Vergessene Helden: Der Mann, der den ersten Schul-Amokläufer stoppte

“Krieg und menschliche Mordlust machen in der Regel halt vor unschuldigen Kindern, hier sind gerade sie als Opfer gefallen”, so der Pastor bei der Gedenkfeier nach dem Amoklauf in Bremen. (Bild: ddp)

Erfurt, Emsdetten und Winnenden fallen den meisten Menschen als erstes ein, wenn man sie nach Amokläufen an deutschen Schulen fragt. Dabei trat das Phänomen schon vor über 100 Jahren zum ersten Mal auf. Gestoppt wurde der Attentäter von Hubert Möllmann, der seinen Mut beinahe mit dem Leben bezahlte.

Es ist Freitag, der 20. Juni 1913. Vor einem Klassenzimmer im Hochparterre der Marienschule in Bremen stehen die Erstklässler mit ihrer Lehrerin Maria Pohl bereit, um in Zweierreihen auf den Schulhof zu gehen. Es ist kurz vor elf Uhr, die Mädchenklasse freut sich auf die große Pause. Doch plötzlich wandelt sich die hibbelige Vorfreude in blanke Panik: Ein Mann rennt die Treppe hinauf und beginnt, wahllos auf die Kinder zu schießen. Mit einer Pistole in jeder Hand, ohne Vorwarnung, ohne Gnade.

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Zwei Mädchen werden von Kugeln getroffen und sind auf der Stelle tot. Ein drittes kommt im Gedränge auf der Treppe zu Fall und bricht sich das Genick. Ein Teil der erst fünf- bis sechsjährigen Kinder flüchtet sich zurück ins Klassenzimmer, doch der Mörder ist ihnen auf den Fersen. Die Kinder kriechen unter ihre Tische, sie flehen den Mann an: „Onkel, erschieß uns nicht!“ Doch die Schüsse hallen weiter durch das Schulgebäude.

Fünf Schüler werden von seinen Kugeln getroffen

Die Jungs im Raum gegenüber haben mehr Glück. Ihr Lehrer hat die Tür zum Klassenzimmer verbarrikadiert und treibt sie zur Flucht aus dem Fenster an. Einer nach dem anderen hüpft auf den Pausenhof und rennt, so schnell er kann. Mancher schafft es so, dem Mörder unverletzt zu entkommen. Fünf Schüler aber werden von seinen Kugeln getroffen, die er aus einem offenen Fenster im Treppenhaus abfeuert. Dort steht er in seiner blinden Wut, nachdem er das Klassenzimmer der Mädchen verlassen und dem Hausmeister ins Gesicht geschossen hat. Er hatte sich von hinten angeschlichen und wollte den Attentäter überwältigen.

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Der Amokläufer will jetzt in ein höheres Stockwerk und stürmt zur Treppe. Da aber stellt sich ihm Hubert Möllmann in den Weg. Ein Lehrer, gerade einmal 24 Jahre alt. Ohne zu zögern schießt der Mörder ihn in die Schulter, doch anstatt zu fliehen, stürzt sich der Verletzte auf den Täter. Was dann passiert, erzählte Möllmann im Nachhinein so: „Ich griff nach seinen Handgelenken und riss ihm die Arme hoch. Wir stürzten beide die Stufen hinunter. Er verlor eine Pistole. Die andere konnte ich ihm wegnehmen. Ich setzte mich auf den um sich schlagenden Mann, richtete die Waffe gegen seinen Kopf. Dann wurde ich ohnmächtig.“

Der 29-jährige Täter ist selbst Lehrer

Im Gerangel hatte der Mörder ein zweites Mal abgedrückt und den Lehrer in den Bauch geschossen. Obwohl der Pädagoge daraufhin außer Gefecht gesetzt ist, ist das Morden des Amokläufers hier zu Ende. Einmal am Boden liegend, werfen sich mehrere Lehrer und ins Gebäude gestürmte Passanten auf ihn und halten den Mann solange am Boden, bis die Polizei eintrifft und ihn festnimmt.

Wie sich im Folgenden herausstellt, ist der 29-jährige Täter selbst Lehrer. Sein Name ist Heinz Jacob Friedrich Ernst Schmidt und er lebte erst seit einem halben Jahr in Bremen, wo er bereits aufgefallen war. Zwei Waffenhändler hatten den Mann der Polizei gemeldet, weil ihnen die Menge an Waffen und Munition, die er bei ihnen gekauft hatte, verdächtig vorgekommen war. Die Ermittlungen wurden aber eingestellt und auch andere Fachleute hatten die Gefährlichkeit des Mannes unterschätzt. Wegen psychischer Probleme arbeitsunfähig geschrieben, war er kurzzeitig in stationärer Behandlung, bevor er als geheilt betrachtet aus dem Sanatorium entlassen wurde.

