Vertuscht! Vergewaltigungs-Skandal erschüttert NHL

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Vertuscht! Vergewaltigungs-Skandal erschüttert NHL
Vertuscht! Vergewaltigungs-Skandal erschüttert NHL

Eigentlich sind die Chicago Blackhawks eines der renommiertesten Teams in der NHL. Sechsmal gewann die Franchise bereits den Stanley Cup, zudem gehört sie zu den sechs Gründungsklubs der besten Eishockey-Liga der Welt.

Aktuell wird das Team allerdings von einem Skandal erschüttert, der sprachlos macht. Der unabhängige Untersuchungsreport der Anwaltskanzlei Jenner & Block enthüllt nun erschreckende Details, wie beim Topteam der NHL ein Vergewaltigungs-Skandal vertuscht wurde. (BERICHT: Trainer tritt in Missbrauchs-Affäre zurück)

Im Mittelpunkt steht Kyle Beach. Der Kanadier galt einst als großes Talent und wurde im NHL-Draft 2008 von den Blackhawks an elfter Position ausgewählt. Ein Spiel bestritten hat er für die erste Mannschaft aber nie. (NEWS: Alles zur NHL)

Was aber wirft der Sportler seinem Ex-Arbeitgeber vor?

Vorwurf der Vergewaltigung

Im Mai 2010 waren die Blackhawks auf dem Weg zur vierten Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Genau zu dieser Zeit kam es offenbar zu einem schweren sexuellen Missbrauch.

Beach, der seinerzeit zum erweiterten Kader gehörte, wurde eigenen Angaben zufolge vor einem Playoff-Spiel von Brad Aldrich, dem damaligen Video-Coach des Teams, vergewaltigt. Details des Vorfalls kursieren im Internet. Im Bericht behauptet Aldrich, es habe sich um eine einvernehmliche sexuelle Begegnung gehandelt.

Der Sportler zögerte damals nicht und meldete sein Martyrium seinem Arbeitgeber. Passiert ist dennoch nichts. So wurde inzwischen bekannt, dass die Führung des Klubs die Geschehnisse sehr wohl intern diskutierte, das Thema aber unter Verschluss hielt, um die Stimmung innerhalb des Teams auf dem Weg zu Titel nicht zu zerstören.

Chicago gewann den Stanley Cup

Statt den Anschuldigungen nachzugehen, entschieden sich die Verantwortlichen zu schweigen. Aldrich wurde die Wahl gelassen, ob er sich einer Untersuchung stellt oder freiwillig von seinem Posten zurücktritt. Er trat letztlich zurück - nach Angaben von Beach durfte der Videoanalyst, selbst nachdem die Vorwürfe an die Verantwortliche kommuniziert waren, aber zunächst noch seinem Job nachgehen.

Wenig später gewann Chicago den Stanley Cup und der beschuldigte Assistenztrainer durfte sogar noch fröhlich den Triumph feiern. Beach wurde beim Anblick seines feiernden Peinigers schlecht, wie er nun in einem Interview enthüllte. „Ich habe mich gefühlt, wie ein Nichts“, erinnert sich das einstige NHL-Talent: „Ich habe mich gefühlt, als würde ich überhaupt nicht existieren.“

Elf Jahre später bringt der Untersuchungsbericht nun Licht in den Skandal - und der Sportler selbst hat sich nun dazu entschieden, nicht mehr nur als anonymer Kläger gegen Aldrich und die Blackhawks zu fungieren. Stattdessen geht Beach mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. (Spielplan und Ergebnisse der NHL)

So erklärte er in einem Interview mit dem kanadischen Sender TSN, dass es sich bei ihm um das damalige Opfer und damit um „John Doe“ handelt. Der Name „John Doe“ wird in den Vereinigten Staaten verwendet, wenn in Ermittlungen und Prozessen beteiligte Personen anonym bleiben wollen.

Mit der Anonymität ist nun Schluss. „Der gestrige Tag war ein Tag vieler Emotionen. Ich habe geweint, gelacht und wieder geweint. Meine Freundin und ich haben nicht wirklich gewusst, wie wir uns fühlen sollen“, lässt der Sportler tief blicken. „Es ist gut, dass die Wahrheit nun ans Tageslicht gekommen ist.“

Öffentliche Entschuldigung der Blackhawks

Und auch die Blackhawks können nicht mehr weiter den Mantel des Schweigens über dieses dunkle Kapitel ihrer Vergangenheit ausbreiten. So entschuldigte sich die Franchise nach elf Jahren nun erstmals bei ihrem ehemaligen Spieler.

