Vergiss thesaurierende ETFs: Mit diesem globalen Dividenden-ETF kommst du locker durch jede Krise!

Stefan Naerger, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Das eine vergöttert den Zinseszinseffekt und wäre hocherfreut, wenn alle Gewinne stets reinvestiert werden. Das andere schaut auf die Durststrecken in der Vergangenheit und würde vor allem in den dunkelsten aller Stunden gerne das ein oder andere Lebenszeichen in Form großzügiger Ausschüttungen sehen.

So wird es sicher auch vielen ETF-Investoren gehen. Thesaurieren (alle Ausschüttungen werden automatisch reinvestiert) oder nicht, das ist hier die Frage!

Für mich ist die Sache klar: In meinem Depot wird nicht thesauriert. Wer Zutritt zu meinen heiligen Hallen erhalten möchte, muss zahlen.

Wer gierig ist, muss Spielraum gewähren

Wie sich die Zeiten ändern! Von vielen altehrwürdigen Investoren las man früher, dass gute Unternehmen besser eine großzügige Dividende vorzuweisen haben. Wie die Gewinne verwendet werden, sollen die Aktionäre entscheiden, nicht die Chefetage.

Doch heutzutage ist die allgemeine Haltung in meinen Augen eine andere. Nicht insofern, dass Dividenden zum alten Eisen gehören und nur Kursgewinne das einzig Wahre sind. Dividenden sind weiterhin erwünscht, jedoch darf es ruhig ein kleinerer Anteil des Gewinns sein, der an die Aktionäre ausgeschüttet wird. Der überwiegende Teil gehört bitte sehr ins Unternehmen investiert.

Das macht Sinn! Was bringt dem Aktionär eine gigantische Dividende, wenn dem Unternehmen Jahr für Jahr die Kraft für dringend notwendige Investitionen entzogen wird? Irgendwann ist das Unternehmen marode, altbacken und liegt auf dem Vorspeisenteller der Konkurrenz. Spätestens dann ist auch die Dividende dahin.

Reinvestierte Gewinne sind nicht nur gut für die Stabilität. Man könnte ebenfalls vermuten, dass sich über viele Jahre eine Art innerer Zinseszinseffekt herausbildet. Mit dieser Superkraft werden die Grundlagen für langfristige Kursgewinne und stetig wachsende Ausschüttungen geschaffen.

Thesaurus Rex

Ein Glück, dass man sich als ETF-Investor nicht mit den Unternehmen selbst befassen muss. Oft wird einfach ein Index erworben, bei dem genau festgelegt ist, nach welchen Regeln Aktien gekauft und verkauft werden müssen. Welcher Besitzer eines DAX-ETF kennt schon alle DAX-Unternehmen?

Wer sich einen handelsüblichen Index-ETF ins Depot legt, muss damit rechnen, dass die in dem Index enthaltenen Aktien auch Dividenden ausschütten. Wer den Zinseszinseffekt verstanden hat, weiß: Jeder Cent, der jetzt als Bargeld aus dem Depot fließt, ist Kapital, das dem Zinseszinseffekt über die nächsten Jahre und Jahrzehnte nicht zur Verfügung stehen wird. Schlimmer noch: Ausschüttungen sind (je nach Freibetrag) steuerpflichtig.

Da kommen thesaurierende ETFs wie gerufen. Bei dieser Sorte ETF werden die Ausschüttungen automatisch reinvestiert. Eine Lösung wie geschaffen für den passiven ETF-Sparer, der in seinem Depot maximal einmal pro Jahr nach dem Rechten schaut.

Steuermuffel dürften thesaurierende ETFs ebenfalls anhimmeln. Solange keine Anteile verkauft werden, werden auch keine Steuern fällig.

Mehrere Denkfehler

Auf den ersten Blick wirken thesaurierende ETFs wie die perfekte Lösung. Doch über ein paar Details müssen wir dringend sprechen.

Wir sich den Zinseszinseffekt vorstellt, denkt an eine saubere Exponentialfunktion, die sich erst langsam nach oben quält und später regelrecht explodiert. Ja, Aktien (und somit auch Aktien-ETFs) verhalten sich oft langfristig genau nach diesem Muster.

Doch kurz- bis mittelfristig kann es zu enormen Ausschlägen kommen – nach oben und nach unten. Aber vor allem dann, wenn eine Krise mein Depot zertrümmert, möchte ich einen Zahler haben, der mich bei Laune hält. Das kann ein thesaurierender ETF nicht leisten.

Das mit der Steuerfreiheit kann ebenfalls nach hinten losgehen. Steuern werden spätestens dann fällig, wenn der thesauriende ETF verkauft wird. Aber das kann in 10, 20 oder 30 Jahren sein. Niemand kann heute wissen, wie hoch dann die Steuerlast sein wird. Geht der Trend in die falsche Richtung, wirken die regelmäßigen Ausschüttungen, die man über die Jahre hätte einsacken können, im Nachhinein wie ein Steuergeschenk.

Der optimale Dividenden-ETF

Nach dem optimalen Zahler im ETF-Universum muss man nicht lange suchen. Hier genügt mir im Zweifel ein handelsüblicher ETF, der den US-Index S&P 500 abbildet.

Mit einer Dividendenrendite von rund 2 % klingelt die Kasse hier zwar nicht allzu üppig, aber immerhin mehr als bei jedem thesaurierenden ETF – und das (je nach ETF-Anbieter) sogar quartalsweise! Im Gegensatz zu manch anderen Index-Paketen hatte der S&P 500 in der Vergangenheit auch ordentliche Kurssteigerungen vorzuweisen. Seit dem Krisentief 2009 kletterten die Kurse hier um über 330 % (Stand für alle Zahlen: 28.04.2020).

Mein absolutes Highlight in Sachen Dividenden-ETF ist der Global Dividend Aristocrats Index aus dem Hause S&P. Hier bekommt man 100 Unternehmen als aller Welt, die in den letzten zehn Jahren stabil gezahlt oder die Dividende erhöht haben.

Ist dieser ETF schon der Overkill in Sachen Dividende? Vielleicht! Aber in Krisenzeiten sind stabile Zahler eben Mangelware. Wie in guten, so in schlechten Zeiten – genau so und nicht anders sollte es eigentlich die Regel beim ETF- und Aktienkauf sein!

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