Vergessene Helden: Der Mann, der die Welt rettete

Stanislaw Petrow in seiner Wohnung in Frjasino in der Nähe von Moskau. (Bild: AP)

Im September 1983 hing das Schicksal der ganzen Welt plötzlich vom Urteil eines einzigen Mannes ab: Stanislaw Petrow, Oberst der sowjetischen Luftabwehrstreitkräfte. Als die Frühwarnzentrale den Abschuss amerikanischer Atomraketen meldete, musste er sich entscheiden: Fehlalarm oder Gegenschlag?

Als der Kalte Krieg Mitte der 1980er-Jahre seinen Höhepunkt erreicht hatte, stand die Welt am Rande einer Katastrophe globalen Ausmaßes. Im Besitz der Sowjets befanden sich mehr als 400 Raketen vom Typ SS-20 „Saber“, deren Spitzname es auf den Punkt brachte: „Schrecken Europas“ nannte man die Atomraketen, von denen zwei Drittel direkt auf westeuropäische Städte wie die damalige deutsche Hauptstadt Bonn, Paris oder London ausgerichtet waren. Wobei die Sprengkraft jeder einzelnen 50 Mal höher war als die der Atombombe „Fat Man“, mit der die Amerikaner 1945 Nagasaki bombardiert hatten.

Ein riesiges Arsenal an Waffen also, dem der Westen in nichts nachstehen wollte. Im Gegenteil: In den USA war seit 1981 Ronald Reagan Präsident, der die Sowjetunion unumwunden zum „Reich des Bösen“ deklariert hatte. Überall in Europa wurden Pershing-II-Raketen aufgestellt, das Wettrüsten war in vollem Gange.

Es war klar: Im Ernstfall würden die Russen nicht lange fackeln

Überzeugt davon, dass Amerika den Erstschlag plane, hatte Juri Andropow vorgesorgt. Schon bevor er zum sowjetischen Staatsoberhaupt wurde, hatte der damalige Chef des sowjetischen Geheimdiensts KGB die Operation „Rjan“ ins Leben gerufen. Eine Abkürzung, die übersetzt „atomarer Raketenangriff“ bedeutet. Dafür spähten die Agenten des KGB alles aus, was auf einen bevorstehenden Angriff hindeuten könnte: Spät nachts erleuchtete Fenster in Ministerien, erhöhte Aktivität in Banken, Urlaubssperren in Ämtern, Blutspende-Aufrufe oder das Bunkern von Lebensmitteln.

Amerikanische Schüler üben im Kalten Krieg, wie sie sich bei einem nuklearen Angriff der Russen verhalten müssen. (Bild: AP)

Dass sie im Ernstfall nicht lange fackeln würden, hatten die Sowjets am 1. September 1983 bewiesen. Da nämlich hatte ein sowjetischer Jagdbomber einen südkoreanischen Jumbojet abgeschossen, der im militärischen Sperrgebiet über der Halbinsel Kamtschatka unterwegs war. Ein Versehen, die Maschine war wohl einfach unglücklich vom Kurs abgekommen. Doch die Sowjets gingen von einem getarnten Spionageflugzeug aus, 269 Menschen starben.

„Niemand löffelt einen Wassereimer langsam mit einem Teelöffel aus“

So sah die Welt also aus am Abend des 25. September 1983, als Oberst Petrow sich von seiner Frau Raissa und den beiden Kindern verabschiedete, um seinen Dienst anzutreten. 90 Kilometer von Moskau entfernt arbeitete er in Serpuchow-15, einer abgeschotteten Stadt, in deren Zentrum die Luftverteidigung einen Stützpunkt hatte. Der Standort war so geheim, dass nicht einmal seine Familie wusste, wo genau er arbeitete.

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Hier überwachte der Oberst das Raketenwarnsystem „Oko“, das er selbst mitentwickelt hatte. Dessen Aufgabe: In den USA abgeschossene Atomraketen zu melden, bevor das sowjetische Radar sie erfassen konnte. Aber nicht etwa, um sie abzufangen. Der einzige Sinn bestand darin, ein paar Minuten früher einen Vergeltungsschlag und damit den Dritten Weltkrieg einleiten zu können.

