Frankreichs Präsident formuliert 4 neue Gebote für Europa

Der kleine Junge hat es fast geschafft. Er kämpft sich erfolgreich durch die Menge der Erwachsenen. Er steht ganz vorn, als Emmanuel Macron vorbeikommt. Doch dann will die Kamera an seinem Smartphone einfach nicht funktionieren. Frankreichs Präsident wartet geduldig, und bietet schließlich Hilfe an. So kommt das Selfie doch noch zustande und der Kleine zieht glücklich ab.

Frankreichs Staatspräsident beschert vielen Menschen in Aachen glückliche Momente. Nach seiner Ankunft am Mittwochabend nimmt er erst einmal ein ausgiebiges Bad in der Menge. Dann treffen er und seine Frau Brigitte die Honoratioren der Stadt bei einem festlichen Galadiner. Anschließend spazieren sie in aller Ruhe durch die Altstadt ins Hotel.

Diesen Donnerstag findet Macron Zeit für einen Meinungsaustausch mit Studenten der Technischen Universität Aachen. Dabei immer wieder Selfies, Händeschütteln, Autogramme.


Frankreichs junger Präsident versprüht seinen Charme und hält zugleich Hof wie ein König. In Aachen suchen auch prominente Deutsche seine Nähe. Mit dem Philosophen Peter Sloterdijk tauscht er sich beim abendlichen Festessen intensiv aus. Anselm Kiefer, einer der berühmtesten und teuersten deutschen Künstler, drängelt sich nach vorn wie ein Groupie. Der Deutsch-Franzose Daniel Cohn-Bendit, Legende der 68er-Studentenbewegung, begleitet Macron auf einem Spaziergang.

Emmanuel Macron füllt in Deutschland einen Platz aus, der lange vakant blieb. Er spielt eine Rolle, die kein deutscher Politiker spielen will. Es ist die Rolle des politischen Visionärs, der ein starkes Europa will. Dafür bekommt der 40-jährige Macron am Donnerstag als zweites französisches Staatsoberhaupt nach Francois Mitterrand die höchste europäische Auszeichnung: den Karlspreis.

Macron enttäuscht seine Fans nicht

Und Macron enttäuscht die Aachener nicht. Er bedankt sich für den Preis mit einem flammenden Plädoyer für ein selbstbewusstes, geeintes Europa, das man hier zu Lande sonst nie zu hören bekommt. „Wir dürfen nicht schwach sein“, ruft Macron und dann dreht er immer mehr auf. „Wir dürfen uns nicht spalten lassen“, appelliert er. „Bei der Verteidigung der Demokratie dürfen wir keine Handbreit nachgeben“, fordert er. „Wir dürfen keine Angst haben und unsere Grundsätze nicht verraten“.

Es ist eine Kampfansage an „fremde Mächte“. An den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der Europa Strafzölle androht und das mühsam ausgehandelte Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt hat. An Russlands Präsidenten Wladimir Putin, der die europäischen Demokratien mit Propaganda und Hackerangriffen zu unterminieren versucht. Und an den chinesischen Präsidenten Xi Jinping, der Europa nicht nur ökonomisch, sondern auch hegemonial bedrängt.

Macron nennt keinen einzigen Namen. Und doch weiß jeder wer gemeint ist. Und dann trägt dieser ehrgeizige, ungeduldige Präsident noch eine Forderung vor. Europa dürfte nicht länger warten. „Der Karlspreis bedeutet nicht viel, wenn wir weiter warten“, sagt Macron.

Diese Botschaft ist nicht für die Präsidenten der fremden Weltmächte bestimmt, sondern für die Regierungschefin des Nachbarlandes. Emmanuel Macron hat damit höflich umschrieben, dass ihm Bundeskanzlerin Angela Merkel europapolitisch zu zögerlich ist. „Diejenigen, die Utopien verfolgen, können auch Realisten sein“, sagt der französische Präsident. Das geht an die Adresse der deutschen Bundeskanzlerin.


Nach seiner Rede formuliert Macron vier neue Gebote für Europa:

1. Seien wir nicht schwach. Entscheiden wir.

2. Seien wir nicht gespalten. Vereinigen wir uns.

3. Seien wir nicht ängstlich. Wagen wir (etwas) zu machen.

4. Warten wir nicht ab. Handeln wir jetzt.“




Merkel bleibt ihrer Linie treu

Bundeskanzlerin Angela Merkel bleibt dagegen auch in Aachen bei ihren bekannten Muster. Ihr Auftritt ist sachlich, unemotional und ein wenig langweilig. Als der Bürgermeister der Stadt ihre „mit Spannung erwartete Rede“ angekündigt, schaut sie erst ganz erstaunt und wirft dann einen hilflosen Blick an die Decke des ehrwürdigen Aachener Krönungssaals.

Kann der Kanzlerin entgangen sein, dass Franzosen und auch viele Deutsche große Hoffnungen in ihre Aachener Rede gesetzt hatten? Hat Angela Merkel denn gar nichts davon bemerkt, dass Macron immer noch auf eine deutsche Antwort auf seine Plan für Europa wartet?

„Gemeinsam mit Frankreich sind wir überzeugt, dass wir einen neuen Aufbruch in Europa brauchen“, sagt Angela Merkel. Das klingt ziemlich lahm. „Auf die großen Fragen müssen wir sehr konkrete Antworten geben“, meint Merkel und bleibt selbige dann schuldig.


Man führe „schwierige Gespräche“ über die Reform der Währungsunion, räumt sie ein. „Bei der Bankenunion“ werde es bis Juni „Fortschritte“ geben, verrät sie dann noch. Immerhin.

Nur einmal kommt Merkel rhetorisch ein wenig in Schwung. Eine gemeinsame europäische Außenpolitik sei angesichts der vielen Konflikte vor der europäischen Haustür „existenziell notwendig“, sagt sie. Auf den Schutz durch die Vereinigten Staaten könnten sich die Europäer nicht mehr verlassen. Deshalb müsse „Europa sein Schicksal in die eigene Hand nehmen“. Die amerikanische Aufkündigung des Nuklearabkommens mit dem Iran bringe die Region in einer gefährliche Lage. „Es geht wahrlich um Krieg und Frieden“, sagte Merkel.

Dann hat die Kanzlerin dem „lieben Emmanuel“ noch gedankt. „Für deine Begeisterung, deinen Einsatz, deine Courage“. Macron könne „andere mitreißen“. In Aachen hat er das auf jeden Fall wieder bewiesen.