Verdirbt Richard David Precht die Deutsche Philosophie?

Stuart Jeffries

Die deutsche Version der Fernsehshow Wer wird Millionär strahlte im Mai ein Prominenten-Special aus. Im eng geschnittenen, dunkelblauen Jakett über einem geöffneten, schwarzen Shirt und mit Dreitagebart und langer Haarpracht beantwortete der Philosoph Richard David Precht problemlos eine Frage nach der anderen, bis der Moderator fragte, welche Überschrift es im Februar auf das Titelblatt einer britischen Zeitung schaffte: A) Darwin wird Außenminister B) Dickens übernimmt die BBC C) Shakespeare trainiert Meister oder D) Tolkien erhält BRIT Award.

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Precht ging kein Risiko ein und nahm die 64.000 Euro mit, die er bereits eingespielt hatte. (Die richtige Antwort war übrigens C) Craig Shakespeare ist Manager des Fussbalklubs Leicester City, welcher 2016 den britischen Meisterschaftstitel gewann). Auch wenn Precht eine respektable Summe für wohltätige Zwecke einspielte, ist sein Auftritt bei der Show ein Anzeichen dafür, was mit der deutschen Philosophie schief gelaufen ist. Andere deutsche Philosophen rümpfen bei Prechts Medienfreundlichkeit jedenfalls schon die Nase. Für Markus Gabriel ist Precht ein „Philosophiedarsteller“, Peter Sloterdeyk nennt ihn einen “Popularisator von Beruf“.

Aber Precht lässt das kalt. Als einer der berühmtesten und gefragtesten Figuren einer neuen deutschen Philosophiewelle argumentiert er, dass die moderne Philosophie, um relevant zu bleiben, von ihrem Elfenbeinturm herunterkommen und mit der Masse in Kontakt treten muss. Als Student an der Universität Köln in den 90er Jahren sehnte sich Precht nach einer Welt, in der Philosophen spannende Persönlichkeiten sind, die zugleich ein glückliches und kompromissloses Leben führen. Die Generation seiner idealistischen Zeitgenossen würde ihre eigenen Wege gehen und ihre Ideen hätten wenig mit der „wirkungslosen Hochschulphilosophie“ seiner Professorenzu tun, die er als „langweilige ältere Herren in braunen oder blauen Busfahreranzügen” beschreibt.

Zweifellos ist Precht dem Traum nachgegangen, seine eigene Disziplin für eine weitaus größere Masse zu öffnen. Als “Mick Jagger der Sachbücher“, eine Bezeichnung, die wohl als Kompliment gemeint ist, verkaufte Precht sein populärstes Buch Wer bin ich-und wenn ja, wie viele? mehr als eine Million mal weltweit in insgesamt 32 Sprachen.

Deutsche Philosopie ist heute nicht mehr die Art von intellektueller Disziplin, wie sie Martin Heidegger einsiedlerisch in seiner Schwarzwaldhütte betrieben hat. Vielmehr ist sie zu einer erfolgreichen Dienstleistungsindustrie geworden, die auf dem Ideenmarkt um Kunden buhlt. Da gibt es z.B. das Philosophie Magazin, ein Hochglanzmagazin, das seit 2011 zweimonatlich deutschlandweit erscheint. Chefredakteur Wolfram Eilenberger beschreibt die Mission der Zeitschrift im Editorial: „Ein Magazin, das seine Fragen auf den Marktplatz trägt, um sie im Licht der Öffentlichkeit zu ergründen”.

Philosophie Magazin hat eine Auflage von 100.000, was ein Beweis dafür ist, dass Eilenbergers Ansatz sich auszahlt. Es scheint tatsächlich so, als gäbe es in Deutschland eine neue Nachfrage nach Ideen, die reif zur Umsetzung sind. 2017 boomt die Philosophie in Deutschland. Die Einschreibungszahlen deutscher Studenten in philosophische Kurse sind in den letzten drei Jahren um ein Drittel angestiegen. Führende Praktiker der Philosophie geben TED Talks, publizieren Bestsellerbücher und produzieren beliebte Fernsehshows und Festivals wie z.B. die phil.cologne, die jedes Jahr im Juni mehr als 10.000 Besucher an den Rhein zieht.

