Vermeintliche „Digital Natives“


Studierende, Auszubildende und Young Professionals haben eines gemeinsam: Sie gehören zur Generation der „Digital Natives“ – was auf Deutsch so viel heißt wie digitale Ureinwohner. Im Gegensatz zu älteren Generationen sind sie von klein auf mit der Technik des digitalen Zeitalters aufgewachsen. Mit Mobiltelefonen, Computern, Tablets und sozialen Netzwerken gehen sie wie selbstverständlich um. Sollte man zumindest meinen.

Denn nur etwa jeder Zweite dieser „Digital Natives“ behauptet von sich, dass er über sehr gute oder zumindest gute Social-Media-Kenntnisse verfügt, wie aus einer Studie der TU München im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen hervorgeht, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Die Hochschule hat fast 400 Studierende, Absolventen und Young Professionals gefragt, wie gut sie sich auf die digitale Arbeitswelt vorbereitet fühlen.

„Die Ergebnisse spiegeln wider, dass sich die Bildungspolitik beim Thema Digitalisierung deutlich weiterentwickeln muss. Schulen und Universitäten beginnen erst jetzt, ihre Lehrpläne und Kursangebote an die Herausforderungen der Digitalisierung anzupassen“, sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen.


Demnach meinen sie besonders fit in den Bereichen Projektmanagement, interkulturelle und funktionsübergreifende Kompetenzen zu sein. Dass die Fähigkeiten der jungen Menschen ausgerechnet im Bereich Social Media noch verbesserungswürdig sind, legen die Studienautoren positiv aus: „Eine mögliche Erklärung dafür [...] mag sein, dass den Befragten sehr bewusst ist, wie rasant die Entwicklungen in diesem Bereich vonstatten gehen“, heißt es seitens der Stiftung Familienunternehmen.

Jeder Zweite gab an, dass er sich grundsätzlich ausreichend durch seine Ausbildung auf die Anforderungen der digitalen Arbeitswelt vorbereitet fühlt – junge Menschen mit Masterabschluss oder einer Promotion allerdings deutlich besser als andere.

Denn: Sie schreiben häufiger empirische Arbeiten als beispielsweise ein Bachelor-Absolvent. Weil die Datensätze, mit denen sie arbeiten, oftmals sehr komplex sind, sehen sie sich gezwungen, sich in verschiedene Software-Programme einzuarbeiten.


Unternehmen müssen Bewerbungsprozesse digitaler gestalten


Nachholbedarf im Bereich Digitalisierung haben aber nicht nur einige junge Berufseinsteiger. Auch die Familienunternehmen könnten ihre Prozesse aus Sicht der Studierenden und Young Professionals digitaler gestalten – insbesondere das Bewerbungsmanagement. Nur vier von zehn Befragte gaben an, dass der Bewerbungsprozess deutscher Familienunternehmen ausreichend an die heutigen technischen Gegebenheiten angepasst sei.

Beim Bewerbungsprozess besteht laut Heidbreder Handlungsbedarf, da die Digitalisierung im Wettbewerb um die besten Talente immer wichtiger werde und „eine enorme Strahlkraft auf die Attraktivität der Arbeitgeber“ habe.

Neben Bachelor- erwarten vor allem Master-Absolventen, dass die Digitalisierung ihr Berufsbild in den kommenden Jahren verändern wird. Diese Einschätzung teilen nur wenige Doktoranden. Das könnte der Stiftung zufolge darauf zurückgeführt werden, „dass der Großteil der Bacheloranten sowie Masteranten momentan noch akuter mit dem Thema Digitalisierung konfrontiert sind und eine Veränderung als unausweichlich betrachten“.


Die Veränderungen werden aus ihrer Sicht aber vorwiegend positiv ausfallen: Die große Mehrheit der Befragten erwartet, dass sich durch die Digitalisierung, Teamarbeit intensivieren wird, sich Beruf und Privatleben besser vereinbaren lassen und sie mehr mehr Gestaltungs- und Innovationsmöglichkeiten im Job erhalten werden.

Jeder Zweite erwartet allerdings, dass dadurch auch der Stresspegel steigen wird. „Durch E-Mail, Intranet und App fühlen sich viele unter Druck, permanent erreichbar zu sein“, sagt Studienleiterin Alwine Mohnen. Nicht zu unterschätzen sei auch die soziale Dimension: „Es fehlt häufig die persönliche Interaktion und die damit einhergehende Anerkennung, wenn nur digital kommuniziert wird.“

KONTEXT

Sechs Entwicklungen, die die kommenden Jahre beherrschen

Computing überall

Mobile Geräte bieten ständigen Online-Anschluss. Dadurch ist die kontinuierliche und damit aktuelle, weltweite Information der Nutzer, auch in der Produktion und im Handel, möglich.

Internet der Dinge (IoT)

Geräte tauschen untereinander und mit den Nutzern automatisch Infos aus. Etwa die Haushaltsgeräte mit dem Stromzähler, um die günstigsten Verbrauchszeiten herauszufinden.

3-D-Druck

Die neuen Drucker können fast jedes dreidimensionale Objekt herstellen. Typische Materialien sind Kunststoffe, Kunstharze, Keramiken und Metalle.

Big Data

Große Datenmengen, etwa aus dem IoT, von Social Media oder aus mobilen Geräten, werden automatisch analysiert und sind in Anwendungen eingebettet.

Intelligente Maschinen

Sie lernen selbstständig und handeln entsprechend dem Trends zur Industrie 4.0. Die smarten Maschinen gelten als Technologie, die vorhandene Geräte weitgehend ersetzt.

Systeme mit Umgebungsdaten

Sie erfassen, etwa via Sensoren, den Kontext der Nutzer und der Geräte und liefern ausgewählte Daten. Damit lassen sich zum Beispiel Sicherheitssysteme verstärken.

Quelle: Creditreform 1 2017

Creditreform 1/2017.

Creditreform 1/2017.