Vettel zurück auf dem Podium: Wäre der Sieg in Istanbul möglich gewesen?

Maria Reyer
·Lesedauer: 5 Min.

386 Tage musste Sebastian Vettel auf dieses Podium warten: Im Grand Prix der Türkei wird der Heppenheimer erlöst. Er fährt im chaotischen Rennen am Ende mit etwas Glück noch auf Rang drei. "Ich glaube, heute werde ich gut schlafen", funkt er direkt nach der Zieldurchfahrt. Wobei, ganz zufrieden ist er dann doch nicht ...

"Das war ein langes Rennen, viel Arbeit. Es war extrem rutschig, schwierige Bedingungen", fasst Vettel in einer ersten Stellungnahme zusammen. Schon am Start legte er den Grundstein für sein Podium. Von Startplatz elf ging es für den Ferrari-Piloten direkt vor auf Position vier.

Er profitierte dabei von den Drehern von Esteban Ocon und Valtteri Bottas in Kurve 1. Er reihte sich hinter Lewis Hamilton und vor den Red-Bull-Fahrern ein. Als dem siebenfachen Weltmeister in Kurve 9 schließlich ebenso ein Fehler unterlief, war Vettel plötzlich Dritter hinter den Racing-Point-Piloten.

"Im Mittelteil des Rennens war ich zu konservativ"

Der Start habe "maßgeblich" zu dem Ergebnis beigetragen. "Ich konnte mich direkt in eine gute Position bringen in der ersten Runde." Er hielt sich tapfer vor dem schnelleren Red Bull von Max Verstappen, ehe die Strecke aufzutrocknen begann und er in Runde 8 auf Intermediates umsteckte.

Dadurch kam er auf Platz sieben direkt vor Hamilton wieder zurück auf die Strecke. "Es war lange Zeit ziemlich eng mit Lewis. Mit den Intermediates habe ich mich am Anfang schwer getan, die zum Arbeiten zu bringen. Das fiel den anderen irgendwie leichter. Da haben wir ein bisschen Boden verloren", weiß Vettel.

In Runde 17 bekamen es die beiden Weltmeister mit Alexander Albon zu tun. Der Red Bull war auf frischeren Reifen deutlich schneller und kassierte Hamilton (nach einem Eigenfehler) und Vettel ein. Das Duo lag bis zu Vettels zweiten Stopp in Runde 33 gleichauf auf den Plätzen vier und fünf.

Erneut holte sich der Ferrari-Pilot frische Intermediates ab, da die Strecke noch keine Trockenreifen zuließ. Im Nachhinein ärgert sich Vettel allerdings, dass er das Risiko nicht eingegangen ist. "Ich glaube, ich war ein bisschen zu konservativ dann später, als die Strecke abgetrocknet hat und die Reifen angefangen haben zu körnen."

Er hätte in dieser Phase mehr attackieren müssen, glaubt er. "Da habe ich ein bisschen Zeit verloren, vielleicht wäre sonst noch ein bisschen mehr drin gewesen." Auch nach dem zweiten Boxenstopp schien er ein wenig an Momentum zu verlieren. Der Heppenheimer fand sich nur noch auf Platz sechs wieder, direkt vor Teamkollegen Charles Leclerc.

Obwohl der Monegasse drei Runden vor Vettel erneut stoppte, war er zu jener Phase im Rennen - rund um Runde 40 - schneller als sein Garagennachbar. Dadurch überholte Leclerc Vettel auch. "Im Mittelteil des Rennens, wo ich die Position gegenüber Charles verloren habe, war ich wohl ein wenig zu konservativ."

Drei Zehntel fehlen im Ziel auf Platz zwei

Vettel weiß im Nachhinein, dass er zu sehr auf seine Reifen aufgepasst hat. "Als ich wieder etwas gepusht habe, war es ein wenig besser. Ich konnte den Abstand in den letzten Runden wieder ein wenig verringern. Das hat gereicht, um das Podium noch zu kriegen."

Zunächst stieg sein Abstand auf die Podiumsplätze allerdings auf mehr als sechs Sekunden an, erst in den letzten Runden konnte er auf Leclerc und Sergio Perez aufholen. "Ich habe mich immer besser und besser gefühlt und konnte wieder ranfahren. Ich war ja zwischendurch sechs Sekunden weg."

Da sich der Zweikampf zwischen Leclerc und Perez in der letzten Runde zuspitzte, war plötzlich auch Vettel wieder mit dabei. "Ich habe gesehen, dass der Sergio sich sehr schwer tut und extrem langsam wurde. Charles war ja praktisch schon vorbei."

Als ein letztes Manöver von Leclerc in Kurve 12 misslang, war Vettel zur Stelle und übernahm Platz drei von seinem Teamkollegen. "Zum Schluss hätte es fast noch zu Platz zwei gereicht", ärgert er sich ein wenig. Im Ziel fehlen dem viermaligen Weltmeister 0,327 Sekunden.

"Das war schon ein wenig eine Überraschung", muss der 33-Jährige aber auch zugeben. Hätte er gar noch mutiger und für noch eine größere Überraschung sorgen können? Den ersten Sieg seit Singapur 2019? "Es war noch ein bisschen Regen gemeldet, der kam aber nicht. Sonst glaube ich hätte ich auch gewagt, zum Schluss noch auf Trockenreifen zu gehen."

Er habe die ganze Zeit über die Option nachgedacht, gesteht er nach dem Rennen. 20 Runden vor Rennende hatte Vettel die Slicks schon im Hinterkopf. "Denn die Strecke blieb konstant und die Reifen waren sowieso schon abgefahren, am Ende hatten wir also sowieso Slicks", schmunzelt er.

Marko: "Das war wieder der alte Vettel"

Vettel hätte tatsächlich gerne gepokert, weil "ich damit eine Chance auf den Sieg gehabt hätte", glaubt er im Nachhinein. "Aber ich bin auch mit Platz drei glücklich." Seit Mexiko 2019 war der Deutsche nicht mehr auf dem Podium. "Gerade nach der langen Durststrecke ist es natürlich schön, wieder ein besseres Ergebnis einzufahren."

Ein Blick in die Statistik dieser Saison zeigt: Vettel konnte mit Rang drei seine bislang beste Platzierung in diesem Jahr einfahren, gar überhaupt zum ersten Mal 2020 in die Top 5 vordringen. Seinen bislang besten Platz holte er mit Rang sechs in Ungarn.

"[Das letzte Podium] ist schon eine Weile her jetzt, daher ist es schön, die Trophäe mit nach Hause zu nehmen", grinst er. "Das [letzte Podium in Mexiko] ist jetzt schon ein Jahr her oder? Natürlich würde ich lügen, wenn ich sage, dass ich es nicht vermisst habe. Natürlich habe ich es vermisst."

Zusätzlich motiviert habe ihn die Trophäe, die es in Istanbul für die Top 3 zu holen gab. "Ich habe die Trophäe heute gesehen, die ist schön, daher wollte ich sie haben. Bei all den anderen [Rennen] war es mir egal", lacht er. Vettel hofft, dass er diesen Motivationsschub in die letzten Rennen mitnehmen kann.

"Das war ein tolles Rennen von ihm. Ich freue mich für ihn", kommentiert auch Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko bei 'Sky' nach dem Rennen. "Das war eine tolle Vorstellung und in der letzten Kurve dann noch den dritten Platz zu machen, das war wieder der alte Vettel."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.