So hat sich die deutsche Philosophie gewandelt: Wörter wie “genüsslich“, „verführerisch“ und „einfach verdaulich“ wären im Kontext der Diskussionen über Kant oder Hegel niemals benutzt worden. Positiv betrachtet könnte man sagen, dass dieser Popularitätstrend Massen anzieht wie nie zuvor. Das bedeutet aber auch, dass die Philosophie in erster Linie dazu benutzt wird, dem intellektuellen Selbstbild ihrer Konsumenten zu schmeicheln.

Vor über 70 Jahren beschrieben zwei der bekanntesten Philosophen Deutschlands, Theodor Adorno und Max Horkheimer, Hauptvertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, was sie „Kulturindustrie“ nannten. Für sie war die Industrie voller abgestumpfter Prominenz und gehirnloser Fernsehshows im Endeffekt ein Mittel zum Massenbetrug und zur Unterwerfung.  In Dialektik der Aufklärung postulierten Adorno und Horkheimer, dass die Produkte der Kulturindustrie die Vorstellungskräfte und Spontanität ihrer Konsumenten verkümmern lassen und so konzipiert seien, „dass ihre adäquate Auffassung zwar Promptheit, Beobachtungsgabe, Versiertheit erheischt, dass sie aber die denkende Aktivität des Betrachters geradezu verbieten, wenn er nicht die vorbeihuschenden Fakten versäumen will.“  2017 wird einem verziehen, wenn man behauptet, dass die neue Welle deutscher Philosophen ein Teil von dem geworden ist, wovor ihre Vorgänger einst warnten.

Die Frage ist dann: Kann deutsche Philosophie auf einem allgemeinen, alltäglichen Level konsumiert werden ohne zu verdummen oder ohne, dass ihre Ideen an Komplexität verlieren? Die deutsche Philosophie hatte doch gerade immer zum Ziel, das alltägliche Leben zu kritisieren, anstatt die intellektuellen Werkzeuge für dessen Erhaltung herzustellen. Die größten deutschen Philosophen, darunter Hegel, Schopenhauer, Heidegger, Marx und die Vertreter der Frankfurter Schule, gaben uns vernichtende Analysen eben jener Kräfte, die unseren Alltag untermauern. Haben die gegenwärtigen Champions der deutschen Philosopie in ihrem Kampf, die Disziplin relevant zu halten, etwa vergessen, wordurch die deutsche Philosophie einst so hervorstach?

Wenn das der Fall ist, weist die neue Konsumversion der deutschen Philosophie aber nicht auf ihre Wichtigkeit hin, sondern überdeckt letztlich nur den Untergang der Disziplin.  Und wenn sie wirklich untergeht, dann hat sie eben einen derartigen Faustischen Pakt abgeschlossen, den der deutsche Literaturheld Goethe sehr geschätzt hätte – der Eintausch von Tiefsinn für Popularität.

Am 22. April 1969 war Theodor Adorno gerade dabei, seine Vorlesung Einführung in das dialektische Denken an der Frankfurter Goethe Universität zu beginnen, als er von studentischen Demonstranten unterbrochen wurde. Einer schrieb an die Tafel: „Wer nur den lieben Adorno lässt walten, der wird den Kapitalismus ein Leben lang behalten.” Dann umkreisten ihn drei weibliche Demonstranten, entblößten ihren Oberkörper und  bewarfen Adorno mit Rosen- und Tulpenblätter.

Adorno nahm seinen Hut und Mantel, verließ den Saal und sagte seine Vorlesungssreihe später ab. Er fiel in eine Depression und starb einige Monate später im Alter von 66 Jahren während eines Urlaubs in den Alpen.

