Venezuelas Präsident Maduro nutzt angebliches Komplott auf seine Weise


Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. Etwa zwei Dutzend Mal schon hat der venezolanische Präsident Nicolás Maduro verkündet, dass Attentatsversuche auf ihn stattgefunden hätten, vereitelt oder geplant worden seien. Nie jedoch konnte der inzwischen als Diktator regierende Maduro überzeugende Beweise für Verschwörungen gegen ihn vorlegen.

So auch dieses Mal: Für das angebliche Mordkomplott bei der Militärparade am Samstag im Zentrum von Caracas macht Maduros Apparat wahlweise Drohnen oder ein Kleinflugzeug verantwortlich – um ihn und anwesende Spitzen der Militärs umzubringen.

Die Indizien sind dünn: Außer ein paar Explosionen am Ende der Parade, offiziell sieben verletzten Soldaten und einer bislang unbekannten Terroristengruppe namens „Soldaten in T-Shirts“, die sich zum Anschlag bekannte, gibt es keinerlei Beweise für eine Verschwörung gegen Maduro. Die Nachrichtenagentur AP zitierte anonym Feuerwehrleute, die von einer Gasflasche berichteten, die in einer Wohnung explodiert sei.

Wie dem auch sei: Maduro nutzte den Vorfall, wie erwartet, um die Schrauben seines Regimes weiter anzuziehen. Schon drei Stunden nach dem Anschlag hielt er vor dem versammelten Kabinett und Militärspitzen eine 20-minütige Rede, in der er erste Fahndungserfolge präsentierte.

Der Anschlag sei von Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und „ultrarechten“ Kreisen geplant und von Geldgebern in den USA finanziert worden. Santos wies am Montag eine angebliche Beteiligung an dem Attentat von sich. „An Präsident Maduro: Machen Sie sich keine Sorgen“, schrieb der kolumbianische Präsident und Friedensnobelpreisträger auf Twitter. „Ich hatte am Samstag Wichtigeres zu tun. Wir haben meine Enkelin Celeste getauft.“

Nach Angaben venezolanischer Ermittler wurden die Täter identifiziert. „Es war ein versuchter Mord am Staatschef und ein versuchtes Massaker, denn an dem Ort des Geschehens waren die obersten Regierungsmitglieder und hohen Militärs“, sagte Generalstaatsanwalt Tarek William Saab am Montag. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben ist in Venezuela kaum möglich. Viele Menschen in dem verarmten Krisenland zweifeln generell am Wahrheitsgehalt amtlicher Mitteilungen.


Das angebliche Komplott gegen Maduro lenkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von der offensichtlichen Pechsträhne ab, welche das Regime seit zwei Wochen erlebt. So verkündete der Internationale Währungsfonds, dass Venezuela auf eine Hyperinflation von einer Million Prozent zusteuere, während die Wirtschaft um 18 Prozent einbrechen könnte.

Auf dem Kongress der Sozialistischen Einheitspartei Venezuelas zeigte sich Maduro nach fünfeinhalb Jahren im Amt erstmals reuig: Er sei der Hauptschuldige für die wirtschaftliche Misere des Landes. Seitdem Maduro als Nachfolger von Präsident Hugo Chávez als Präsident antrat, ist die Wirtschaft um 60 Prozent geschrumpft. Die Venezolaner leiden unter Hunger, Krankheiten und Gewalt.

Geschätzt drei Millionen von 31 Millionen Venezolanern haben das Land inzwischen verlassen und versuchen, ihre Familien mit Überweisungen aus dem Ausland am Leben zu halten. Bislang gab Maduro die Schuld an dem wirtschaftlichen Desaster meist den „US-Imperialisten“, die einen Wirtschaftskrieg gegen Venezuela führen würden.

Politisch explosiv ist die derzeit anlaufende Registrierung aller Fahrzeuge im Land. Damit soll das subventionierte Benzin künftig nur noch an Günstlinge des Regimes verteilt werden. Derzeit kann man für einen auf dem Schwarzmarkt getauschten US-Dollar in Venezuela 600.000 Liter Benzin kaufen. Der Schmuggel mit Benzin in die Nachbarländer ist zu einer wichtigen Einkommensquellen der Bevölkerung aber auch Teilen der Militärs geworden.


Auf Rationierungen von Benzin oder Preiserhöhungen reagieren die Venezolaner traditionell aggressiv. Mehrfach in Venezuelas Geschichte kam es dabei zu Aufständen und Revolten. Die meisten Menschen in Venezuela sehen kostenlosen Sprit als eine Art Selbstverständlichkeit an. Schließlich besitzt Venezuela die größten Ölreserven der westlichen Welt.

Als neuralgisch könnte sich zudem erweisen, dass die Regierung erstmals Dekrete verabschiedet hat, wonach Privatpersonen Dollar kaufen und besitzen dürfen. Damit trifft das Regime Vorbereitungen, um den Dollar als offizielle Ersatzwährung zuzulassen. Schließlich droht die für Ende des Monats geplante Währungsreform zum Fiasko zu werden. Die größte Banknote Venezuelas, der 500.000-Bolviar-Schein, der dann lanciert werden soll, ist heute bereits nur noch 13 Dollarcents wert, Ende des Monats wohl nur noch einen Bruchteil davon.

Selbst wenn tatsächlich ein Attentatsversuch gegen den Despoten in Venezuela stattgefunden haben sollte – dem Regime passt dieses Komplott bestens in die Agenda.