Vettel fühlt sich laut Ferrari wohler: "Er und das Team geben nicht auf"

Christian Nimmervoll
·Lesedauer: 6 Min.

Sebastian Vettel erreichte im Qualifying zum Grand Prix der Emilia-Romagna in Imola (Formel 1 2020 live im Ticker!) den 14. Platz. Danach wirkte er einmal mehr enttäuscht: Mit seiner Runde sei er nämlich "relativ zufrieden", sagte er in den ersten TV-Interviews. "Es scheint, als hängen wir gerade einfach auf dieser Position fest." Ratlosigkeit macht sich breit.

Nur zweimal in bisher 13 Qualifyings der Formel-1-Saison 2020 schnitt Vettel noch schlechter ab: als 17. in Monza und zuletzt als 15. in Portimao. In den ersten sechs Saisonrennen stand er durchschnittlich auf Platz 9,7 der Startaufstellung. In den vergangenen sieben Rennen verschlechterte sich seine durchschnittliche Startposition auf 14,1.

Die letzten zwei Qualifying-Ergebnisse gehörten zu den drei schlechtesten der Saison. Ferrari analysiert das dennoch als Aufwärtstrend: "Er fühlt sich wohler", glaubt Sportdirektor Laurent Mekies. "In Portimao hat er einen Schritt gemacht, hier den nächsten. Es ist frustrierend, dass seine Startposition das nicht abbildet."

Aber: "Wenn man sich seine Zeiten genau anschaut, dann war er dieses Wochenende näher an Charles dran als sonst. Das ist positiv", verweist Mekies auf das Freie Training, in dem Vettel nur eine halbe Sekunde langsamer war als Leclerc. "Sebastian und das Team um ihn herum geben nicht auf, nach Lösungen zu suchen, die ihm dabei helfen, sein Vertrauen wiederherzustellen."

Vettel: In den Rennen meistens besser unterwegs

"Unser Auto ist dieses Jahr sicher schwierig zu fahren", räumt Mekies ein. "Ich glaube, er hat jetzt ein Fenster gefunden, in dem er ein bisschen besser zurechtkommt. Das scheinen die letzten zwei, drei Rennen zu zeigen. Hoffentlich geht es morgen so weiter." Schließlich meinte auch Vettel selbst zuletzt, dass er in den Rennen besser zurechtkomme als in den Qualifyings.

Im einzigen Freien Training in Imola lag Vettel lange Zeit an letzter Stelle, mit großem Abstand auf den Vorletzten. Auffällig war, dass er im Gegensatz zu Teamkollege Charles Leclerc überwiegend mit dem härtesten Pirelli-Reifen, dem weißen C2, testete. "Es stimmt, dass er sich auf den Hard konzentriert hat", bestätigt Mekies.

Grund dafür war aber nicht, dass Ferrari seine beiden Fahrer in unterschiedliche Richtungen drängen wollte. "Sondern es ging mehr darum, die Arbeit sinnvoll aufzuteilen", erklärt Mekies. "Wir haben hier dieses Rennformat, und das nehmen wir als Team bestmöglich in Angriff. Charles hat mehr mit dem Soft getestet, Seb mit dem Hard. So konnten wir beide Informationen generieren."

So positiv Ferrari Vettels 14. Platz analysiert, so enttäuscht ist man über den siebten Platz von Leclerc. Während bei Vettel schon einzelne Trainingszeiten, die einen kleinen Formanstieg signalisieren, als Erfolg kommuniziert werden, trauert man bei Leclerc dem möglichen vierten Platz, den Ferraris aktuelle Nummer 1 noch in Q1 belegt hatte, hinterher.

"Im besten Fall wäre Platz vier möglich gewesen. Wenn wir das dann nicht erreichen, sind wir natürlich frustriert. Weil wir ehrgeizig sind und immer das Bestmögliche erreichen wollen. Ja, Platz vier um eine Zehntelsekunde zu verpassen, ist frustrierend. Andererseits war es wichtig, dass wir das Performance-Niveau von Portimao im Großen und Ganzen bestätigen konnten", sagt Mekies.

Und das noch dazu "auf einer Strecke mit doch etwas anderen Eigenschaften als Portimao. Wir sind nur eine Zehntelsekunde weg von Platz vier, und das beweist uns, dass unsere Performance nach und nach besser wird, auch wenn die Startpositionen das heute nicht hundertprozentig abbilden", analysiert Ferraris Sportdirektor.

Mekies: Rückstand auf die Spitze nicht kleiner geworden

"Wenn wir ganz ehrlich sind: Hatten wir heute ein Auto, in dem Charles extrem glücklich war und mit dem er eine perfekte Runde hinbekommen konnte? Wahrscheinlich nicht. Und wenn wir den Rückstand auf Max und die beiden Mercedes berücksichtigen, hat sich seit Portimao nicht viel geändert. Trotzdem sehe ich unser heutiges Abschneiden sehr positiv."