Ein Portrait von Theodor Adorno aus dem Jahre 1958 (Imagno/Getty Images)

Die sogenannte Busenaktion wurde später von Peter Sloterdijk in seinem 1983 erschienen Band Kritik der zynischen Vernunft beschrieben: “Hier stand das nackte Fleisch, das Kritik übte – dort der bitter enttäuschte Mann, ohne den kaum einer der anwesenden erfahren hätte, was Kritik bedeutet-Zynismus in Aktion (…) Nicht nackte Gewalt war es, die den Philosophen stumm machte, sondern die Gewalt des Nackten.“

In einer anderen Kultur hätte es wohl nicht so viel bedeutet, wenn studentische Demonstranten eine Philosophielesung blockiert hätten. Aber die deutsche Philosophie ist anders. Die eindrucksvolle Tradition von deutschen Philosophen wie Kant, Hegel, Friedrich Nietzsche und Heidegger war immer schon eine Quelle für Nationalstolz. Die Busenaktion aber war ein vernichtender Angriff auf die sonst so hochgeachtete deutsche Philosophie.

Diese unangefochtene Respektkultur kam zu einem großen Teil deshalb zustande, weil deutsche Philosophie und nationale Identität, insbesondere seit Hegel, nicht voneinander zu trennen waren. Hegel schrieb im Schatten der Niederlage des napoleanischen Frankreichs und war inspiriert durch die preussischen Militärsiege. Er hatte die Vision von einem vereinten Deutschland und glaubte, dass man  Weltfrieden nur durch die Gründung eines führenden, starken Staates erreichen könne, ein Staat, der andere übertrifft, während sich die menschliche Geschichte bis zur Vollkommenheit weiterentwickelt. Hegel sah Preussen (und das vereinte Deutschland) in der einzigartigen Position, diese historische Rolle zu erfüllen. In keinem anderen Land wurde das Konzept der nationalen Identität von Philosophen so beharrlich in das intellektuelle System eingebaut wie in Deutschland. Gleichzeitig haben andere Philosophen ihrer Heimat wohl auch nicht ein so großes Schicksal auferlegt.

Adorno, der über ein Jahrhundert später bekannt wurde, schrieb nicht wie Hegel im Schatten der preussischen Militärsiege, sondern von Auschwitz, einer unvergleichlichen Abscheulichkeit, die einer philosophischen Rechtfertigung für deutschen Nationalismus schließlich ein Ende setzte. Zudem war Adorno ein Jude, der Hegels protestantische Haltung gegenüber Fortschritt verabscheute. Und nach Hitler und dem Holocaust konnte die deutsche Philosophie sich nicht mehr so darstellen, als richte sie sich nach einer endgültigen Auflösung der Geschichte.

Adorno war sicherlich kein Nationalist, doch trotzdem war er der deutschen Sprache und Kultur, in der er aufgewachsen ist, tief verbunden. Nach seiner Rückkehr aus dem kalifornischen Exil postulierte er, dass die deutsche Sprache eine besondere Affinität zur Philosophie habe. „Geschichtlich“, so Adorno, „ist die deutsche Sprache, in einem Prozess, der erst einmal wirklich zu analysieren wäre, fähig dazu geworden, etwas an den Phänomenen auszudrücken, was in ihrem bloßen Sosein, ihrer Positivität und Gegebenheit nicht sich erschöpft.” Mit anderen Worten: Wenn man Philosophie richtig betreiben will, sind Englisch, Französisch, Arabisch und Griechisch ungeeignet. Um sich dem Herzen der Philosophie zu nähern, müsse man sie in Deutsch praktizieren. Nach dem Holocaust wurde Adorno zu einer Art Gewissen der Nation (zumindest in Westdeutschland; die Ideologen der neugegründeten DDR wiederum verabscheuten den häretischen Neo-Marxismus Adornos und der Frankfurter Schule. In Negative Dialektik schrieb Adorno: „Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“ Hier äußerte sich ein deutscher Philosoph, der zu den Deutschen über ihre moralischen Pflichten sprach und erwartete, dass man ihm zuhört.

