Verluste in der Rentenkasse – die Folgen der EZB-Minuszinsen

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) führt nicht nur zu Ebbe auf den Sparkonten. Auch das Geld der Beitragszahler verliert schleichend an Wert, weil die Sozialkassen nur noch Minirenditen auf die gehorteten Milliarden erwirtschaften oder sogar Strafzinsen zahlen müssen.

So meldete die gesetzliche Rentenversicherung zwar vergangene Woche einen neuen Rekord für ihre Mindestreserve, die mit 34,3 Milliarden Euro Ende Juni um gut 3,6 Milliarden Euro höher lag als 2017. Die gute Konjunktur und die entsprechend hohen Beitragseinzahlungen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber machten es möglich. Doch was man bei der Rentenversicherung schamhaft verschweigt: Gut angelegt ist das sauer verdiente Geld der Beitragszahler in dieser Rücklage schon lange nicht mehr.

Im vergangenen Jahr wies die Rentenversicherung erstmals einen Zinsverlust von unter dem Strich 49 Millionen Euro aus. „Für das laufende Jahr rechnen wir mit einem negativen Wert in ähnlicher Höhe“, teilte der Leiter des Geschäftsbereichs Finanzen, Wilfried Husmann, jetzt in einem Schreiben mit, das dem Handelsblatt vorliegt.


Seit die EZB Ende 2014 Negativzinsen für Einlagen bei den Nationalbanken, also auch der Bundesbank, einführte, sieht es mau aus mit den Kapitalerträgen auch der Sozialkassen. Zwar habe die Zentralbank angekündigt, aus dem Ankaufprogramm für Staatsanleihen bis zum Jahresende auszusteigen, so Husmann weiter. Sie habe jedoch gleichzeitig mitgeteilt, dass vor Sommer nächsten Jahres nicht mit einer Zinsanhebung zu rechnen sei. Damit bleiben die Aussichten düster.

Einen Ausweg aus der Negativzinsfalle gebe es so lange nicht, wie die Rentenversicherung verpflichtet sei, ihr Geld überwiegend für maximal zwölf Monate konservativ anzulegen.

Ähnlich eingeschränkt ist das Anlageportfolio der Bundesagentur für Arbeit (BA), deren Rücklagen bis zum Jahresende dank der guten Arbeitsmarktlage auf 22,5 Milliarden Euro wachsen dürften. Die Nürnberger Behörde legt die Beitragseinnahmen ausschließlich in Tagesgeldern oder kurzfristig kündbaren Termineinlagen an. Entsprechend dürftig fällt die Rendite aus. Sie ist von durchschnittlich 0,174 Prozent im Jahr 2012 auf 0,01 Prozent im vergangenen Jahr gesunken.

Konditionen verschlechtern sich

Bei den gesetzlichen Krankenkassen ist die Lage nicht besser. Hier fallen wie auch in der Rentenversicherung Negativzinsen an. Mehr als 220 Milliarden Euro Beitragsgelder und Steuerzuschüsse für die Behandlung von über 70 Millionen gesetzlich Versicherten fließen Jahr für Jahr auf ihre Konten, ehe sie zum größeren Teil für Gesundheitsleistungen ausgegeben werden.

Negativzinsen seien da gar nicht mehr zu vermeiden, sagt der Chef des Finanzmanagements beim Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), Andreas Grein.

„Allein im ersten Halbjahr sind in der AOK-Gemeinschaft sechs Millionen Euro an Negativzinsen angefallen. Gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum bedeutet dies eine Zunahme um rund 25 Prozent“, erklärt Grein. Künftig werde es noch schlimmer. „Bedingt durch eine weiterhin geringe Nachfrage am Markt nach kurzfristiger Liquidität verschlechtern sich die Konditionen weiter.“ Gute Konditionen einiger Banken liefen demnächst aus.


Das Finanzmanagement der AOK versucht, den Schaden so klein wie möglich zu halten. „Wir haben festgestellt, dass ein guter Anteil der Gelder, die uns täglich von den Ortskrankenkassen überwiesen werden, nicht kurzfristig gebraucht wird. Dieses Geld legen wir etwas längerfristiger an gegen entsprechend günstigere Zinsen“, sagt Grein.

Bei den Geldanlagen für die Altersrückstellungen konnte die AOK Negativzinsen dagegen bisher generell vermeiden. Dabei hilft ihr auch die Aktienquote von bis zu zehn Prozent, die seit dem vergangenen Jahr nur für Alterungsrückstellungen erlaubt ist. Ab 2019 soll die Quote auf 20 Prozent erhöht werden.

