Der drittgrößte deutsche Versicherer lotet nach einer Übernahme weitere Zukäufe aus. Dem großen Rivalen Allianz will man vorerst nicht in die Quere kommen.

Der drittgrößte deutsche Versicherer lotet nach einer Übernahme weitere Zukäufe aus. Dem großen Rivalen Allianz will man vorerst nicht in die Quere kommen.

Herbert Haas ist ein Manager alter Schule. Der 63-Jährige Chef der drittgrößten deutschen Versicherungsgruppe Talanx formuliert gewöhnlich vorsichtig und diplomatisch. Doch in einem Punkt gibt sich der Topmanager mit der markanten schwarzen Brille und den raspelkurzen Haaren nun ungewöhnlich deutlich. „Wenn sich eine passende Gelegenheit ergibt, werden wir einen Zukauf ins Auge fassen“, sagte Haas in der Nacht zum Donnerstag vor Journalisten in Hannover.

Am liebsten würde sich der MDax-Konzern, zu dem der Industrieversicherer HDI und der Rückversicherer Hannover Rück zählen, demnach in der Industrieversicherung in den USA verstärken. Wenn nötig stünden für Übernahmen insgesamt bis zu fünf Milliarden Euro zur Verfügung.

Doch dem großen Rivalen Allianz wollen die Niedersachsen dabei vorerst nicht in die Quere kommen. Der auf den Bermudas beheimatete Versicherer XL, an dem der Münchener Dax-Konzern interessiert sein soll, sei „nicht auf dem Radar“ der Talanx, betonte Christian Hinsch, Chef des zu Talanx gehörenden Industrieversicherers HDI.


Haas, der am 8. Mai den Chefsessel für den Talanx-Manager Torsten Leue frei macht, gibt mit seiner Ansage erste Hinweise auf das Pflichtenheft seines Nachfolgers. Der 51-jährige Leue, der bisher das internationale Geschäft der Talanx leitet, wollte sich zwar selbst noch nicht zu seinem künftigen Kurs äußern. Erst in der zweiten Jahreshälfte werde er Näheres dazu sagen, wohin er mit dem Unternehmen steuern wolle, erklärte Leue.

Doch dass eine weitere internationale Expansion auf der Agenda des MDax-Konzerns steht, daraus machte Haas kaum einen Hehl. Ausdrücklich lobte er die Fähigkeiten von Leue, externe Firmen in den Konzern integrieren zu können. Es dürfte ein Fingerzeig sein, wohin die Reise in Niedersachen künftig gehen könnte. Bereits vor wenigen Tagen hatte die Talanx den Sachversicherer Liberty Sigorta in der Türkei übernommen.

Konkrete Übernahmeziele habe Talanx allerdings noch nicht im Visier, betonte Hinsch. Doch schon im vergangenen Herbst hatte Haas dargelegt, dass die nötige Finanzkraft für eine größere Akquisition vorhanden sei und durch eine Kapitalerhöhung noch aufgestockt werden könne.


Der Hauptaktionär HDI Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, der derzeit 79 Prozent an dem Hannoveraner Unternehmen hält, sei offen für eine solche Maßnahme. Doch die Talanx plane nicht, bis zu fünf Milliarden Euro allein auf ein einzelnes Unternehmen zu setzen, betonte Haas jetzt in Hannover.

Der Versicherer sei sich durchaus gewahr, dass sich deutsche Versicherer bei bis zu 50 Prozent aller US-Zukäufe die Finger verbrannt hätten. So ist der Bermuda-Industrieversicherer XL, an dem auch die Allianz interessiert sein soll, in Hannover kein Thema. Die Firma sei auch „ein bisschen teuer“, winkte Haas ab. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte vor wenigen Tagen berichtet, dass die Münchener ein Auge auf den auf den Bermuda beheimateten Sach- und Rückversicherer geworfen haben, der über zehn Milliarden Dollar kosten würde.


Was die US-Steuerreform bewirkt

Dimensionen, die die Talanx vorerst lieber nicht stemmen möchte. Erst vor wenigen Tagen hatte der MDax-Konzern angesichts guter Zahlen der Tochter Hannover Rück für das abgelaufene Jahr trotz der schweren Belastungen aus der Wirbelsturm-Saison einen Überschuss von 670 Millionen Euro in Aussicht gestellt, nach 907 Millionen ein Jahr zuvor.

Im Herbst war er noch von einem Rückgang auf 650 Millionen Euro ausgegangen. Für das laufende Jahr erneuerte Haas nun seine Gewinnprognose von rund 850 Millionen Euro. Die Erneuerungsrunde der Verträge sei zwar zur Jahreswende besser ausgefallen als gedacht. Dennoch erscheine zum gegenwärtigen Zeitpunkt die bereits Ende letzten Jahres genannte Prognose für 2018 weiter realistisch – zumal Talanx in der Industrieversicherung durchaus zu kämpfen hat.

Hinsch kündigte an, dass der Bereich Feuerversicherung im abgelaufenen Jahr nicht profitabel gewesen sei und dieses Jahr saniert werden müsse. „Es war ein sehr schlechtes Jahr in der Feuerversicherung“, gab der Topmanager offen zu. Nach neun Monaten habe die Schaden-Kosten-Quote in dem Sektor bei 176 Prozent gelegen, was faktisch bedeutet, dass die Talanx dort tiefe Verluste schreibt.


Im Laufe dieses Jahres will die HDI darum nun die anstehenden Verträge neu verhandeln und im Durchschnitt mindestens eine Preiserhöhung von 15 Prozent durchsetzen. Gegebenenfalls sei der Versicherer auch bereit, auf unprofitables Geschäft zu verzichten, sagte Hinsch.

Die Feuerversicherung ist nicht die einzige Baustelle der Talanx. Auch die US-Steuerreform wird voraussichtlich größere Auswirkungen auf die Struktur des Konzerns haben. Da die Steuerpläne des US-Präsidenten Donald Trump die Geschäfte von US-Töchtern mit ihren ausländischen Mütterkonzernen künftig höher besteuert, bereitet die Talanx eine Verlagerung von Kapital in die USA vor.

Künftig soll eine Tochter, die in den USA versteuert, die Rückversicherung von US-Lebensversicherungsbeständen übernehmen, deutete Haas an. So könnten negative Auswirkungen der Steuerpläne auf die Talanx weitgehend vermieden werden.

Insgesamt müssten dafür allerdings bis zu 1,3 Milliarden Dollar aus Europa in den USA transferiert werden, was zu größeren Umstellungen in der Gruppe führen werde. Das Geld sei allerdings bereits im Konzern vorhanden und müsse nicht neu aufgenommen werden, betonte der scheidende Talanx-Chef.

Sein Nachfolger Torsten Leue hatte bereits bei seiner Berufung im vergangenen November unterstrichen, dass die Talanx in Zukunft schneller agieren müsse. Es dürfte also wohl nicht mehr lange dauern, bis sich der kommende Chef auch dieser Baustellen annehmen wird.