Für einige Deutsche war bloßes Zuhören aber bedeutungslos. 1969 richteten sich die studentischen Demonstranten gegen Adorno, weil er angeblich ein Marxist war, allerdings einer, der ihren Aufruf zum Handeln verachtete. Aus ihrer Sicht hat er sich in die Theorie zurückgezogen, gerade als revolutionäres Handeln wichtig wurde. Wie Karl Marx 1845 schreibt: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Vor diesem Hintergrund bewiesen die Philosophen der Frankfurter Schule, insbesondere Adorno, wie die deutsche Philosophie in der Stunde der Wahreit versagt hat.

Wenn Philosophie nach Adornos Tod in Deutschland überhaupt noch etwas bedeuten sollte, so musste etwas ganz Neues entstehen.

Die Philosophen Richard David Precht (links) und Jürgen Habermas (rechts), beide im Jahre 2013. (Getty Images)

Um zu verstehen, was mit der deutschen Philosophie nach Adornos Tod passiert ist und wie es schließlich zu den medienfreundlichen enfants terribles kam, müssen wir den Altmeister des deutschen Geisteslebens, den 88-jährigen Jürgen Habermas, betrachten. Habermas, der seine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend immer bereute, war zunächst Adornos Assistent und wurde dann in den frühen 70er Jahren als Leiter der Frankfurter Schule zu Adornos Nachfolger erkoren. Er veränderte die Richtung der deutschen Philosophie.

Dies tat er in einer Art ödipalen Rebellion gegen seine intellektuelle Vaterfigur. In einem Interview im Jahre 1979, sagte Habermas, dass er die Grundannahmen der Kritischen Theorie nicht teile. Vor allem glaube er nicht daran, dass die „instrumentelle Vernunft“ so dominant geworden sei, dass es keinen Ausweg aus einem „Verblendungszusammenhang“ gebe, in dem Erkenntnis nur blitzartig von isolierten Individuen erzielt würde. Für Habermas war dieses innere Wissen beschränkt und zugleich elitär und hoffnungslos.

Stattdessen hat Habermas seine ganze Karriere darauf ausgerichtet, ein intellektuelles System zu erschaffen, welches Philosophie, politischen Theorie, Soziologie und Rechtstheorie umfasst und die Hoffnung beinhaltet, dass es Menschen durch den Einsatz von Autonomie und Selbstherrschaft im Marktkapitalismus gut gehen kann; eben genau das, was Adorno und die frühe Frankfurter Schule immer bestritten haben. In Habermas Sammelband „Theorie des kommunikativen Handelns“,  1981 veröffentlicht, beschreibt er die Vision einer „unbegrenzten Kommunikationsgemeinschaft“, in der Menschen durch Diskurs und Argumentation voneinander und über sich lernen und Selbstverständlichkeiten kritisch hinterfragen.

Im Wesentlichen wurde Habermas Arbeit zu einem Brückenschlag zwischen Adornos pessimistisch elitären Philosophiestil und der neuen, konsumorientierten Widerbelebung der Disziplin. Anstatt am Schicksal der Menschheit zu verzweifeln, theorisierte der neue Diskurs einen Kurswechsel. Auch wenn Habermas Adornos Forderung, für immer und ewig einen neuen Hitler zu vermeiden, nicht zerstören wollte, war seine optimistische Philosophie theoretisch eher darauf gerichtet, ein neues Auschwitz zu verhindern. Um das zu tun, so glaubte Habermas, müssten Philosophen wie er selbst die Konditionen des Lebens ändern, anstatt, wie Adorno es machte, verzweifelte Klagelieder über das Schicksal der Menschheit herauszugeben. Man könnte auch sagen, dass Habermas die Forderungen seines Mentors ernster nahm als dieser selbst.

