VfB-Legende: "Matarazzo ist kein Kasper an der Seitenlinie"

Reinhard Franke
·Lesedauer: 8 Min.

Hansi Müller ist eine echte VfB-Legende. Der heute 63-Jährige spielte von 1975 bis 1982 für die Stuttgarter und erzielte in dieser Zeit in 143 Spielen 54 Tore. Seinen VfB hat der 1980er Europameister nie aus den Augen verloren. Seit Juli 2007 ist er dort Ehrenmitglied und war von 2011 bis 2015 Aufsichtsratsmitglied.

Vor dem Spiel beim VfL Wolfsburg (VfL Wolfsburg - VfB Stuttgart, Sonntag, ab 18 Uhr im LIVETICKER) spricht Müller im SPORT1-Interview über das aktuelle Hoch bei seinem Herzensverein.

SPORT1: Herr Müller, der VfB belegt als Aufsteiger Platz 7. Was sagen Sie dazu?

Hansi Müller: Ich bin schon deshalb überrascht, weil die Auswärtsbilanz unglaublich ist. Der VfB führt die Auswärtstabelle an. Das liegt auch daran, dass die junge Mannschaft in der Fremde nicht gegen ein Publikum spielen muss. Das sind neutrale Spiele, was sich auch auf die Heimspiele auswirkt. Wenn diese Truppe vor 60.000 Zuschauern daheim spielen würde, dann würde dich das schon pushen. Aber das hat der VfB zu Hause auch nicht zur Verfügung. Es ist ganz wichtig, dass man schon genügend Punkte gesammelt hat, um einen Puffer nach unten zu haben. Elf Punkte weg vom Relegationsplatz ist überragend. Wenn man bis zum Frühjahr so viele Punkte zusammen hat, dass man weiß die Klasse ist gesichert, dann kann man ganz anders planen. Natürlich unter erschwerten Bedingungen wegen Corona, aber diese Probleme haben alle.

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SPORT1: Dennoch ein großer Vorteil also?

Müller: Auf jeden Fall. Der Verein muss sich langfristig wieder berappeln, nachdem man in den vergangenen Jahren in der Fahrstuhl-Abteilung unterwegs war. Man wusste nicht, wo es lang geht. Der Markt wird etwas bescheidener, aber frühzeitig planen ist ideal. Der VfB kann es schaffen, sich diese Saison frühzeitig zu retten und in der nächsten Spielzeit dann im Mittelfeld zu positionieren. Sogar im zweiten Schritt mit Blickrichtung oberes Drittel. Das Potenzial ist da.

SPORT1: Was ist für Sie ausschlaggebend für den sportlichen Erfolg?

Müller: Ganz klar das neue magische Mittelfeld-Dreieck so wie einst Bobic, Elber und Balakov. So sehe ich aktuell Castro, Endo und Mangala. Endo ist für mich der Professor auf dem Platz, Magala ist unglaublich präsent, vielseitig sowie technisch gut und Castro spielt eine überragende Saison. Um dieses Trio hat sich das Ganze formiert.

SPORT1: Beim 5:1-Sieg in Dortmund spielte der VfB wie aus einem Guss.

Müller: Die Jungs waren so spritzig, aggressiv und spielfreudig, der BVB hatte mit so einem VfB nicht gerechnet. Und es waren natürlich brutale Fehler der Dortmunder dabei. Auf mich macht Matarazzo einen sehr souveränen, gelassenen und entspannten Eindruck. Für mich ist ein Trainer dann eine Persönlichkeit, wenn er sich, obwohl er etwas drauf hat, nicht wichtig nimmt. Und diesen Eindruck vermittelt Matarazzo mir. Er ist kein Kasper an der Seitenlinie. Er hat ja italienisches Blut und kann sicher auch mal laut werden, aber er tritt absolut professionell und souverän auf. Sein Vertrag wurde in der 2. Liga verlängert - in einer Phase, als es nicht so gut lief. Das zeigt dieses große Vertrauen in Matarazzo. Mislintat und Hitzlsperger waren also zuversichtlich, dass man mit diesem Trainer die Zukunft gestalten will.

