Nach Olympia-Drama: Deutscher Top-Star bastelt an Revolution

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Nach Olympia-Drama: Deutscher Top-Star bastelt an Revolution
Nach Olympia-Drama: Deutscher Top-Star bastelt an Revolution

Johannes Vetter warf sein Handtuch um den Hals, beugte sich über ein Geländer und starrte ins Leere.

Der Dominator der Speerwurf-Szene, für den Olympia-Gold reserviert schien, haderte an jenem 7. August im schwül-heißen Tokio mit dem Schicksal. (NEWS: Alles Wichtige zu Olympia)

Das Schicksal war in diesem Fall eine Anlaufbahn, die der italienische Hersteller Mondo samt neuer Technologie im Olympiastadion verlegt hatte - und Vetter letztlich eine Medaille kostete.

Was bei Sprintern und Springern für haufenweise neue Rekorde sorgte, erwies sich für die schweren Jungs mit dem Speer als äußerst problematisch.

Der neue Belag war für Vetters heftigen Stemmschritt nicht ausgelegt - entsprechend konnte der Mega-Favorit seine Leistung nicht ansatzweise abrufen. Schlimmer noch: Im zweiten Versuch rutschte Vetter weg und riskierte dabei sogar eine Verletzung.

Treffen mit Sebastian Coe in Lausanne

Am Ende reichte es für den 28-Jährigen nicht einmal für das Finale der besten Acht - und der Frust saß tief.

Vier Monate später ist beim verhinderten Olympiasieger der Ärger längst dem Ansporn gewichen, es bei den nächsten Großveranstaltungen besser zu machen.

Damit bei der WM in Eugene und der Heim-EM in München im kommenden Jahr äußere Faktoren ihm nicht wieder einen dicken Strich durch die Rechnung machen, nahm Vetter die Sache selbst in die Hand und setzte sich mit einigen Herstellern in Verbindung.

„Ich war vor einigen Wochen persönlich in Lausanne und habe über Sebastian Coe (Präsident von World Athletics, Anm. d. Red.) und Jakob Larsen (Technischer Delegierter von World Athletics, Anm. d. Red.), die Kontaktdaten geholt, ein bisschen Druck gemacht und es ihnen nochmal erklärt“, erklärte Vetter bei SPORT1.

Erklärt heißt in diesem Fall: Die Anlaufbahn müsse so ausgelegt sein, dass sie keinem Speerwerfer einen Nachteil bringt.

Nachdem er Mailadressen und Telefonnummern eingesammelt hatte, trommelte Vetter in seiner Heimat Offenburg die Vertreter der Hersteller zusammen und redete ihnen ins Gewissen - teilweise mit Erfolg.

Vetter: Chancengleichheit und Verletzungsprophylaxe

„Wir haben festgestellt, dass es möglich ist, den Belag an die unterschiedlichen Events anzupassen“, sagte Mondo-Manager Andrea Vallauri in einem Interview mit European Athletics. Es sei technisch möglich, dass sich der Belag beim Speerwurf-Anlauf vom Rest der Laufbahn unterscheide.

Dabei geht es Vetter nicht nur um Chancengleichheit, sondern vor allem darum, die Verletzungsgefahr auf unpassenden Belägen zu minimieren. „Wir haben es ihnen unter allen Gesichtspunkten erläutert, natürlich auch mit der Meinung anderer Werfer“, betont er. „Da waren sich alle einig. Da geht es einerseits um die Verletzungsprophylaxe und andererseits darum, dass alle Beteiligten ihr Leistungspotenzial in den Wettkämpfen abrufen können.“

Der richtige Belag - oder gar nicht: Unter diesem Motto wird der Weltmeister von 2017 künftig seinen Wettkampfkalender durchtakten.

„Ich werde meinen Wettkampfplan nächstes Jahr entsprechend anpassen und nur auf Belägen werfen, bei denen ich weiß, dass ich mich darauf nicht verletze“, kündigt Vetter an. „Da war mir das Risiko letztes Jahr einfach zu hoch.“ Außerdem würde sich manch technischer Fehler einschleichen, „und das braucht dann einige Wiederholungen, bis die ausgemerzt werden können“.

Wie aber sieht es bei den beiden Großveranstaltungen im kommenden Jahr aus?

Erst nach Olympia 2024 soll es Standards geben

Während die Leichtathletikbahn bei der WM in Eugene (Juli 2022) ganz im Sinne Vetters von Mondo verlegt wird, blickt das Speerwurf-Ass noch mit Unbehagen auf die EM in München (August 2022). Ausgerechnet vor dem Heimspiel in Deutschland bahnen sich lange Diskussionen an.

„Bei der EM in Berlin 2018 hatten wir das Problem, dass wir ein Overtopping wollten, welches den Abwurfbereich etwas verhärtet, dadurch aber einen Tick anders ausschaut als der übliche Belag im Stadion“, erläutert Vetter. Es sei nur eine minimale Korrektur vonnöten gewesen - „dennoch zogen sich die Diskussionen damals ewig in die Länge“.

Die Korrekturen seien schließlich durchgeführt worden, was die deutschen Speerwerfer zu einem Doppelsieg (Thomas Röhler vor Andreas Hofmann) führte. Vetter landete damals auf Platz 5.

Nun hoffen Vetter und Co., dass es auch in München zu diesen Korrekturen bei der Anlaufbahn kommt - sicher ist das aber noch nicht. „Es zeichnet sich momentan leider das gleiche Bild, mit den gleichen Problemen und denselben Diskussionen ab. Zumindest weiß der Hersteller Bescheid“, sagt der Dominator der Szene. (NEWS: Alles Wichtige zur Leichtathletik)

Immerhin: Der internationale Verband arbeitet an langfristigen Lösungen, um für alle Beläge im Abwurfbereich gewisse Standards einzuführen. Bis zu den Olympischen Spielen 2024 muss Vetter aber noch Überzeugungsarbeit leisten - und darauf hoffen, am Ende nicht wieder ins Leere zu starren.

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