Versandhandelsverbot soll Apotheken retten

Vier von fünf Apothekern wollen ein Verbot des Versandhandels, um Apotheken in ländlichen Regionen zu stärken. Dabei sichert Experten zufolge schon jetzt der Versandhandel die Versorgungssicherheit auf dem Land.


Es ist die wichtigste Forderung deutscher Apotheker an die neue Bundesregierung. Nach einer Umfrage der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände appellieren vier von fünf Apothekern für ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Medikamenten. Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes, hält ein Verbot für den einzigen Weg, die Versorgung auf dem Land zu sichern. Im vergangenen Jahr gaben 226 Apotheker in Geschäft in Deutschland auf. „Bald gibt es auf dem Land niemanden mehr, der die Bürger im Notfall mit Medikamenten versorgen kann“, so Becker.

2016 verloren Apotheken ein Prozent des Gesamt-Umsatzes mit rezeptpflichtigen Medikamenten an den Versandhandel. Durch das Urteil des EuGH vom vergangenen Jahr stieg das Rx-Geschäft, also der Handel mit verschreibungspflichtigen bzw. rezeptpflichtigen Medikamenten, von ausländischen Versandapotheken. Versandapotheken aus dem Ausland ist es nun erlaubt, deutschen Kunden Rabatte zu gewähren – im Gegensatz zu deutschen Apotheken. So konnte das niederländische Unternehmen DocMorris in den ersten drei Monaten dieses Jahres seinen Umsatz um sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum steigern. Den Versandhandel ganz zu verbieten, hält Gerd Glaeske trotzdem nicht für die richtige Lösung. „Ich halte diese Forderung und deren Begründung für abwegig“, so der Gesundheitsökonom von der Universität Bremen. „Wir haben nicht zu wenige Apotheken. Sie sind nur falsch verteilt. Würde die Standesorganisationen sich darum kümmern, wäre mir um die Probleme auf dem Land nicht bange.“ Gerade der Versandhandel könne die Menschen in dünner besiedelten Gebieten mit Arzneimitteln versorgen, so Glaeske. Er habe in den letzten 13 Jahren gut funktioniert.


Das sieht auch Udo Sonnenberg, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Versandapotheken (BVDVA), so. „Die Post erreicht auch kleine Orte, an denen keine Apotheke ist.“ Der BVDVA schlägt allerdings vor, die Gehälter für die Nacht- und Notdienste zu erhöhen. Das würde den Anreiz für Apotheker steigern, sich auch in ländlichen Regionen anzusiedeln. Jede Apotheke müsste 16 Cent pro abgegebene Packung an einen Strukturfonds zahlen, aus dem die Nacht- und Notdienste finanziert werden. Das würde das bisherige Gehalt pro zehnstündiger Schicht verdoppeln – auf 560 Euro. Die Apotheken, die mehr Packungen verkaufen, würde so das Personal der Landapotheken finanzieren.

„Daseinsvorsorge und Wettbewerb sind kein Widerspruch“, sagt Sonnenberg. Die Beratung von Patienten können ebenso gut über Videochat und oder per Telefon erfolgen. Der Vorteil sei, dass die Kunden von Spezialisten die Informationen bekommen. Eine Versandapotheke könne schließlich besser beraten als eine kleine Landapotheke. Versandapotheken seien zudem barrierefrei. „Wir brauchen eine Lockerung in diesem starren System im Sinne der Patienten und Krankenkassen“, so Sonnenberg.


Doch wie das System ändern? Gesundheitsökonom Glaeske findet, man könne zum Beispiel die Beratungsleistungen der Apotheker vergüten – statt sie wie bisher nach Packungsverkauf zu bezahlen. „Man muss immer wieder daran erinnern, dass von den über 65-Jährigen zehn Prozent nur deshalb ins Krankenhaus eingewiesen werden, weil sie an Arzneimittelwechselwirkungen oder an unerwünschten Wirkungen leiden“, so Glaeske. Durch eine adäquate Analyse könnten Apotheker mögliche Wechselwirkungen der Medikation verhindern. „Die Rechnung würde wie beim Arzt über ein Rezept oder über eine Beratungsbestätigung mit den Kassen abgerechnet werden.“ Er nennt die USA als positives Beispiel: Pay for Perfomance-Vergütungen seien dort längst auch in Apotheken positiv umgesetzt worden.


Die Krankenkassen haben das allerdings nicht vor. Apotheker könnten ihre Kunden zu frei verkäuflichen Diäten, Medikamenten zur Raucherentwöhnung oder Nahrungsergänzungsmitteln beraten. Aber: „Ebenso wenig wie die Krankenkassen die Kosten derartiger Produkte übernehmen, können sie eine darauf bezogene Beratung vergüten“, so Janka Hegemeister, Sprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherungen. Im Bereich der Prävention arbeiteten die Kassen schon mit Fachkräften aus der Sportwissenschaft, Oecotrophologie, Psychologie oder Pädagogik zusammen. Da müssten nicht auch noch Apotheker beraten.

Sind die Forderungen der Apotheker an die Politik überzogen? Gesundheitsökonom Glaeske spricht sich für mehr Wettbewerb im Gesundheitsbereich aus: „Mehr Konkurrenz könnte die Qualität und Effizienz verbessern.“ Gesundheitspolitik müsse die Rahmenbedingungen für einen sinnstiftenden Wettbewerb setzen. „Wettbewerb sollte bedeuten, die Suche nach besseren Lösungen im Blick zu haben.“