„Verrat an der besonderen Beziehung“


Es ist wie ein Foto aus dem Familienalbum: Hand in Hand flanieren der US-Präsident Donald Trump und die britische Premierministerin Theresa May durch einen Gang im Weißen Haus. Aufgenommen wurde das Bild bei dem Staatsbesuch von May im Januar. Sichtlich zufrieden hatte sie dort die „spezielle Beziehung“ zwischen den USA und ihrem Land betont. Doch nun sorgen Tweets des US-Präsidenten für Ärger und bringen die britische Regierungschefin in eine heikle Lage. Denn in der Bevölkerung werden Rufe laut, dass man die Einladung zu einem Staatsbesuch zurückziehen soll. Und nicht nur das: Selbst ein schlichter Besuch des US-Präsidenten, ohne Pomp und Glamour eines Staatsbesuches, sei nicht mehr angemessen, heißt es.

Rund 1,9 Millionen hatten in den vergangenen Monaten eine Online-Petition unterzeichnet, dass Trump nicht geeignet sei, Großbritannien einen Besuch abzustatten und dass er nicht die Ehre erhalten solle, Queen Elizabeth II. zu besuchen. Dass die Petition nicht mehr Unterstützer hinter sich versammelt, liegt daran, dass die Petition nicht mehr aktuell ist: Im Mai endete sie. Die britische Regierung hatte sich damals stur gestellt. Das Außenministerium erklärte in Reaktion auf die Petition, dass die Premierministerin im Januar eine Einladung im Namen der Königin ausgesprochen habe, die angenommen wurde. „Die Einladung spiegelt die Bedeutung der Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich wider“, hieß es. Man freue sich auf den Besuch.



Aus gutem Grund: Die Premierministerin hofft auf ein Handelsabkommen mit dem US-Präsidenten, das die Folgen des Brexit auf die britische Wirtschaft abfedern könnte. Noch weiß man nicht, wie die Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU – dem wichtigsten Handelspartner der Briten – nach dem Brexit im März 2019 aussehen werden.

Mehrfach bekamen die Briten in den vergangenen Monaten einen Dämpfer verpasst. Etwa, als sich der US-Präsident für Strafzölle von Bombardier aussprach. Der kanadische Flugzeughersteller lässt viele Teile in Belfast herstellen, daher stehen bei derartigen Maßnahmen auch britische Arbeitsplätze auf dem Spiel. Zudem hatten amerikanische Ex-Diplomaten die „spezielle Partnerschaft“ als Wunschtraum der Briten dargestellt. Und auch die Aussicht, dass nach einem Handelsabkommen mit den USA in britischen Supermarktregalen Chlorhühnchen liegen könnten, sorgt bei vielen Briten für Unbehagen.

Zu all dem kommt der aktuelle Streit um Tweets des US-Präsidenten. Trump hatte auf Twitter islamfeindliche Videos geteilt, die ursprünglich von der ausländerfeindlichen Gruppe Britain First verbreitet worden waren. Die britische Regierungschefin ließ daraufhin mitteilen, das sei „falsch“ gewesen – und bekam eine harsche Retourkutsche des US-Präsidenten. „@theresa_may, konzentrieren Sie sich nicht auf mich, konzentrieren Sie sich auf den zerstörerischen radikal-islamischen Terrorismus im Vereinigten Königreich. Wir kommen schon klar!“



Trump habe auf Sicherheitsfragen aufmerksam gemacht, rechtfertigte eine US-Sprecherin die Weiterverbreitung der Videos. Auf der anderen Seite des Atlantiks sieht man das anders. Die Stimmung wird immer gereizter. Der britische Botschafter in den USA, Sir Kim Darroch, übermittelte den USA offiziell die Besorgnis der Briten. Im Parlament wurde eine außerordentliche Debatte zu dem Thema einplant. Und die prominente Vertreterin der Labour-Partei Emily Thornberry machte zuvor keinen Hehl aus ihrer Meinung. „Es gibt Amerikaner, die unsere Freunde sind, wir haben viele gemeinsame Werte. Aber wir haben keine gemeinsamen Werte mit diesem Mann“, sagte sie im britischen Fernsehen. Dabei verwies sie auch auf andere Begebenheiten, wie die Kritik von Trump an der Nato, seiner Meinung zu Klimaschutz oder zum Iran. „Natürlich müssen wir mit Amerika zusammenarbeiten“, sagte sie, „aber wir müssen deutlich sein und ihm die Stirn bieten“. Sie würde es unterstützen, wenn der geplante Staatsbesuch abgesagt würde. Ihr Chef, der Parteivorsitzende Jeremy Corbyn, wurde noch deutlicher: „Wir sollten ihm nicht den roten Teppich ausrollen“, erklärte er im Fernsehen, „es wäre falsch, wenn er hierher kommt“.

Der Vorsitzende der Liberaldemokraten Vince Cable übte ebenfalls heftige Kritik. „Viele haben uns gewarnt, als Theresa May Hand in Hand mit Donald Trump zu sehen war, dass eine Beziehung mit einem solchen Rassisten schlecht enden würde: Aber die Premierministerin will unbedingt ein Handelsabkommen und ignorierte die Ratschläge.“ Mit ihrem Vorgehen habe sie ihre europäischen Verbündeten vergrault. Jetzt habe sie auch noch ihren „letzten Freund auf der Welt“ verloren. Großbritannien sei „isoliert und allein“. Die Lösung für all die Probleme sei klar, sagte der Politiker, der sich seit Monaten dafür einsetzt, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU verhindert wird. Er fordert „einen Ausstieg aus dem Brexit und eine Scheidung von Trump“.




Auch der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan schloss sich diesen Forderungen an. Mit ihm – einem Muslim – hatte sich der US-Präsident schon einmal einen Schlagabtausch  über Twitter geliefert. Nun kritisierte Khan, Trump habe über Twitter eine „abscheuliche, extremistische Gruppe” unterstützt, deren einziges Ziel es sei, das Land zu spalten und Hass zu verbreiten. „Viele Briten, die Amerika und Amerikaner lieben, werden das als Verrat an der besonderen Beziehung sehen.“ Nicht nur solle der Staatsbesuch abgeblasen werden, der US-Präsident sei auch bei einem einfachen, offiziellen Termin auf der Insel nicht willkommen.

Von einer Absage des Besuchs, der Gerüchten zufolge für den kommenden Juni geplant ist, will die britische Regierung aber bislang nichts wissen – Streit hin oder her.