„Als Organisation bedauern wir zutiefst, was Kyle Beach durchgemacht hat und entschuldigen uns für den Fehler, nicht sofort reagiert zu haben, als er die Angelegenheit 2010 angesprochen hat. Kein Playoff-Spiel oder ein Meistertitel ist wichtiger, als unsere Spieler vor Übergriffen wie diesen zu schützen“, formulierte das Team. Es sei „unentschuldbar gewesen“, dass die damaligen Verantwortlichen nicht umgehend auf „die Berichte über sexuelle Übergriffe“ reagiert hätten.

General Manager der Blackhawks zurückgetreten

Und es gibt weitere Konsequenzen. Die NHL hat die Blackhawks mit einer Strafe von zwei Millionen US-Dollar belegt, zudem gibt es personelle Veränderungen.

Stan Bowman, der seit 2009 als General Manager des Teams arbeitete, und der maßgeblich daran beteiligt war, dass den Anschuldigungen 2010 nicht nachgegangen wurde, ist zurückgetreten. Und das sowohl in seiner Funktion als Chicago-GM, als auch als GM des US-Olympia-Eishockeyteams. Blackhaws-Vizepräsident Al MacIsaac ist ebenfalls weg.

Joel Quenneville, seinerzeit Chefcoach der Blackhawks, ist jetzt als Trainer der Florida Panthers zurückgetreten. Seinem Rücktritt am Donnerstag (Ortszeit) war ein Gespräch mit NHL-Commissioner Gary Bettman vorausgegangen. Auch der Cheftrainer wusste laut Bericht von den Vorwürfen, unternahm aber nichts.

Doch nicht nur eine Gruppe von Blackhawks-Verantwortlichen ließ Beach im Stich und machte sich so mitschuldig, wie der Bericht aufzeigt. So wussten offenbar auch die Spielergewerkschaft und ihre Ärzte sowie alle Mitspieler Bescheid. Unternommen hat trotzdem niemand etwas.

Schlimmer noch: Wie Beach berichtet, hätten Mitspieler sogar homophobe Beleidigungen fallen lassen, nachdem sich der Missbrauch herumgesprochen hatte.

EHC Erfurt als neue Heimat

Für Beach ist die Aufdeckung seines Leidenswegs ein Stück weit Hilfe, die Narben aber bleiben. „Ich habe getan, was ich für richtig hielt, um zu überleben, um meinem Traum weiter folgen zu können. Das war, nicht darüber nachzudenken, nicht darüber zu reden und es zu ignorieren.“

Wirklich funktioniert hat diese Taktik aber nicht. Mit Alkohol und Drogen versuchte der heute 31-Jährige, die Dämonen in seinem Kopf loszuwerden – ohne Erfolg. So erklärte der Sportler, der Missbrauch habe ihn „von innen zerstört.“ Erst jetzt, wenn er von Gerichten Recht bekommt, Entschuldigungen ausgesprochen und Konsequenzen gezogen werden, könne „sein Heilungsprozess beginnen.“

Die Geschehnisse vor elf Jahren haben auch seine Karriere enorm beeinflusst. So kam Beach in seinem Sport nie dort an, wo er mit seinem Talent hätte ankommen können. Statt zum gefeierten NHL-Spieler zu werden, flüchtete er nach Europa. 2015 wurde er mit dem EC Red Bull Salzburg österreichischer Meister, inzwischen spielt er beim EHC Erfurt in der deutschen Oberliga.

„Es ist ein kleiner Verein in der dritten Liga in Deutschland. Aber sie behandeln uns wie eine Familie, wir werden sehr, sehr gut behandelt. Das Management ist sehr, sehr offen und sie tun alles für uns, damit wir uns sicher und einbezogen fühlen, und das ist etwas, das ich sehr zu schätzen weiß“, sagte er in seinem viel beachteten Interview.

Freundin Bianca gibt Beach Halt

Privat läuft es für Beach glücklicherweise gut. Die große Stütze in seinem Leben ist Freundin Bianca Guglielmotti. „Sie ist mein Fels in dieser Angelegenheit und stützt mich an diesen harten Tagen.“

Um Genugtuung geht es dem Eishockeyspieler in der ganzen Angelegenheit übrigens nicht, sondern um Gerechtigkeit und Aufklärung. Und darum, zu verhindern, dass sich ein solches Geschehen noch einmal wiederholt.

„Ich möchte auf jede erdenkliche Weise sicherstellen, dass dies nicht noch jemandem passiert. Denn es wird wieder passieren. Ich werde nicht der Einzige sein, egal ob im Eishockey, im Fußball, in jeder Sportart.“

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