Video mit Schüssen auf Palästinenser setzt Israels Armee unter Druck

Ein Video mit Aufnahmen von Schüssen auf einen offenbar wehrlosen Palästinenser hat der israelischen Armee schwere Vorwürfe von palästinensischer Seite eingebracht

Ein Video mit Aufnahmen von Schüssen auf einen offenbar wehrlosen Palästinenser hat der israelischen Armee schwere Vorwürfe von palästinensischer Seite eingebracht. Das Video kursiert seit Montag im Internet und veranlasste Politiker und Armee am Dienstag zu Reaktionen. Israels Streitkräfte kündigten eine Untersuchung an, Palästinenser sprachen von einem weiteren Beleg für gezielte Schüsse der Armee auf Palästinenser, die keinerlei Bedrohung sind. Rechtsgerichtete Minister in Israels Regierung verteidigten die Schützen.

Die Aufnahmen dokumentieren Stimmen, die auf Hebräisch darüber beraten, ob sie das Feuer auf Palästinenser am Grenzzaun eröffnen sollen. Nach dem, was den Videobildern zu entnehmen ist, stellte der Mann zu diesem Zeitpunkt keine unmittelbare Bedrohung dar. Ein Schütze eröffnete dennoch das Feuer, der Mann fiel zu Boden. Auf Hebräisch sind daraufhin Freudenrufe zu hören: "Wow! Was für ein Video! Ja! Dieser Hurensohn!"

Die Schützen sind auf den Aufnahmen nicht zu sehen. Die israelische Armee bestätigte am Dienstag aber die Echtheit des Videos. Die Schüsse seien im Dezember nach Unruhen und nach Warnungen durch israelische Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen abgegeben worden. Der Vorfall werde "gründlich untersucht". Das Opfer wurde demnach am Bein verletzt. Der Palästinenser habe im Verdacht gestanden, die Unruhen organisiert zu haben.

Der israelische Verteidigungsmminister Avigdor Lieberman lobte die Soldaten. Der Schütze habe "eine Medaille" verdient, sagte Lieberman vor Journalisten. Derjenige, der das Video aufgenommen habe, sollte hingegen degradiert werden.

Auch der Minister für öffentliche Sicherheit, Gilad Erdan, verteidigte das Vorgehen der Schützen. Es habe sich um eine "menschliche Reaktion" von Soldaten gehandelt, die einer "angespannten Situation" ausgesetzt gewesen seien, sagte Erdan im Rundfunk. Bei dem Opfer habe es sich um einen "Terroristen" gehandelt, "der sich - aus einem Gebiet unter Kontrolle von Hamas-Terroristen kommend - ohne Genehmigung der Grenze genähert hat".

Auch Bildungsminister Naftali Bennett verteidigte das Vorgehen der Soldaten: "Es ist nicht fair, Urteile über Soldaten abzugeben, nur weil sie sich nicht auf vornehme Weise äußern, während sie unsere Grenzen schützen."

Vertreter der Palästinenser argumentierten, das im Video dokumentierte Verhalten der Soldaten sei keinesfalls unüblich. "Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, aber leider glaubt uns niemand, bis eine israelische Quelle dies dokumentiert", sagte die prominente Palästinenservertreterin Hanan Aschrawi der Nachrichtenagentur AFP. "Das Problem mit solchen Scharfschützen ist nicht neu, aber nun kann es die Welt sehen, und sie kann glauben, was wir die ganze Zeit schon sagen."

Die Aufnahmen erinnern an den Fall des israelischen Soldaten Elor Asaria, der im März 2016 einen wehrlos am Boden liegenden Palästinenser ohne erkennbare Not erschoss. Auch dieser Vorfall war auf Video dokumentiert worden. Er hatte in Israels Gesellschaft eine heftige Debatte darüber ausgelöst, wie weit die Soldaten im Kampf gegen die Palästinenser gehen dürfen.

Israels Militärführung hatte damals auf einen strengen Ehrenkodex verwiesen und das Vorgehen des Soldaten Asaria scharf verurteilt. Rechte Politiker in Israel hingegen verteidigten ihn, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu machte sich für Asarias Begnadigung stark. Der Soldat war zunächst zu 18 Monate Haft verurteilt worden, die Strafe wurde später auf neun Monate reduziert.