Was Habermas aber auch revolutionär gemacht hat, ist, dass er es wagte, sich mit dem bisher verfluchten Denken amerikanischer und britischer Philosophen auseinanderzusetzen. Für Adorno war die anglophone Philosophie nichts anderes als Handlanger des technokratischen Kapitalismus, und er und die anderen neo-marxistischen Vertreter der Frankfurter Schule waren der Überzeugung, dass Philosophie die Mächte kritisieren sollte, anstatt ihnen eine intellektuelle Rechtfertigung zu liefern. Habermas auf der anderen Seite war inspiriert von der Philosophie des amerikanischen Pragmatisten George Mead, dem Gerechtigkeitstheoretiker John Rawls von der Harvard, J.L. Austin von der University of Oxford sowie von Kant, Hegel und Marx. Auch wenn Adorno Jahre an der University of Oxford und über ein Jahrzehnt in den USA verbrachte, behandelte er seine amerikanischen und britischen Kollegen ausnahmslos mit Verachtung. Mit dieser radikalen Kehrtwende eröffnete Habermas demnach eine neue intellektuelle Richtung, die von den jungen Aufsteigern der deutschen Philosophie eifrig verfolgt wurde.

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk auf der Buchmesse in Turin (2015) (MARCO DESTEFANIS/Pacific Press/LightRocket via Getty Images)

Die aktuellen Philosophenstars richteten sich auch in Bezug auf den Umgang mit den Medien nach Habermas. In den 80er Jahren war Habermas als unermüdlicher Kämpfer im sogenannten Historikerstreit bekannt, der sich in den Meinungsrubriken der Zeitungen austrug. Immer wieder meldete er sich zu Wort und prangerte eben diejenigen deutschen Historiker an, welche die Nazis von der einzigartigen Bosheit des Holocaust freisprechen wollten. Peter Sloterdijk, der innerhalb der deutschen Philosophie schon damals als Provokateur bekannt war, brach 1999 mit einem Tabu, das unter deutschen Intellektuellen seit dem Ende des dritten Reiches vorherrschte und löste damit eine skandalträchtige Kontroverse aus. Während einer Rede benutzte Sloterdijk anstatt des eher üblichen Wortes Auswahl, das Wort Selektion, um zu behaupten, dass menschliche Fortpflanzung über genetische Reproduktion nicht nur möglich, sondern auch vertretbar sei. Habermas war außer sich und konterte prompt mit einem Artikel, in dem er Sloterdijk als Faschisten bezeichnete. Habermas‘ Rolle in dieser Auseinandersetzung stieß auf Resonanz; hier stand ein deutscher Philosoph, der seine Landsleute dazu zwang, sich mit der beschämenden Geschichte des eigenen Landes auseinanderzusetzen und hierbei ihre Empfindungen von Grund auf veränderte. Diese grundlegende Transformation spiegelt sich vor einiger Zeit im moralischen Führungsstil von Angela Merkel wider, die Deutschland für Flüchtlinge öffnete, mehr als es andere Länder taten.

Während Habermas zwar öffentliche Foren nutzte, um die deutschen Kriegsschuld zu analysieren und eine neue Art von deutschem Patriotismus sowie eine Vision der “kommunikativen Rationalität“ pries, meinen Kritiker der Philosophen, die in Habermas Windschatten folgten, dass deren Fernsehshows und New–Age-Bücher längst nicht so tugendhaft seien.

Von 2001 bis 2012 war Sloterdijk, der in Deutschland nicht trotz, sondern gerade wegen seiner kontroversen Ideen beliebt war, Co-Moderator von Das Philosophische Quartett, einer Talk Show beim deutschen Sender ZDF. Die Sendung pflegte die Art von Diskussion, die im amerikanischen oder britischen Fernsehen unvorstellbar wäre. Sloterdijk und der Geschichtsphilosoph Rüdiger Safranski debattierten mit zwei Gästen über tagesrelevante Themen. Doch nach zehn Jahren sorgte sich das ZDF um die Umfragewerte und tauschte die zwei Moderatoren durch keinen Geringeren als Richard David Precht aus.

