden und
vertraut fühlten wie persönlich miteinander arbeitende Paare - auch
das könne den Unterschied also nicht erklären. Untersuchungen von
(Körper-)Sprache und Mimik ergaben schließlich ebenfalls keine
Hinweise darauf, dass die Videokonferenzen per se die Kommunikation
und Interaktion der Teilnehmer entscheidend verändert hatten.

Was ist für Unternehmen besser?

Einen praktischen Tipp haben die Wissenschaftler als Fazit ihrer
Studie für Arbeitgeber parat: Wenn, wie erwartet, mit dem Ende der
Pandemie viele Arbeitnehmer einen Teil ihrer Zeit im Homeoffice und
einen Teil im Büro arbeiten werden, sollten Arbeiten, bei denen es um
die Entwicklung kreativer Ideen geht, bestenfalls in persönlicher
Runde stattfinden.

Für Unternehmen sei die Frage, ob persönliche oder virtuelle Treffen
besser sind, auch eine finanzielle Entscheidung, schreiben
Emöke-Ágnes Horvát und Brian Uzzi in einem Kommentar zu der Studie.
Wenn virtuelle Teams weniger Ideen erbrächten, diese aber zu einem
geringeren Preis, könne der Verzicht auf persönliche Treffen für ein
Unternehmen womöglich die produktivere Entscheidung sein. Insgesamt
liefere die Studie einen spannenden Ausgangspunkt für weitere
Untersuchungen zum Einfluss der Arbeitstechnologien auf die
menschliche Kreativität.

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