Mörder oder Held? Diese Story hat Hollywood verzerrt

Mörder oder Held? Diese Story hat Hollywood verzerrt
Mörder oder Held? Diese Story hat Hollywood verzerrt

„Here comes the story of the Hurricane

The man the authorities came to blame …“

Fast 50 Jahre sind die Zeilen von Bob Dylan inzwischen alt, Wirkung haben sie bis heute. Nicht nur musikalisch. Rubin Carter - der Boxer, um den es in dem Songklassiker „Hurricane“ geht - ist in bleibender Erinnerung. (NEWS: Alles zum Boxen)

Bob Dylan hat dabei eine entscheidende Rolle gespielt, ebenso wie Muhammad Ali, nicht zuletzt auch Hollywood-Star Denzel Washington, der Carter 1999 in der Verfilmung seines bewegten Lebens spielte und sich damit eine Oscar-Nominierung verdiente.

Carter saß fast 20 Jahre im Gefängnis, unter Verdacht, an einem Dreifach-Mord in einer Bar in New Jersey beteiligt gewesen zu sein.

„The Hurricane“, der heute 85 Jahre alt geworden wäre, kam 1985 frei, weil ein Bundesgericht zum Schluss kam, dass Carter Opfer einer „rassistisch“ motivierten Strafverfolgung war. Der 2014 verstorbene Carter wurde zu einer Symbolfigur im Kampf gegen Rassismus und Unrechtsjustiz, ein nationaler und weltbekannter Mythos.

Was bei der Erzählung dieses Mythos aber oft unter den Tisch fiel: Auf Carters Geschichte liegen Schatten - und ob er tatsächlich unschuldig war, ist weit weniger klar, als in Lied und Film herüberkam.

„Hurricane“ Carter hatte lange kriminelle Vorgeschichte

Carter, geboren am 5. Mai 1937 in Clifton bei New York, war schon vor seiner 1961 begonnenen Profi-Karriere vielfach mit dem Gesetz in Konflikt.

Der in schwierigen Verhältnissen mit sechs Geschwistern aufgewachsene Carter musste bereits mit elf Jahren in eine Jugendstrafanstalt, er hatte auf einen Mann eingestochen, der ihn sexuell belästigt haben soll.

Er floh aus der Einrichtung, schloss sich der US Army an, wo er in Westdeutschland stationiert wurde - und 1956 nach vier Anklagen vor einem Militärgericht unehrenhaft entlassen wurde. Nach seiner Rückkehr in die Heimat saß er zweimal wegen Raubüberfällen im Gefängnis.

„Wir sind so selbstverständlich mit unseren Pistolen rumgelaufen wie andere ihre Brieftasche eingesteckt haben. Wir sind auf die Straße gegangen und haben Kämpfe angefangen - gegen alles und jeden. Wir haben auf Leute geschossen“, umschrieb Carter selbst in einem 1964 veröffentlichten Zeitungsporträt seine kriminelle Vorgeschichte.

Große Siege über frühere Box-Weltmeister

Im Boxring schaffte Carter es dann, auf andere Weise auf sich aufmerksam zu machen: Ende 1963 überraschte er Experten mit einem K.o.-Sieg über den früheren Weltmeister Emile Griffith, ein weiterer großer Sieg gelang ihm gegen Jimmy Ellis - einen späteren Schwergewichts-Weltmeister, der dann 1970 von Joe Frazier entthront wurde.

1964 forderte Carter Weltmeister Joey Giardello heraus, verlor aber nach Punkten. In 40 Profikämpfen holte Carter am Ende 27 Siege (12 Niederlagen, ein Unentschieden).

Berühmter als sein sportliches Wirken wurden aber die Ereignisse neun Tage nach seinem letzten Fight gegen den Argentinier Juan Carlos Rivero.

Drei Tote nach Anschlag auf Bar in New Jersey

In der Nacht zum 17. Juni 1966 eröffneten zwei bewaffnete Männer in einer Grillbar in der Stadt Paterson das Feuer. Zwei Opfer des Anschlags - Barkeeper James Oliver und Gast Fred Nauyoks - starben an Ort und Stelle, die mir Oliver befreundete Hazel Tanis einen Monat später an den Folgen ihrer Verletzungen.