Die japanische Hafenstadt Hiroshima wenige Tage nach dem Atombombenabwurf der US-Amerikaner am 6. August 1945. (Bild: AP)

Der Schock kam kurz vor Mitternacht. Auf einmal gingen die Sirenen los, an der Wand leuchteten rote Buchstaben: „START“ – das Zeichen dafür, dass auf einer US-Militär-Basis eine Interkontinentalrakete abgeschossen worden war. 25 Minuten würde es dauern, bis die Rakete die Sowjetzone erreicht hätte. Die Frage lautete jetzt: Sollte Petrow den Abschuss gegenüber seinen Vorgesetzten bestätigen und damit eine nukleare Revanche einleiten oder nicht? Der Satellit Kosmos 1382 hatte den Start eindeutig gemeldet, allein: Der Ingenieur und Systemanalytiker Petrow konnte sich nicht vorstellen, dass die USA einen Angriff mit nur einer Rakete starten würden. Im Ernstfall wären es Hunderte, hatte er gelernt und dabei ein Bild vor Augen: Niemand löffelt einen Wassereimer langsam mit einem Teelöffel aus, so sagte er es Jahre später gegenüber dem „Spiegel“. „Sicher war ich mir in dem Moment natürlich nicht.“ Er griff also zum Telefon und meldete seinem Vorgesetzten einen Fehlalarm. Kurz darauf ertönte die Sirene erneut. Dann noch einmal, noch einmal und noch einmal.

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Während viele seiner Kollegen aufsprangen und wild gestikulierten, blieb Petrow cool. Er fragte bei der visuellen Überwachung an, ob auf den Satellitenbildern etwas zu sehen sei. Nichts, war die Antwort. Petrow dachte jetzt – wie er Jahre später in einem Interview erzählte – an Hähne. „Wenn ein Hahn morgens zu krähen beginnt, machen die anderen automatisch mit. Ob die Sonne tatsächlich aufgegangen ist oder nicht ist völlig unerheblich.“ Also ließ er sich und seinen gesunden Menschenverstand nicht beirren und hielt an seiner Einschätzung fest. 13 quälende Minuten vergingen nach dem ersten Alarm, bis klar war: Wenn jetzt noch keine Rakete auf dem Radar erschienen ist, gibt es auch keine. Man kann sich Petrows Erleichterung darüber, was er verhindert hatte, nicht annähernd vorstellen. Der Cambridge-Forscher Hugh Middleton hatte kurz zuvor berechnet, dass ein Atomkrieg weltweit zu 750 Millionen Toten und 340 Millionen Verletzten führen würde.

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Erst sechs Monate später erfuhr der Diensthabende der geschichtsträchtigen Nacht, was den Alarm tatsächlich ausgelöst hatte: Reflexionen von Sonnenstrahlen in den Wolken, die das Frühwarnsystem trotz 30 eingebauter Sicherheitsmechanismen als Energieentladungen beim Raketenstart eingestuft hatte. „Ein einzigartiger teuflischer Zufall“, wie der Ingenieur später sagte.

Stanislaw Petrow bei der Verleihung des Deutschen Medienpreis 2012 im Kurhaus von Baden Baden. (Bild: ddp)

Unglaublich, dass Petrow in der Lage war, die Erlebnisse dieses Tages für sich zu behalten. Nicht einmal seiner Frau erzählte er aufgrund der Geheimhaltungsvorschrift davon. Und so wurde die Sache erst bekannt, als Petrows damaliger Vorgesetzter Juri Wotinzew nach dem Untergang der Sowjetunion der Wochenzeitschrift “Sowertschenno Sekretno” davon erzählte.

Mit Verzögerung kam der Ruhm also doch noch. So erhielt der Oberst a.D. den World Citizen Award, den Deutschen Medienpreis und den Dresdner Friedenspreis. Von nun an bekannt als „der Mann, der die Welt rettete“, wurde unter diesem Namen auch ein Dokumentarfilm über den schweigsamen Russen gedreht. Petrow starb am 19. Mai 2017 in seiner Wohnung in Frjasino in der Nähe von Moskau. Bis zuletzt bestand der kleine Mann mit weißem Haar und grauem Schnurrbart darauf: „Ich bin kein Held. Ich habe einfach nur meinen Job richtig gemacht.”