Verkauft Joe Kaeser das Geschäft mit großen Gasturbinen?

Um der Krise im Geschäft mit der Energieerzeugung zu begegnen, erwägt der Konzernchef offenbar auch radikale Schritte – ein Kurs mit großen Risiken.

Die Fabrikhallen im Berliner Stadtteil Siemensstadt atmen Tradition und Historie. Seit Jahrzehnten baut Siemens hinter den Mauern aus rotem Ziegelstein große Gasturbinen für die Stromerzeugung. Es sind mächtige Anlagen, teils so groß wie ein kleiner Eisenbahnwaggon. Doch jetzt könnten die traditionsreiche Fertigung und das Aushängeschild des Technologiekonzerns bald den Besitzer wechseln. Agenturberichten zufolge erwägt Konzernchef Joe Kaeser, das Geschäft mit großen Gasturbinen zu verkaufen. Siemens will sich zu den Berichten nicht äußern.

Aus Kaesers Sicht mag ein Verkauf zunächst sinnvoll erscheinen. Wegen der Energiewende lassen sich in Europa keine großen Gasturbinen mehr verkaufen. Im vergangenen Geschäftsjahr, das am 30. September 2017 endete, brach der Umsatz der entsprechenden Sparte denn auch um 21 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro ein. Das operative Ergebnis schrumpfte sogar um 74 Prozent auf 114 Millionen Euro. Kaeser nerven solche Flecken auf der ansonsten in weiten Teilen lupenreinen Konzernbilanz. Er will bei Analysten und Investoren glänzen. Kaum war die Meldung über einen möglichen Verkauf des Geschäfts in der Welt, kletterte der Aktienkurs um fast zwei Prozent.

Doch ein Verkauf der Gasturbinenfertigung ist nicht ohne Risiko. Sicher, in Europa liegt das Geschäft zurzeit am Boden. Doch im Nahen Osten, in Asien, auch in den USA lassen sich die Anlagen zum Teil noch gut verkaufen. Gerade erst hat Siemens eine neue Gasturbine der HL-Klasse mit einem Wirkungsgrad von mehr als 66 Prozent vorgestellt – moderner und effizienter geht es praktisch nicht.


Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hatte Kaeser US-Präsident Donald Trump noch versprochen, die nächste Generation Gasturbine in den USA zu entwickeln. Alles fake news? Dazu kommt: Mit der Wartung der Turbinen – zum Teil geht es um über Jahrzehnte laufende Verträge – erzielt Siemens Margen von mehr als 20 Prozent. Die wären mit einem Verkauf der Sparte weg.

Möglicherweise noch wichtiger aber ist, dass mit einem schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung in Europa, wie er geplant ist, in den kommenden Jahren Gaskraftwerke durchaus wieder attraktiv und konkurrenzfähig sein könnten. Verkauft Kaeser die Sparte jetzt, fände das Geschäft dann ohne ihn statt.

Nichts sei bisher entschieden, heißt es, der Münchner Konzern überlege auch, die derzeitige Flaute durchzustehen. Das finanzielle Polster dazu hätte Siemens. Bei einem Verkauf der Gasturbinenfertigung wären außer Berlin vor allem die Standorte Mülheim und Charlotte in den USA betroffen. Die Entwicklung der Gasturbinen ist vor allem in Erlangen angesiedelt.

Größtes Problem dürfte aber sein, einen Käufer für das kriselnde Geschäft zu finden. US-Konkurrent General Electric scheidet aus. Er hat sich mit der Zehn-Milliarden-Euro-Übernahme des Kraftwerksgeschäfts des französischen Herstellers Alstom restlos verhoben und streicht gerade Tausende Arbeitsplätze, allein in Deutschland fast 2000. Mit den Überlegungen vertraute Berater nennen den japanischen Hersteller Mitsubishi Electric als möglichen Käufer.

Im November vergangenen Jahres hatte Siemens angekündigt, in der kriselnden Kraftwerkssparte fast 7000 Stellen zu streichen, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Auch will der Konzern einige Standorte schließen. In Spitzenzeiten hatten die Hersteller Kapazitäten für den Bau von 400 Gasturbinen im Jahr aufgebaut. Gebraucht werden gerade Mal rund 100 im Jahr.