Mikel geht nach Aus mit Trabzonspor hart ins Gericht

Sabrina Barlemann

"Es gibt mehr im Leben als Fußball. Ich fühle mich nicht wohl und möchte in dieser Situation nicht Fußball spielen", schrieb John Obi Mikel am Samstag über die Fortsetzung des Spielbetriebs während der Coronakrise auf seinem Instagram-Account.


"Jeder sollte in dieser kritischen Zeit zu Hause bei seiner Familie und seinen Liebsten sein. Die Saison sollte abgesagt werden, da die Welt vor so turbulenten Zeiten steht", ergänzte der Mittelfeldmann. Ein Post mit Folgen, wie er später am eigenen Leib spüren musste. 

Der Vertrag des früheren Chelsea-Stars beim türkischen Klub Trabzonspor wurde daraufhin am Dienstag aufgelöst. Einen Grund nannte der Tabellenführer der Süper Lig nicht. Nun äußerte sich Mikel erstmals im Interview mit The Guardian zu den Hintergründen. 

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"Sie interessieren sich nicht dafür, was in der Welt vor sich geht"

Die Türkei war eines der wenigen Länder, in denen ungeachtet der Ausbreitung des Coronavirus bislang noch auf höchster Ebene Fußball gespielt wurde. Erst am Donnerstag Mittag stellte auch die türkische Liga den Betrieb vorübergehend ein. 

"Fußball ist das Einzige, was den Menschen in der Türkei erlaubt, ihren Stress abzubauen, sich zu unterhalten und ihren Geist zu beschäftigen", befürwortete Trabzonspor-Präsident Ahmet Agaoglu die Spieltagsfortsetzung. 

Mit dieser Aussage geht der Mikel nun hart ins Gericht. 

"Es zeigt nur, dass ihnen das menschliche Leben nicht wirklich wichtig ist. Sie interessieren sich nicht dafür, was in der Welt vor sich geht. Alles, was sie interessiert, ist, wie sie die Liga gewinnen können", erklärte der 32-Jährige.

Die Liga zu gewinnen, sei auch seine Intention gewesen, als er letzten Sommer bei Trabzonspor unterschrieben hatte. 

"Ich habe in jedem Spiel 100 Prozent gegeben. Aber in dieser Situation, in der die Welt vor einer so schwierigen Zeit steht, hatte ich nicht das Gefühl, dass der Fussball weitergehen sollte", brachte Mikel seine Ansichten zum Ausdruck.

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Präsident droht Mikel mit Bank

Nach der Veröffentlichung des Posts hatte Agaoglu dem Bericht zufolge Mikel darum gebeten, diesen wieder zu löschen, doch er lehnte ab. "Das ist meine Meinung. Die Welt durchlebt diese turbulente Zeit, eine beängstigende Zeit. Ihr solltet aufwachen", sagte er nach eigenen Angaben zum Trabzonspor-Präsidenten.

Der Präsident drohte ihm, ihn bis zum Saisonende nicht mehr spielen zu lassen und so kam es auch am darauffolgenden Spieltag. Im Heimspiel gegen Istanbul Basaksehir am Sonntag saß Mikel 90 Minuten auf der Bank. Doch dies störte ihn nicht.

Als der Verband dann bekannt gab, die Spiele weiterhin als Geisterspiele austragen zu lassen, sah sich Mikel aufgrund von Reisebeschränkungen "monatelang" in der Türkei festsitzen, ohne seine Familie. Also rief er seine Berater an, um eine Ausstiegsstrategie zu forcieren.

"Wenn du gehst, kommst du nicht mehr zurück'", sollen die Klubverantwortlichen gesagt haben.

Für Mikel waren Prioritäten und Prinzipien in den letzten Tagen alles. "Als Mann muss man in den Spiegel schauen können", sagte er.  


"Für mich ging es um meine Familie"

Jeder in der Türkei habe Angst, etwas zu sagen, weil er vielleicht vom Verein bestraft werden würde oder die Fans gegen sie aufbringen würde. Aber Mikel selbst hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen. 

Im Nachhinein bekam er viel Zuspruch von anderen Spielern aus der Türkei. "Für mich ging es um meine Familie, darum, das zu tun, was ich für richtig halte, der Welt zu helfen, dieses Virus zu besiegen. Der einzige Weg, wie wir das tun können, ist, die Richtlinien zu befolgen, zu Hause zu bleiben und zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Fußball zu spielen", erklärte er.

In einem emotionalem Post auf Instagram verabschiedete er sich noch von seinen Fans. 

"Ich danke allen Fans für ihre Unterstützung. Zudem bedanke ich mich beim Trainerstab, meinen Mitspielern und dem medizinischen Personal für die erfolgreiche Saison. Ich wünsche meinen Teamkameraden viel Erfolg beim Gewinn der Meisterschaft. Es war eine der schwersten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Aber in solchen Zeiten müssen wir auf unsere Familien achtgeben und uns Zeit für sie nehmen, um sie zu beschützen."