Vergessen und verlassen: Wie geht es behinderten Menschen in der Ukraine?

Vergessen und verlassen: Wie geht es behinderten Menschen in der Ukraine?

Als im Juli russische Mörser in ein psychiatrisches Wohnheim in der Nordukraine einschlugen, schliefen Dutzende von älteren und behinderten Bewohnern tief und fest.

Die Flammen griffen auf den Speisesaal der Einrichtung über, Schlafsäle und Verwaltungsgebäude wurden zerstört.

Wie durch ein Wunder wurden nur drei Menschen verletzt.

Allerdings ist dies nur der jüngste in einer Reihe tödlicher Anschläge, bei denen einige der schwächsten Menschen in der Ukraine in einen grausamen Konflikt verwickelt wurden, der sich ihrer Kontrolle völlig entzieht.

Nach Angaben von Inclusion Europe, einer EU-weiten Behindertenorganisation, lebten vor der russischen Invasion etwa 2,7 Millionen Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung in der Ukraine.

Die Gewalt und die Zerstörung, die folgten, nachdem russische Panzer über die Grenze rollten, haben die ohnehin schon katastrophale "Situation für diese Männer, Frauen und Kinder noch weiter verschärft".

"Menschen mit Behinderungen standen schon vor dem Krieg unter Druck, waren lange Zeit stigmatisiert, isoliert und hatten keinen Zugang zu gemeinschaftlicher Unterstützung", so Inclusion Europe.

Sie können nicht weg, sie wurden vergessen

Karolina Kozik, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Human Rights Watch sagte, ihre Organisation sei "sehr besorgt" über das Schicksal der Zehntausenden von behinderten Menschen, die in Heimen, wie  Waisenhäusern oder Pflegeheimen leben.

"Die Menschen, die in diesen Einrichtungen leben, sind wirklich von ihren Gemeinschaften getrennt, sie leben wirklich hinter verschlossenen Türen", sagte sie. "Sie laufen ernsthaft Gefahr, zurückgelassen zu werden."

Ein Grund für das angeschiedene Leben sei, dass viele Behinderte spezielle behindertengerechte Autos oder Krankenwagen benötigen, die in einem Kriegsgebiet nicht ohne weiteres verfügbar sind, um sie in Sicherheit zu bringen.

Efrem Lukatsky/AP
Ein Polizist hilft einer Rollstuhlfahrerin in einen Zug nachdem sie aus Lyssytschansk evakuiert wurde. - Efrem Lukatsky/AP

Im Juli tauchten Aufnahmen von behinderten Kindern auf, die unter erbärmlichen, unmenschlichen Bedingungen leben, teilweise gefesselt und unter der Aufsicht von hilflosem Personal. In der Lage, sie zu evakuieren, ist niemand.

Yuliia Sachuk von Fight for Right, einer ukrainischen Wohltätigkeitsorganisation für Menschen mit Behinderungen, glaubt, dass Behinderte in der Ukraine bei den Evakuierungsplänen des Landes vor Ausbruch des Konflikts "übersehen" wurden.

"Sowohl die nationalen als auch die lokalen Behörden haben bei der Planung von Fluchtwegen und Evakuierungskorridoren den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt", sagte sie Euronews. Ihre Organisation habe Evakuierungen und medizinische Leistungen "ohne jegliche Unterstützung" gegeben.

Die ukrainische Regierung erklärte, alle Sozialleistungen, einschließlich der Behinderten- und Pflegebeihilfe für Menschen mit geistigen Behinderungen, verlängert und die Bemühungen der Ministerien zur Evakuierung dieser Menschen, einschließlich derer, die in Internaten, psychoneurologischen und anderen Einrichtungen untergebracht sind, koordiniert zu haben.

"Manchmal ist es schwer, zu verstehen, was passiert"

Sowohl Behinderte als auch ältere Menschen sind in jedem bewaffneten Konflikt ernsthaften Risiken ausgesetzt - und die Ukraine ist da keine Ausnahme.

Wenn die Gewalt vor ihrer Haustür ausbricht, sind Menschen mit körperlichen Behinderungen, insbesondere Rollstuhlfahrer, möglicherweise nicht in der Lage zu fliehen oder Luftschutzbunker zu erreichen. Menschen mit Hörproblemen hören die Warnsirenen nicht, und können auch auf andere Gefahren - etwa wenn Beschuss näher kommt - nicht handeln.

Selbst wenn Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen von den direkten Auswirkungen eines Konflikts verschont bleiben, können sie den Folgen eines Krieges nur selten entkommen.

"Die Auswirkungen eines Konflikts auf die psychische Gesundheit sind für jeden enorm", sagte Kozik gegenüber Euronews. "Für Menschen mit Behinderungen kann er ein noch größeres Trauma und psychisches Leid verursachen."

"Für manche Menschen mit geistigen Behinderungen kann es zum Beispiel schwierig sein, zu verstehen, was passiert. Jede Veränderung in ihrem Alltag kann enorme Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit und ihr Wohlbefinden haben."

Alexander Zemlianichenko/AP
Ein Mann im Rollstuhl auf einer Brücke an einem Kontrollpunkt prorussischer Separatisten in Slowjansk, 3. Mai 2022. - Alexander Zemlianichenko/AP

Am 1. März schlug eine Granate in das V. Korolenko-Internat für blinde Kinder in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine im Nordosten, ein.

"Überall flogen Glassplitter herum, die Kinder fielen zu Boden, sie hatten große Angst", sagte Valentina Butenko, die Leiterin von Right to Choose, einer Gruppe, die mit behinderten Ukrainern arbeitet.

"Ein Mädchen wurde verletzt, und der Direktor der Schule erlitt eine Kopfverletzung durch eine Glasscherbe. Alle Kinder der Schule sind inzwischen evakuiert worden."

Aufgrund ihres Zustands haben behinderte Menschen in Kriegszeiten nur schwer Zugang zu lebenswichtigen Diensten und humanitärer Hilfe, obwohl sowohl die Ukraine als auch Russland nach internationalem Recht verpflichtet sind, ihre Sicherheit zu gewährleisten.

Zu dieser ohnehin schweren Situation kommt auch die Verantwortung für die Betreuung, insbesondere für Mütter, so Inclusion Europe. Die meisten von ihnen blieben "einfach zu Hause und hoffen auf das Beste".

"So schrecklich es auch klingen mag, Menschen mit Behinderungen werden in solchen Situationen leider oft vernachlässigt. Sie sind eine Randgruppe, selbst wenn kein Krieg herrscht", so Kozik.

"Es ist eine humanitäre Krise innerhalb einer Krise".

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