Carter und der als Mittäter verdächtigte John Artis wurde kurz darauf von der Polizei angehalten und schließlich verhaftet und angeklagt. Mehrere Augenzeugen wollen die beiden erkannt haben, unter ihnen ein Kleinkrimineller, der für einen zufällig in der Nähe stattfindenden Warenhausraub Schmiere stand - und die Mordtat nutzte, um die Kasse der Bar zu leeren.

Carter und Artis wurden schließlich von einem Geschworenengericht - alle Jurymitglieder waren weiß - zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das unterstellte Motiv: Willkürliche „Rassen-Rache“ (racial revenge), weil am selben Tag der afroamerikanische Barkeeper Leroy Holloway in der Gegend von einem weißen Täter erschossen worden war.

Freiheit nach fast zwei Jahrzehnten

Der Ermittlungsprozess war von diversen Merkwürdigkeiten begleitet und wurde 1974 schließlich zum ersten Mal neu aufgerollt, als die beiden Hauptbelastungszeugen ihre Aussage widerriefen, Carter und Artis sicher identifiziert zu haben.

Eine größere Kampagne für Carter kam zu diesem Zeitpunkt in Gang, der Dylan-Song und auch eine öffentliche Parteinahme von Ikone Muhammad Ali hoben Carters Fall ins öffentliche Bewusstsein - trotzdem endete auch ein zweiter Prozess mit einem Schuldspruch, diesmal auch nicht von einer „all white jury“.

Erst im Jahr 1985 hatte der juristische Krimi ein Ende: Ein Bundesrichter in New Jersey entschied, dass das Verfahren gegen Carter von „Rassismus statt Rationalität, Verschleierung statt Aufklärung“ geprägt gewesen sei. Carter kam auf freien Fuß, die Staatsanwaltschaft eröffnete kein neues Verfahren.

Opfer-Angehörige blieben von Carters Schuld überzeugt

Ob Carter wirklich unschuldig war, ist nicht erwiesen, das vernichtende Aufhebungsurteil bezog sich auf die zahlreichen eindeutigen Verfahrensfehler und Rechtsverstöße bei der Strafverfolgung.

Diverse Hinterbliebene der Opfer blieben dennoch von Carters Schuld überzeugt - und reagierten auf seine Entlassung ebenso wütend wie auf den Film von 1999, in dem seine Geschichte mit vielen erfundenen Details überzeichnet und verkitscht wurde.

„Sie haben einen Helden aus einem kaltblütigen Mörder gemacht“, protestierte etwa Barbara Burns, Tochter der getöteten Hazel Tanis, gegen die Hollywood-Version des Carter-Falls.

Rubin Carter starb 2014 an Prostatakrebs

Eher in Vergessenheit ist heute auch eine Episode, die 1976 die einen größeren Teil der öffentlichen Unterstützung für Carter versiegen ließ: Die Kautionsagentin Carolyn Kelley, die für ihn Spendengelder sammelte, warf Carter vor, sie in einem Streit um eine offene Rechnung „heftig geschlagen“ zu haben.

Der Vorfall landete nie vor Gericht, die Vorwürfe brachten aber viele Unterstützer Carters ins Grübeln - offenbar auch Bob Dylan, der seinen Hurricane-Song seit dem Jahr 1976 nicht mehr live einsang.

Carter zog nach seiner Haftentlassung 1985 nach Kanada, wurde dort Motivationsredner und jahrelang auch Geschäftsführer einer Organisation für unrechtmäßig Verurteilte.

Der 2014 an Prostatakrebs verstorbene Carter lebte unbescholten und erwarb sich unbestrittene Verdienste im Kampf um eine gerechtere Justiz: Noch kurz vor seinem Tod setzte er sich erfolgreich für den zu Unrecht wegen Mordes verurteilten David McCallum ein - der 29 Jahre wegen eines Mordes einsaß, den er nicht begangen hatte.

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