Versicherungs-Start-ups bringen „ganz neue Geschwindigkeit“ in den Markt

Christian Richter, Experte der Unternehmensberatung Accenture, analysiert den Einfluss von Insurtechs auf deutsche Versicherungsgeschäfte.

Christian Richter kennt sich aus in der Branche. Seit mehr als 17 Jahren beschäftigt sich der 43-jährige Versicherungsexperte von Accenture Strategy mit den Assekuranzen. Mit dem Handelsblatt sprach er über die digitale Konkurrenz.

Herr Richter, inwiefern mischen Insurtechs den Markt auf?
Die Insurtechs geben eine ganz neue Geschwindigkeit vor, wie schnell man Produkte ausprobieren kann und wie groß die Flexibilität ist, auch wieder Services vom Markt zu nehmen, wenn sie nicht funktionieren. Zudem haben die Insurtechs einen wichtigen Transformationsimpuls für die etablierten Firmen gegeben. So haben sich inzwischen einige Versicherer an Insurtechs beteiligt oder selbst welche gegründet, um der eigenen Organisation Beine zu machen.

Wie steht Deutschland als Insurtech-Standort da?
Wenn man auf die Gesamtzahl der Gründungen und die Gesamtzahl der Investments schaut, sind die USA weiter ungeschlagen. Gleich danach kommt Großbritannien. Aber dann sehe ich schon den deutschsprachigen Raum als dritten größeren Raum für Investitionen, weil es eine hohe Marktdurchdringung bei Versicherungsverträgen gibt und die Prämien überdurchschnittlich hoch sind. Trotzdem muss man sagen, dass es nicht einmal in den USA oder in Großbritannien Insurtechs gibt, die bereits bewiesen hätten, dass man signifikant Geld verdienen kann. Noch nicht. Das hat auch der viel gelobte digitale US-Versicherer Lemonade noch nicht geschafft. 

Google, Amazon und Co. nehmen inzwischen auch den Versicherungsmarkt ins Auge. Wie viel Respekt sollten die deutschen Versicherer haben?
Ich glaube, es ist angemessen, davor Respekt zu haben. Ich glaube nicht, dass Amazon sich nun schnell zu einem Vollversicherer entwickeln wird. Aber was das Kundenerlebnis angeht und die Einfachheit der Bedienung, sind die Amerikaner unübertroffen. Wenn Amazon sich zu einem Marktplatz auch für Versicherungen entwickelt, könnte dies einen großen Sog entwickeln. Dagegen würde ich mir weniger Sorgen machen, dass Google, Amazon und Co. zu einem Vollversicherer werden. Dafür ist der Markt zu sehr reguliert, und die Margen sind für die US-Giganten nicht attraktiv genug.



Also könnten die großen Tech-Konzerne bald Versicherungsprodukte in Deutschland anbieten?
Ich halte es für naheliegend, dass simple Versicherungsprodukte schon bald bei Amazon oder gar auf Facebooks Marketplace zu finden sein werden – dabei werden die US-Firmen aber nur als Makler fungieren. Komplizierte Versicherungen wie Lebenspolicen dürften aber auch in Zukunft dort nicht zu finden sein. Allein die neue Beraterrichtlinie IDD würde das ziemlich schwierig machen. Aber einfachere Policen wie eine Garantieerweiterung für die neue Waschmaschine werden bei Amazon zu finden sein – und für manchen Kunden auch interessant sein.

Herr Richter, vielen Dank für das Gespräch.