Ist der VfB von allen guten Geistern verlassen?

Maximilian Miguletz
·Lesedauer: 2 Min.

Viel passender, als es Thomas Hitzlsperger selbstironisch formulierte, lässt es sich kaum ausdrücken: "Typisch VfB, kaum läuft es mal, fallen sie übereinander her."

Hinter dem VfB Stuttgart liegt ein Jahr, von dem andere Traditionsvereine nur träumen können – und doch steht zum Abschluss eine schon jetzt unsägliche Schlammschlacht, die den Start ins – aus ganz universeller Sicht – mit so viel Hoffnung und Vorfreude verknüpfte 2021 mehr als trübt.

Vorstandsvorsitzender Hitzlsperger macht seinem einstigen Spitznamen als Spieler ("The Hammer") alle Ehre und greift mit seinem offenen Brief zur Lage im Ländle, einem Frontalangriff auf den amtierenden Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden Claus Vogt, mit aller Macht nach all der Macht beim VfB.

Vogts ebenfalls öffentliche Replik gehört zum damit angestoßenen Machtkampf wie die Spätzle zu den Linsen. Die Schlammschlacht war unausweichlich und wird in Cannstatt im schlimmsten Fall die nächsten Monate bis zur Präsidentenwahl im März bestimmen.

Der Zweikampf treibt einen Keil durch den Verein, einen Riss durchs Ländle – und als Beobachter fragt man sich: Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?

Aufschwung des VfB Stuttgart bemerkenswert

Die VfB-Verantwortlichen sind drauf und dran einzureißen, wovon Klubs wie der Hamburger SV, der 1. FC Nürnberg oder Hannover 96 seit Jahren träumen: gesundet, positiv und zukunftsfreudig aus der 2. Liga emporgestiegen.

Nach dem Abstieg 2019, dem zweiten innerhalb von drei Jahren, folgte im Sommer der direkte Wiederaufstieg – seither formten Trainer Pellegrino Materazzo und Sportdirektor Sven Mislintat neue "junge Wilde" (Altersdurchschnitt: 23,4 Jahre), die mit attraktivem Fußball die Bundesliga erfreuen, zwischenzeitlich den BVB mit 5:1 vom Platz fegen und auf Platz sieben ernsthaft eher an Europa als den Abstiegskampf denken dürfen. (Service: Bundesliga-Tabelle)

Auch auf der Führungsebene wurde der Umschwung eingeleitet. Die Abkehr vom VfB vergangener Tage mit Machtspielen im Hinterzimmer.

Umschwung in VfB-Führung in Gefahr

Dafür standen als handelnde Personen just die Protagonisten des nun tobenden Zoffs: Hitzlsperger und Vogt.

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Während sich Hitz als Ex-Spieler und Fanliebling vom Vorstandsberater in den Vorstand und schließlich zu dessen Chef hocharbeitete, brachte Vogts Wahl Ende Dezember 2019 die erhoffte Ruhe nach stürmischen Jahren unter Vorgänger Wolfgang Dietrich und galt mit seiner unbequemen Art als Erneuerer, ebenfalls beliebt bei den Anhängern.

Nun der offene Streitfall, in dessen Zentrum auch die Datenaffäre und deren Aufklärung steht. Ohne Zweifel ein unschönes und aufzuarbeitendes Thema – aber Grund für eine Spaltung, die Erreichtes torpediert und einem Rückfall in alte Zeiten gleichkommt?

"Eine Auseinandersetzung wie diese ist hart und kann dem Image des VfB einen Kratzer zufügen", schrieb Hitzlsperger. Der Kratzer ist schon da – und nun droht deutlich mehr.