Verdächtigter Audi-Techniker wieder frei


Seit heute kann er sich wieder frei bewegen. Der internationale Haftbefehl gegen Giovanni Pamio, ehemaliger Audi-Techniker und mehrere Monate wegen der Diesel-Affäre des Konzerns in Untersuchungshaft, wurde aufgehoben. Das erfuhr das Handelsblatt aus informierten Kreisen. Offenbar reichte dem Oberlandesgericht München, an das sich Pamios Anwälte gewandt hatten, die Vorwürfe in den USA nicht aus, um den Italiener länger in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim festzuhalten.

Die Amerikaner hatten den internationalen Haftbefehl beantragt, weil sie Pamio für die Abgas-Manipulationen mit verantwortlich machen. Der deutsche Haftbefehl war schon früher aufgehoben worden, nachdem die Staatsanwaltschaft zuvor vergeblich gegen Pamios Freilassung Beschwerde eingelegt hatte.

Für Pamio, der seinen Wohnsitz in Karlsruhe hat, hat die Diesel-Affäre damit ein wenig an Schrecken verloren. Völlig sorgenfrei dürfte er aber noch nicht sein. Noch ist Diesel-Affäre um Abgas-Tricks bei Fahrzeugen von VW, Audi und Porsche nicht aufgeklärt. Insbesondere suchen die Münchner Staatsanwälte weiter nach den persönlich Verantwortlichen.


Dabei dürfte ihnen der Italiener zumindest behilflich gewesen sein. In zahlreichen Vernehmungen in Räumen des Bayerischen Landeskriminalamts soll er die Führungsspitze von Audi schwer belastet haben. Seine Anwälte hatten stets betont, dass Pamio nur ein Bauernopfer sei. Derartige strategische Entscheidungen wie Abgas-Manipulationen habe er innerhalb des Unternehmens gar nicht treffen dürfen.

Pamios Schilderungen könnten auch zur Inhaftierung des ehemalige Audi-Motorenentwickler und Porsche-Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz geführt haben. Eine Haftbeschwerde von Hatz scheiterte kürzlich. 

KONTEXT

Chronologie der VW-Diesel-Affäre

Darum geht es:

Die Abgas-Affäre hat Volkswagen in eine schwere Krise gestürzt. Die bisherige Entwicklung im Überblick:

Quelle: dpa

September 2015

3. September 2015: VW räumt hinter den Kulissen gegenüber der US-Umweltbehörde EPA Manipulationen bei Diesel-Abgastests ein.

18. September: Die EPA teilt mit, VW habe eine Software eingesetzt, um Test-Messungen des Schadstoffausstoßes künstlich zu drücken.

23. September: Rücktritt von Vorstandschef Martin Winterkorn.

25. September: Der VW-Aufsichtsrat beruft Porsche-Chef Matthias Müller zum Konzernchef und trifft weitere Personalentscheidungen.

28. September: Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen.

Oktober 2015

15. Oktober: Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet den Pflichtrückruf aller VW-Dieselautos mit Betrugs-Software an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,5 Millionen Wagen in die Werkstatt.

März 2016

16. März 2016: Erster deutscher Schadenersatz-Prozess eines Privatkunden. Urteil des Landgerichts Bochum: VW muss keine Wagen zurücknehmen.

April 2016

22. April: Der Abgas-Skandal brockt VW für 2015 mit 1,6 Milliarden Euro den größten Verlust aller Zeiten ein.

Juni 2016

16. Juni: Volkswagen will sich nach dem Abgas-Skandal grundlegend neu aufstellen und unter anderem die Elektromobilität massiv ausbauen.

Juli 2016

7. Juli: Erste Sitzung des Abgas-U-Ausschusses des Bundestags.

8. Juli: Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft startet ein Verfahren, um über Bußgelder unrechtmäßige Diesel-Gewinne abzuschöpfen.

August 2016

8. August: Das Landgericht Braunschweig gibt den Startschuss für ein Musterverfahren wegen der Aktionärsklagen gegen Volkswagen.

29. August: Wegen einbrechender Gewerbesteuern erhöhen einige VW-Städte stark kommunale Gebühren, wie eine dpa-Umfrage ergibt.

September 2016

1. September: Das Bundesverkehrsministeriums wirft auch Fiat den Einsatz "unzulässiger" Abschalteinrichtungen vor - Fiat dementiert.

7. September: Die Vorwürfe gegen Bosch werden konkreter. Der VW-Zulieferer habe jahrelang von den Manipulationen seines Großkunden wissen müssen, klagen geschädigte Diesel-Besitzer in den USA.

Dezember 2016

8. Dezember: Die EU-Kommission sieht massive Mängel bei der Aufarbeitung des Abgas-Skandals und geht gegen Deutschland vor.

15. Dezember: Sigmar Gabriel (SPD), Peter Altmaier (CDU) und Barbara Hendricks (SPD) sagen im U-Ausschuss aus, sie hätten erst nach Aufdeckung des Skandals 2015 von verbotenen Praktiken erfahren.

20. Dezember: Im Rechtsstreit um Hunderte Zivilklagen verkündet ein US-Richter einen Kompromiss. VW soll Kunden, Behörden, Händlern und US-Bundesstaaten über 16 Milliarden Dollar an Entschädigung zahlen.

Januar 2017

9. Januar 2017: Es wird bekannt, dass das FBI einen VW-Manager wegen des Diesel-Skandals festgenommen hat. Fünf weitere werden angeklagt.

11. Januar: VW und das US-Justizministerium einigen sich in einem zweiten großen Vergleich zu den strafrechtlichen Fragen auf eine Zahlung von 4,3 Milliarden Dollar.

12. Januar: In den USA gerät nach Volkswagen auch Fiat Chrysler wegen auffälliger Abgaswerte ins Visier der Behörden.

19. Januar: Ex-VW-Konzernchef Martin Winterkorn erscheint vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Abgas-Skandal.