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Während des Attentats hatte er insgesamt zehn Pistolen und 1000 Schuss Munition in einer Tasche bei sich. Sogar unter dem Hut und in einer Socke steckten noch Patronen. Was ihn zu dem Massenmord getrieben hat? Letztendlich wohl der Tod seines Vaters am Tag vor dem Attentat. In einer Art krudem Verfolgungswahn glaubte er, die Jesuiten wären Schuld am Tod des protestantischen Geistlichen. Wörtlich sagte er im Verhör: „Ich hasse Katholiken, sie haben meinen Vater getötet. Darum mussten die Kinder sterben.“ Schizophrenie, lautet die Diagnose der Ärzte, die ihn in eine geschlossene Anstalt einliefern lassen.

Am 24. Juni 1913 werden die Opfer des Bremer Amoklaufs mit einem feierlichen Trauerzug zu Grabe getragen. (Bild: Bildarchiv Kulturhaus Walle Brodelpott)

Derweil kämpft Hubert Möllmann im Krankenhaus um sein Leben. Als er dort eingeliefert wird, sieht der Arzt zunächst keine Chance auf Genesung. Nicht einmal operieren will er den jungen Mann. Angeblich hat der Lehrer es nur dem vehementen Eingreifen der Schwestern zu verdanken, dass der Arzt doch noch einlenkt und die OP in Angriff nimmt. Eine der beiden Kugeln steckt aber so verzwickt in seinen Eingeweiden, dass der Mediziner sie nicht entfernen kann, ohne größeren Schaden anzurichten. Nach dem Eingriff steht das Leben des mutigen Lehrers wochenlang auf der Kippe.

In der Trauer über die Opfer sind die Konfessionen vereint

Und so bekommt er gar nicht mit, wie herzzerreißend die ganze Stadt um die Opfer des Amoklaufs trauert. Der Trauergottesdienst findet in der bis auf den letzten Platz gefüllten Marienkirche statt. Zu diesem Zeitpunkt sind vier Mädchen zwischen fünf und sieben tot. Elsa, Maria, Sophie und Anna liegen in winzigen Särgen vor dem Altar, umgeben von unzähligen Kerzen und bunten Blumenkränzen. Nach dem Requiem tragen die Lehrer der Schule sie zu den Leichenwagen, später werden sie im strömenden Regen zu Grabe getragen.

Auch, wenn den Attentäter eine psychische Erkrankung zu seiner Wahnsinnstat getrieben hat, gab es zu der Zeit ganz reale Spannungen zwischen der Mehrheit der Protestanten im Norden Deutschlands und den Katholiken, deren Anzahl sich stetig vermehrte. In der Trauer aber sind die Konfessionen vereint angesichts der Unfassbarkeit des Amoklaufs. In den Worten des Pastors klingt das so: „Krieg und menschliche Mordlust machen in der Regel halt vor unschuldigen Kindern, hier sind gerade sie als Opfer gefallen.“

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Knapp vier Wochen nach der Beerdigung stirbt auch die kleine Elli im Krankenhaus an den Folgen ihrer Verletzungen. Damit sind fünf Kinder dem Amokläufer zum Opfer gefallen, 20 Menschen wurden verletzt, die meisten davon Kinder. Sogar die „New York Times“ berichtete über den Vorfall, und schon damals wurde diskutiert, was auch heute nach jeder ähnlichen Bluttat verlässlich ansteht: Eine Verschärfung des Waffenrechts. Der Mörder Schmidt blieb bis 1933 in der geschlossenen Psychiatrie, wo er an Tuberkulose starb.

Und was wurde nun aus dem Lehrer, der sich seinem ehemaligen Kollegen so mutig in den Weg gestellt hatte? Er überlebte, tatsächlich. Mitsamt der Kugel, die für immer in seinem Körper steckte und all den schlimmen Erinnerungen an den Tag seiner Heldentat, die er wohl nie wieder loswurde. Am 1. April 1914 stand er rund zehn Monate nach dem Attentat wieder vor einer Klasse der Marienschule.