"Im Moment wächst beim VfB etwas heran"

SPORT1: Sportdirektor Sven Mislintat hat gerade seinen Vertrag bis 2023 verlängert. Er ist auch ein Baustein des Erfolgs?

Müller: Ja. In Dortmund standen sieben oder acht Spieler auf dem Platz, die er geholt hat. Das spricht auch für ihn. Er ist rhetorisch gut und verkauft sich toll in der Öffentlichkeit. Mislintat ist auch ein Workaholic. Im Moment wächst beim VfB etwas heran, doch es gibt keinen Anlass zu Euphorie. Aber Zuversicht und Optimismus ist erlaubt.

SPORT1: Mislintat kommt extrem gut an bei den Leuten...

Müller: Wir haben uns bei einem Treffen mit den Försters in der VfB-Gaststätte getroffen und da hat er mir einen sehr offenen und kommunikativen Eindruck gemacht. Ich vergleich mal Reschke (Ex-VfB-Sportvorstand, d. Red.) und Mislintat. Es gibt eine Gemeinsamkeit bei den beiden. Reschke kam als Scout vom FC Bayern zum VfB und hat diese Verantwortung nie gehabt und ist gescheitert. Mislintat war früher bei Arsenal auch Scout, wurde Diamanten-Auge genannt, hatte auch nicht die Verantwortung wie jetzt. Doch der Unterschied ist, dass er mit der Aufgabe gewachsen ist und es auf die Reihe gekriegt hat, was beim Reschke nicht funktioniert hat. Auch auf Schalke hat er es nicht hinbekommen. Mislintat ist ein Arbeiter, der sich wie Matarazzo voll reinhaut. Beide haben eine klare Linie und die sorgt für Kontinuität.

SPORT1: Diese ist inzwischen da?

Müller: Natürlich. Der VfB hat inzwischen einen breiten Kader mit vielen Alternativen für verschiedene Positionen. Bestes Beispiel ist Sasa Kalajdzic, der gegen Union Berlin reinkommt und zwei Tore erzielt. Und das macht einen guten Sportdirektor als Baumeister aus, nämlich dass ein Team auf vielen Positionen doppelt gut besetzt ist. Das belebt den Konkurrenzkampf beim VfB. Da ist Reibung da und das ist förderlich für die Weiterentwicklung.

"Das ist ein steiniger Weg bis zum Superstar"

SPORT1: Hat der VfB aktuell die heißesten Talente der Bundesliga?

Müller: Das zu sagen, ist etwas zu früh. Diese Coulibalys und Warmangitukas dieser Welt haben erste zwölf Bundesligaspiele auf dem Buckel. Ich weiß nicht, ob man den Jungs einen Gefallen tut sie schon zu sehr in den Himmel zu loben. Das ist schon noch ein steiniger Weg bis zum Superstar. Das sieht man ja an der Aktion vom Warmangituka in Bremen, als er Zeit schindet bei seinem Tor. Er ist noch sehr jung und unerfahren, aber so eine Aktion geht gar nicht.

SPORT1: In Ihren Augen war es eine Provokation, oder?

Müller: Ja! Und wenn ich so provoziere, dann muss ich mich nicht über das Echo wundern. Deshalb hätte der Selke (Davie Selke, d. Red.) ihm fast eine geschmiert. Zum Fußball gehören nicht nur die Beine, sondern auch der Kopf. Die Jungs sind verdammt jung und wenn es gut läuft, flippen sie auch mal schnell aus. ich war mit Anfang 20 froh, dass mir die Flügel gestutzt wurden, als sie zu schnell gewachsen sind. Ich wünsche mir, dass das beim VfB gerade mit den Talenten auch passiert. Das müssen die Verantwortlichen erkennen. Bei Endo mache ich mir keine Sorgen, Er ist top auf dem Platz und demütig genug. Er hat einen tollen Charakter. Bei Warmangituka hätte eine Geldstrafe oder eine Spende für einen guten Zweck mehr gebracht, als ein Post bei Instagram.