Die Ortskrankenkassen stehen mit ihren Nöten nicht allein da. Thomas Thierhoff, Geschäftsbereichsleiter Finanzen und Controlling bei der größten deutschen Krankenkasse TK, zeichnet ein ähnliches Bild. „Die Lage hat sich für alle Krankenkassen in den vergangenen Monaten weiter zugespitzt.“ Dies liege nicht nur daran, dass die von Mario Draghi geführte EZB inzwischen den Zins für kurzfristige Geldeinlagen auf minus 0,4 Prozent weiter nach unten geschraubt habe.

Gelder werden hin- und hergeschoben

Zu Beginn der Negativzinsphase 2015 hätten viele Banken noch versucht, die Negativzinsen von damals minus 0,2 Prozent, die sie für ihre Einlagen bei der Bundesbank zahlen müssen, nicht voll an Großkunden weiterzugeben, sagt Thierhoff. Inzwischen lägen sie aber bei großen Anlagesummen eher noch darunter. Außerdem hätten viele Banken die Freigrenzen, unterhalb derer keine Negativzinsen fällig werden, gesenkt.

Die TK ist daher froh, dass sie einen Teil ihres Geldes seit Ende 2017 auf einem eigenen Konto bei der Bundesbank parken kann, weil dort der Zinssatz „nur“ minus 0,4 Prozent betrage. Das heißt, dass es am Ende nicht einmal dieses Kapital vollständig zurück gibt.

Allein die TK musste im vergangenen Jahr Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds von 24,4 Milliarden Euro verwalten. Das Geld trifft bei den Krankenkassen nicht in einem Schwung, sondern in vielen kleinen Teilbeträgen fast täglich ein. Daher sind die Finanzabteilungen ständig damit beschäftigt, Gelder hin- und herzuschieben. So versuchen sie, den Anteil der Negativzinsen möglichst klein zu halten. Etlichen Kassen gelingt es immerhin, insgesamt noch ein positives Zinsergebnis zu erreichen.

Bei der TK lag das Plus im vergangenen Jahr bei 22 Millionen Euro. Dagegen standen drei Millionen Euro Negativzinsen. „Das gelingt uns nur, weil wir einen größeren Teil unserer Rücklagen längerfristig angelegt haben“, erläutert Thierhoff, gemeint sind mehr als drei oder vier Jahre. Denn Anleihen mit kürzeren Laufzeiten sind aktuell überall in Europa negativ – und außerhalb der EU dürfen die Kassen nicht anlegen.

Auch bei der AOK sind die Vermögenserträge insgesamt noch positiv. „Das ist wohl der Grund, warum die Politik bei diesem Thema bisher nicht tätig geworden ist“, sagt Grein.


Beim Gesundheitsfonds, der die Beitragsgelder der Versicherten verwaltet, schlagen dagegen ähnlich wie bei der Rentenversicherung wegen des kurzen Anlagehorizonts die Negativzinsen bereits seit Längerem voll durch. Neun Milliarden Euro betrug Ende vergangenen Jahres die Liquiditätsreserve des Fonds. Die Anlage von so viel Geld brachte aber nur Zinsen von minus 4,5 Millionen Euro – nach minus 5,2 Millionen Euro im Vorjahr und minus 1,8 Millionen Euro im Jahr 2015.

Fast peinlich stellen sich die späten Auswirkungen der Finanzkrise beim Pflegevorsorgefonds dar. Er wurde 2015 eingeführt, um der gesetzlichen Pflegeversicherung auch unter Mithilfe des Kapitalmarkts eine Finanzreserve zu verschaffen, wenn ab 2034 verstärkt die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Seither zahlen die Versicherten 0,1 Prozent ihres Einkommens Monat für Monat ein. 3,8 Milliarden Euro kamen so bis Ende 2017 zusammen.

Doch selbst der Bundesbank, die den Fonds verwaltet, ist es nicht gelungen, seit 2015 insgesamt gut 40 000 Euro Negativzinsen bei der Anlage der Gelder zu vermeiden. Dies teilte die Bundesregierung jüngst auf eine Anfrage der Linken mit.

Die Rendite des Fonds fällt gleichwohl leicht positiv aus, wie das Bundesgesundheitsministerium auf Nachfrage des Handelsblatts erläuterte. Grund sind die im Vergleich zu den Sozialversicherungsträgern besseren Anlagemöglichkeiten.

So dürfen 20 Prozent der Anlagen an der Börse investiert werden. Seit 2015 habe eine Durchschnittsrendite von 1,38 Prozent erreicht werden können, sagte ein Ministeriumssprecher. Zum Vergleich: Die privaten Krankenversicherungen erzielten mit ihren Alterungsrückstellungen 2017 eine Durchschnittsrendite von 3,4 Prozent.