Nur 68 Prozent der Deutschen geimpft trotz 95-prozentiger Impfbereitschaft – eine Verhaltensökonomin erklärt, warum eine Impfpflicht trotzdem das falsche Mittel ist

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Die Impfkampagne sei ins Stocken geraten, die Impfquote viel zu niedrig. Auf diejenigen, die noch nicht geimpft sind, müsse die Politik darum jetzt mehr Druck ausüben, heißt es vielfach. Nicht wenige fordern gar eine Impfpflicht.

Doch ist Zwang wirklich das richtige Mittel? Die Verhaltensökonomin Katrin Schmelz vom Exzellenzcluster „Die Politik von Ungleichheit“ an der Universität Konstanz hält dagegen. Zwang sei sogar kontraproduktiv. Im Gespräch mit Business Insider zeichnet sie ein ganz anderes, positives Bild: „Die Impfkampagne stockt nicht. Die Impfquote erhöht sich jeden Tag konstant. Täglich wurden in der letzten Zeit so viele Menschen erstmals geimpft, wie Konstanz Einwohner hat. Fast acht von zehn Erwachsenen haben sich bereits freiwillig impfen lassen und die meisten Verbliebenen sind offen für Überzeugung.“

Grundlage ihrer Einschätzung ist eine Studie zur Impfbereitschaft, an der sie mit ihrem Kollegen Samuel Bowles vom Santa Fe Institute in New Mexico seit über einem Jahr arbeitet. Zunächst haben sie dafür eine repräsentative Gruppe von Menschen gefragt, inwieweit sie einverstanden seien, sich selbst impfen zu lassen, wenn eine Impfung freiwillig wäre oder wenn diese verpflichtend wäre. Das Besondere an ihrem Studiendesign war, dass dieselben Menschen zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten der Pandemie gefragt wurden. Somit konnten ihre Einstellungsänderungen beobachtet werden.

Die Zahl der harten Impfgegner ist niedriger als bisher angenommen – bis zu 95 Prozent könnten von einer Impfung überzeugt werden

„Der harte Kern der Impfgegner liegt unserer Studie zufolge nur bei weniger als fünf Prozent. Diese haben zu allen drei Zeitpunkten angegeben, dass sie sich nicht freiwillig impfen lassen würden. Die Zahl von fünf Prozent harten Impfgegnern ist niedriger als die, die man zu jedem einzelnen Zeitpunkt findet. Denn wir haben herausgefunden, dass es eine große Gruppe gibt, die ihre Meinung im Lauf der Zeit ändert: Manche waren bei der ersten Befragung nicht mit einer Impfung einverstanden, später hingegen schon. Doch auch andersherum haben manche im Verlauf der Zeit eine Impfskepsis entwickelt – obwohl sie früher dazu bereit waren“, so Schmelz.

Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass diese Gruppe von Befragten die Impfung nicht immer und kategorisch ablehne und somit noch überzeugt werden könne. Demnach könnten 95 Prozent der Bevölkerung von einer Impfung überzeugt werden – deutlich mehr als bisher angenommen. Sie müssten nur gegebenenfalls überzeugt werden, dass sie ihre Meinung zum Thema impfen nochmals ändern. Dass sie dazu prinzipiell bereit seien, hätten sie bereits gezeigt.

Doch was sind die Ursachen für die Meinungsänderung bei den Befragten? Die Studie von Schmelz und Bowles hat gezeigt, dass eine Pflicht kontraproduktiv wäre. Die Zahl derjenigen, die mit einer Impfung im Falle der Pflicht einverstanden wären, sank zwischen dem ersten und zweiten Lockdown. „Impfbereitschaft ist abhängig vom Vertrauen in die Politik. Doch Vertrauen ist schnell verspielt. Die Politik hat hierzulande immer betont, dass es keine Impfpflicht geben wird. Diese nun einzuführen würde wahrscheinlich als massiver Vertrauensbruch wahrgenommen, der die Impfskepsis verhärten würde“.

„Ich lasse mich freiwillig impfen, aber wenn ich gezwungen werden soll, dann mache ich nicht mehr mit“

Das heißt: Das Szenario, dass eine Impfung verpflichtend wäre, würde die Impfbereitschaft der Befragten verringern: „Viele verhalten sich nach dem Motto 'ich lasse mich freiwillig impfen, aber wenn ich gezwungen werde, dann mache ich es nicht mehr mit‘“, erklärt die Forscherin. Dagegen steige die Bereitschaft, sich freiwillig impfen zu lassen, je mehr die Befragten von der Wirksamkeit überzeugt seien und je mehr sie der Politik vertrauten: „Um Skeptiker zu überzeugen, sollte man ihre Zweifel ernst nehmen, transparent über die Wirkung aufklären. Letztlich ist es eine Gesundheitsentscheidung für sich – und keine Aufgabe, die man für die Regierung zu erledigen hat“.

„Die Politik müsste einfach mehr den Impferfolg betonen – weniger die Misserfolge“

Wichtig sei zudem der sogenannte Konformitätseffekt: Viele passen ihre Entscheidung an die Entscheidungen anderer Mitmenschen an: „Wenn ich skeptisch bin und dann dauernd höre, dass die Impfkampagne bei 62 Prozent stockt, dann werde ich in meiner Skepsis bestätigt und denke 'das wird schon seine Gründe haben'. Diese Zahl bezieht sich aber auf doppelt Geimpfte in der Gesamtbevölkerung, inklusive der Kinder. Wenn ich dagegen höre, dass acht von zehn Erwachsenen sich freiwillig schon mindestens einmal haben impfen lassen, dann denke ich 'diese Impfung kann ja gar nicht so schlimm sein'. Man verlässt sich auf die Weisheit der Masse.“

Schmelz zufolge könnte sich die Politik diesen Effekt einfach zunutze machen: „Die Politik und die Medien sollten auch den Impferfolg betonen, um die Unsicheren zu überzeugen. Denn Impfbereitschaft ist ansteckend – Impfskepsis aber auch!“ Die noch nicht Geimpften seien nicht alles verschrobene Spinner, sondern ganz unterschiedliche Menschen mit ihren eigenen Gründen, so Schmelz. Darunter gebe es „Junge, die sich gesund fühlen und es nicht für wichtig halten, sich impfen zu lassen, Frauen, die aufgrund von Fake-News Bedenken wegen der Fruchtbarkeit haben, Migranten, die ganz andere Sorgen haben oder Menschen, die sozial isoliert sind.“

Deren Sorge und Ängste müsse man ernst nehmen und darauf eingehen: „Es gibt so viele Gründe, warum eine Impfung sinnvoll ist. Den Nutzen und mögliche Risiken sollte man transparent gegenüberstellen, Informationen leicht zugänglich machen. Dauerhafte Ermahnung und moralischer oder politischer Druck helfen da oft nicht weiter. Überzeugen statt überreden sollte die Leitlinie sein“.

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