SPORT1: Ein Teil des neuen Erfolgs gehört auch Thomas Hitzlsperger...

Müller: Ich habe gehört, dass er gar nicht so nah an der Mannschaft dran ist. Das ist aber nicht negativ gemeint. Thomas schenkt Matarazzo und Mislintat wahrscheinlich viel Vertrauen nach dem Motto "Macht Ihr das Ding, wenn ich gebraucht werde, bin ich da." Als Vorstandsvorsitzender einer AG hast du nicht nur viel mit dem Team zu tun, sondern dich beschäftigen alle strategischen Dinge.

SPORT1: Es ist aber auch eine Stärke seinem Team zu vertrauen und nicht dauernd etwas zu allem sagen zu wollen...

Müller: Richtig. Thomas hat richtig viel an der Backe und weiß, wie schwer diese Aufgabe ist. Er muss sich 24x7 reinhauen, damit er das alles bewerkstelligt bekommt. und wenn der Trainer und der Sportdirektor alles im Griff haben, dann kannst du entspannt zuschauen. Aber eines ist klar: Du kannst dir einen Wolf arbeiten, wenn es sportlich nicht läuft, macht keiner einen guten Job. Wenn Erfolg da ist, wird alles positiv bewertet. Und der VfB sorgt gerade mit seinem Auftreten für viel Respekt.

"Das war eine Bankrott-Erklärung"

SPORT1: Kann man es vielleicht mit Ihrer Anfangszeit beim VfB vergleichen?

Müller: Jein. (lacht) Damals war der VfB nach dem Abstieg und im ersten Zweitliga-Jahr Elfter und hat vor 2000 Zuschauern im großen Neckarstadion gegen Reutlingen verloren. Das war eine Bankrott-Erklärung. Ältere Spieler wurden weggeschickt und es wurde mehr auf Junge gesetzt. Das war damals aus der Not heraus geboren. Das, was jetzt gerade passiert, wurde geplant. Es ist ein Unterschied, ob ich finanziell klamm bin und den Weg mit der Jugend gestalten muss oder ich bewusst auf junge Spieler setzen, weil ich an deren Entwicklungspotenzial glaube.

SPORT1: Gibt es einen Spieler, der Ihnen besonders gefällt?

Müller: Da sehe ich Gonzalez, der in der 2. Liga zu schwach war und inzwischen eine positive Entwicklung nimmt. Die jetzige Truppe ist super jung, das waren wir damals nicht. Wir hatten alt, mittel und jung in der Truppe. Dragan Holzer, unser Libero, war damals schon über 30. Mein Lehrmeister war unser Kapitän Hermann Ohlicher. Wer mir noch sehr geholfen hatte, war Ottmar Hitzfeld, er ist neun Jahre älter als ich. Wenn ich mal einen Hänger hatte, habe ich mich an ihm hochziehen können. Finanziell stand der VfB damals mit dem Rücken zur Wand. Das ist heute nicht mehr so.

SPORT1 zeigt in der zweiten Runde des DFB-Pokals das Duell zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Braunschweig am 22. Dezember ab 18 Uhr LIVE im TV und im STREAM

SPORT1: Wo landet der VfB am Saisonende?

Müller: Wenn sie da landen, wo sie jetzt stehen, dann würde ich das sofort unterschreiben. Aber es wird schwer. Wenn es in der Tabelle ein bisschen nach Europa riecht, dann muss den Leuten, die davon reden, ganz schnell der Wind aus den segeln genommen werden. So schnell wie möglich die Punkte für den Klassenerhalt sammeln und dann die neue Saison planen. Platz zehn ist für den VfB durchaus drin. Das würde ich mir wünschen. Mit dem aktuellen Selbstbewusstsein werden noch einige Punkte eingefahren werden können.