Nein, dieses Video zeigt keine ukrainischen Soldaten, die "Leichen in Butscha auslegen"

Hunderttausende User haben Anfang April 2022 ein 14-sekündiges Video in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Telegram gesehen, das angeblich zeigt, wie das ukrainische Militär Leichen auf den Straßen der ukrainischen Stadt Butscha auslegt. Das Video stammt tatsächlich aus Butscha. In der Beschreibung des längeren Originalvideos der US-amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press (AP) wird allerdings deutlich erklärt, dass die Soldaten die Leichen an Seilen bewegen, um sicherzugehen, dass an den Toten keine Sprengfallen angebracht sind.

Dutzende User haben das Video mit der Behauptung Anfang April 2022 auf Facebook geteilt. Auf Telegram erreichte die Erzählung Hunderttausende. Auf Twitter kursiert die Behauptung ebenfalls in anderen Sprachen wie Französisch, Niederländisch, Spanisch. Auf Telegram kursiert auch eine russische Version.

Unter den bekanntesten deutschsprachigen Verbreitenden dieser Behauptung ist Alina Lipp, eine Bloggerin, die AFP mit ihrem Telegramkanal "Neues aus Russland" bereits mit Falschinformationen zum Ukrainekrieg aufgefallen ist. Ihre Arbeit bezeichnen deutsche Medien als Propaganda für Putins Krieg (hier, hier).

Die Behauptung: In dem in sozialen Medien geteilten 14-sekündigen Videoausschnitt sind Soldaten zu sehen, die Leichen mit Seilen ein Stück über die Straße ziehen. User schreiben fast identisch im Beitragstext: "Es sind Videos aufgetaucht, in denen das ukrainische Militär Leichen in Butscha auslegen soll! Nach der Vorstellung des Regisseurs sollten alle Leichen im Bild gut zu sehen sein."

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 19.04.2022

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 kursieren immer wieder falsche Informationen über einzelne Kriegshandlungen. Dazu gehören auch Behauptungen über vermeintliche Inszenierungen von Kriegsopfern und Zerstörung (siehe hier, hier, hier, hier). AFP hat Faktenchecks zum Ukraine-Krieg hier gesammelt.

In diesem Kontext sorgten Anfang April Leichenfunde im Kiewer Vorort Butscha für Entsetzen und große mediale Aufmerksamkeit (hier, hier, hier). Die russische Regierung dementierte den Vorwurf, Kriegsverbrechen in Butscha begangen zu haben (hier, hier). User in sozialen Netzwerken behaupteten bereits anhand eines anderen Videos, die Leichen in Butscha seien eine Inszenierung mit Statisten. AFP prüfte diese Behauptung bereits hier und hier. Auch das aktuell geteilte Video reiht sich in dieses Inszenierungsnarrativ ein.

Videoausschnitt stammt von der Nachrichtenagentur AP

Der Videoausschnitt wurde tatsächlich in dem Kiewer Vorort Butscha gedreht. Ein AFP-Team dokumentierte am 2. April 2022 vor Ort die zahlreichen Leichen. Auf den dabei entstandenen Fotos ist etwa der schwarze Mercedes mit gleichem Kennzeichen aus dem Video zu sehen.

Screenshot aus dem auf Facebook geteilten Video (links) und AFP-Foto (rechts) der Leichenfunde in Butscha vom 2. April 2022 (Ronaldo Schemidt/AFP)

Auch die Nachrichtenagentur AP war am 2. April vor Ort. In deren englischsprachigem Video-Archiv ist der Mercedes in einem Beitrag mit dem Titel "Ukrainische Kriegsopfer" ebenfalls zu sehen – und zwar in dem Originalvideo, aus dem der auf Facebook geteilte Ausschnitt (ab Minute 00:56) stammt.

Soldaten fürchten Sprengfallen an Leichen

In der Beschreibung des AP-Materials steht die Erklärung für das Verhalten der Soldaten: "Die ukrainischen Soldaten, unterstützt von einer Kolonne aus Panzern und gepanzerten Fahrzeugen, befestigten Kabel an den Leichen und zogen sie von der Straße, weil sie befürchteten, sie könnten mit Sprengfallen versehen sein."

Nachrichtenagenturen wie etwa AFP, AP, Reuters und dpa verkaufen ihr Material an andere Medien. So verbreitete sich das AP-Video weltweit. Medien, die das Material übernommen hatten, erklärten in ihren Berichten ebenfalls, warum die Soldaten die Leichen an Seilen über die Straße zogen (hier, hier, hier).

Suche nach Minen ist bereits länger bekannt

AP berichtete außerdem am 3. April in einem Artikel über die Rückeroberung von Städten rund um Kiew, darunter Butscha, durch die ukrainische Armee. Darin erklärte AP auch, dass diese Maßnahme vor von der russischen Armee zurückgelassenen Sprengfallen schützen soll.

Bereits im ersten Absatz des Artikels heißt es: "Die ukrainischen Truppen rückten am Samstag vorsichtig vor, um das Gebiet nördlich der Hauptstadt zurückzuerobern, und zogen mithilfe von Seilen die Leichen von Zivilisten aus den Straßen einer Stadt, weil sie befürchteten, dass die russischen Streitkräfte sie mit Sprengfallen versehen haben könnten."

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Anfang April den russischen Streitkräften vor, Häuser, Autos und Leichen vermint zurückzulassen. Bereits zahlreiche Medien (hier, hier) berichteten über die Suche nach Minen und die Aufräumarbeiten der ukrainischen Streitkräfte, darunter auch AFP:

AP reagiert auf falsche Behauptung

AP veröffentlicht am 7. April einen eigenen Faktencheck als Reaktion auf die verbreiteten Behauptungen.

Fazit: Die Behauptung, das auf Facebook geteilte Video zeige die Inszenierung von Toten in den Straßen des Kiewer Vororts Butscha, ist falsch. Es zeigt keine Soldaten, die Leichen mit Seilen auslegen, sondern eine Maßnahme, die bei der Räumung der Stadt vor russischen Sprengfallen schützen soll. Der Beitragstext der Nachrichtenagentur AP zum längeren Originalbeitrag erklärt diese Maßnahme. Auch andere Medien, die dieses Material übernommen haben, erklärten das Verhalten der Soldaten.

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