Positiv stimmt vor allem, dass Ferrari seit dem schmerzhaften Italien-Double im September eine Wende zu gelingen scheint. Theoretisch ist sogar der dritte Platz in der Konstrukteurs-WM noch möglich (33 Punkte Rückstand auf Racing Point). Mekies: "Wir hatten eine unglaublich schwierige Saison, in der unsere Performance im Vergleich zu anderen Teams eine Zeit lang immer schlechter wurde."

"Wir wussten, dass wir Probleme mit dem Auto hatten, und wir nahmen uns viel Zeit, diese Probleme zu verstehen, um Lösungen für sie finden zu können. Wir hoffen, dass das Schlimmste hinter uns ist. Wenn ich mir die letzten drei, vier Rennen anschaue, dann haben wir unsere Probleme verstanden", sagt er.

In Sotschi kam ein erstes Update-Paket, und seither hat Ferrari den SF1000 sukzessive feingetunt. "Wir brachten eine Kleinigkeit nach der anderen an die Strecke. Das wird das Auto nicht von heute auf morgen auf den Kopf stellen", weiß Mekies. "Aber wir sehen einen kleinen positiven Trend. " Das gelte zunächst in erster Linie "für das Qualifying".

An den Rennsonntagen hatte Ferrari weiterhin mit dem raschen Abbau der Reifen zu kämpfen: "In den Rennen müssen wir uns zusätzlichen Herausforderungen stellen. Wir hatten ein paar enttäuschende Rennen. Das ist der nächste Teil des Puzzles, den wir zusammenfügen müssen. Uns ist bewusst, dass wir da noch eine Menge Arbeit vor uns haben."

Dass es Leclerc am Samstag in Imola nicht geschafft hat, mit dem Medium durch Q2 zu kommen, sondern mit dem Soft ins Rennen starten muss, sei im Gegensatz zu Portimao "sicher kein strategischer Vorteil", seufzt Mekies. "Es war ein hartes Quali in Q2. Nach dem ersten Satz Medium hatten wir die Wahl, noch einmal auf einen frischen Medium zu gehen oder auf einen Soft."

Risiko, Leclerc auf Medium zu setzen, war zu groß

"Der Medium wäre, denke ich, zu riskant gewesen. Max hat es gerade mal so geschafft, und wir wissen, dass wir nicht so schnell sind wie Max", erklärt der Sportdirektor des Ferrari-Teams. Dabei wollte man unbedingt mit dem Medium starten, denn "wir hatten ein paar Rennen dabei, da hat es uns das Rennen zerstört, wenn wir mit dem Soft gestartet sind".

"Wir haben seither versucht, das zu analysieren und die Ursachen zu eliminieren. Aber es ist sicher, dass eine der größten Herausforderungen für uns sein wird, mit diesem Reifen hauszuhalten und sicherzustellen, dass das Rennen nicht zu einem weiteren Nürburgring wird", räumt er ein.

Die Top 3 gelten für Leclerc unter normalen Umständen als unerreichbar. Die Gegner fürs Rennen sind voraussichtlich Pierre Gasly im AlphaTauri auf P4, Daniel Ricciardo auf P5, Alexander Albon auf P6, die beiden McLaren-Piloten und eventuell auch die Racing Points, die von etwas weiter hinten kommen, aber dafür freie Reifenwahl für den Start haben.

AlphaTauri liegt in der Konstrukteurs-WM nur 16 Punkte hinter Ferrari auf P7. "Die haben einen super Job gemacht. Ich freue mich für Pierre", gratuliert Mekies. "Er wird morgen sehr schnell sein, die sind sicher ein ernstzunehmender Gegner. Ich glaube aber, dass es von den Autos zwischen P4 bis P12 ein Kampf ist, wo von Rennen zu Rennen variiert, wer vorne ist."

"Einmal ist es Renault, dann wieder AlphaTauri. Es wird ein harter Kampf bis zum Schluss, zwischen zehn, zwölf Autos. Ich finde das toll. Das hält uns auf Trab. Wir sind sicherlich nicht da, wo wir sein wollen. Aber wir nehmen diese Herausforderung trotzdem so ernst, als würden wir um Siege kämpfen."

"Daher werden wir morgen alles geben. Wenn P4 das bestmögliche Ergebnis ist, dann wollen wir Vierter werden. Und wenn P7 das bestmögliche Ergebnis ist, dann halt Siebter", sagt Mekies. Allerdings weiß er: "Unsere Longruns am Morgen waren nicht so prickelnd. Wir werden sehen, ob es uns gelungen ist, unser Rennauto zu verbessern."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.