Auch wenn der neue Moderator sein Hemd nicht bis zum Bauchnabel offen trägt, ähnelt Precht mit seinem attraktiven Aussehen und dem medienfreundlichen Charme seinem französischen Pendant Bernard-Henri Lévy. Sloterdijk erzählte der deutschen Presse scheinbar voller Missgunst, dass „das Klientel seines Nachfolgers eher dem von [dem bekannten Geiger] André Rieu gleiche, den vor allem Damen über 50 in spätidealistischer Stimmung hören.”

Die Wahrheit über das Dilemma der deutschen Philosophie ist allerdings differenzierter als Prechts mediale Performanz oder seine Spötter behaupten. So könnte der 2015 erschienene Bestseller von Markus Gabriel Warum es die Welt nicht gibt vielleicht ein Beweis dafür sein, dass moderne deutsche Philosophie zugleich tiefgründig und erfolgreich sein kann.

Das Titelbild von Gabriels Buch zeigt ein Einhorn. Das passt gut zum Text, denn dieser liefert eine leicht verdauliche Erklärung dafür, warum alle Arten von unwahrscheinlichen Einheiten, nicht nur Einhörner, sondern auch Elfen, Feen oder Hillary Clinton und Premierminister Jeremy Corbyn tatsächlich existieren. Gabriels Arbeit war ein voller Erfolg, nicht nur weil es ein Angriff auf die Arroganz der Wissenschaft und das relative schwarze Loch der Postmoderne ist, sondern weil es gemäß des von Ludwig Wittgenstein aufgestellten Prinzips geschrieben wurde: Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen”. Sein neustes Werk Ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert kann als Ermahnung an die früheren Philosophen betrachtet werden, die glaubten, dass die Massen Philosophie nicht lesen können und sollten. Mit nur 37 Jahren macht Gabriel deutlich, dass deutsche Philosophen ein weites Publikum finden können, ohne aalglatt und oberflächlich zu sein.

Und Philosophen wie Precht und Gabriel sind nicht nur in Deutschland gefragt. Deutsche Philosophie ist zwar bei weitem nicht so eine lukrative internationale Marke wie BMW, Deutsche Bank und Adidas, aber ihre neuen, medienkompetenten und konsumentenorientierten Vertreter verleihen ihr durchaus eine globale Reichweite. Das ist von großer Bedeutung, denn auch wenn Deutschlands industrielle und finanzielle Stärken weitgehend anerkannt sind, ist das Land weniger für seine soft power bekannt. Deutscher Film und Deutsche Literatur zum Beispiel, erreichen in diesem Jahrhundert nur allzu selten ein internationales Profil. Deutsche Philosophie auf der anderen Seite scheint dank ihrer jungen Vertreter einen Exportmarkt zu haben. Vielleicht sollten wir nicht so zynisch sein wie Sloterdijk, wenn er Precht verunglimpft. Vielleicht müssen Philosophen, um im Jahre 2017 gehört zu werden, denken und performen zugleich.

Im Kulturkrieg um das Schicksal der deutschen Philosophie markieren Durchlass und Relevanz  für Vertreter wie Sloterdijk den Zerfall. Für andere wie Precht sind diese Qualitäten notwendig, um die Disziplin am Leben und relevant zu halten. 1934 sagte der französisch-deutsche Theologe Albert Schweitzer seinem Freund, dem Philosophen Ernst Cassirer, dass ihre Kollegen das ansprechen sollten, was alle am meisten beschäftigt, und zwar so, dass es nicht nur für die Bildungselite zugänglich sei. Immerhin ist es das, was die neuen, medienfreundlichen Philosophen versuchen.

Übersetzung: Britta Schuhmacher