Veedel: Humboldt/Gremberg kämpft mit zu viel Müll und zu wenig Ärzten

Die Redaktion besuchte den Wochenmarkt in Humboldt/Gremberg.

Kopfschütteln. Unverständnis. Peter Peterlini hat die Arme verschränkt, wütend ist er. „Das kann doch nicht sein, dass die jetzt hier alle ihr Auto abstellen“, sagt er entrüstet, „und wir als Anwohner keinen Parkplatz mehr finden.“ Die, das sind die Besucher des nah gelegenen Stadtteils Kalk. Dort wurde vor kurzem großflächig das Bewohnerparken eingerichtet, wer von außerhalb kommt, muss einen Parkschein ziehen. Die Konsequenzen trägt jetzt, das hat Peterlini beobachtet, sein Veedel – Humboldt/Gremberg.

Jetzt ist der Nachbarstadtteil das Ziel des parkplatzsuchenden Konsumvolks geworden. „Oder wenn Leute in den Urlaub fahren, dann lassen sie die Karre bewusst hier stehen. Wir brauchen auch eine Regelung, die uns das Parken garantiert“, moniert Peterlini. Deswegen setzt er sich als Vorsitzender der „Interessengemeinschaft Humboldt/Gremberg“ genau dafür ein. In ein paar Wochen wird es eine Sitzung geben. Veränderung soll her.

Der Wochenmarkt hier ist klein, vielleicht zehn Stände. Die Sorgen sind groß. Anziehsachen, Lebensmittel, Parteiwerbung. Mehr nicht. Aber man ist froh, dass der Markt da ist. „Auch das ist hier ein Problem“, sagt Doris Broich, „außer dem Markt fehlen hier mittlerweile einfach die Angebote.“ Seit 1962 wohnt sie hier, ist in das Veedel „reingeheiratet“, wie sie sagt. Früher, da hätte es noch mehr Supermärkte gegeben. Mittlerweile ist außer dem „Lidl“ an der Pulvermühle alles weg. „Auch Ärzte sind nicht genug da“, sagt Broich. Ein männlicher Passant pflichtet ihr bei.

Selten tauglich als Postkartenmotiv

Humboldt/Gremberg eignet sich nur an wenigen Stellen als Postkarten-Motiv. Die Bebauung ging, wie in so vielen Teilen von Köln, in den vergangenen Jahren rasant voran. Nur wenig Grünflächen gibt es noch hier. Eine davon ist der Humboldtpark. Broich muss jeden Tag hin, den Hund ausführen. Gerne tut sie das nicht. „Überall liegt Müll, schon am helllichten Tag sitzen dort Betrunkene und lassen ihre Flaschen liegen“, sagt die Dame sauer, ehe sie und ihr Ehemann weiter über den grauen Asphalt Richtung Obststand schlendern.

Frau Hellpape teilt die Sorgen. Seit 50 Jahren wohnt sie im Veedel. Eigentlich gerne. Doch in den vergangenen Jahren, da seien besonders die Taunusstraße und die umliegenden Häuser „verslumt“, das soziale Niveau sei erheblich gesunken. Ihr Gegenüber, ein älterer Herr, stimmt zu. Die Polizei zeige mehr Präsenz, komme aber nicht hinterher, die Drogenkriminalität halte an. Er selbst sei schon bedroht worden.

„Früher gab es auf der Taunusstraße noch tolle Läden“, sagt Frau Hellpape. Heute gebe es weder Café noch Haushaltsladen. Nicht mal ein Mülleimer sei dort zu finden. Da seien nur doch die Dealer und dubiose Geschäfte. Ihr Sohn will wegziehen, ihm ist die Kriminalitätsrate zu hoch.

Schon seit 37 Jahren wohnt Waltraud Klatt in Humboldt-Gremberg und fühlt sich dort sehr wohl. „Das ist doch unser kleines Dorf. Ich will nicht woanders hin.“ Auf der Straße oder auch auf dem Wochenmarkt treffe sie stets irgendwelche Bekannte, mit denen man ein Schwätzchen halten könne.Die Bevölkerung im Veedel habe sich zwar im letzten Jahrzehnt ziemlich verändert, aber „alle, die hinzugekommen sind, gehören doch zu uns.“

Wenn man im Stadtteil etwas verbessern wolle, müsse man bei sich selbst anfangen. In der Einstellung ist sie sich auch mit dem Imam der marokkanischen Moschee, die gleich neben ihrem Wohnhaus liegt, durchaus einig. „Wir sprechen oft miteinander.“ Klatt engagiert sich zudem auch im Bürgerverein des Doppel-Vorortes. „Da organisieren wir in unserem Vereinsheim im Humboldt-Park jeden Dienstag ein Frühstück – für alle.“

Immer mehr Künstler ziehen nach Humboldt/Gremberg

Ähnlich verwurzelt im Stadtteil fühlt sich auch Künstlerin Monika Mathar (53) die erste vor gut einem Jahr aus dem Severinsviertel in die Trimbornstraße gezogen ist. „Ich würde nie im Leben zurückziehen und kenne viele, denen es genau so geht.“ Mit zwei Kunstkolleginnen – der Autorin Lore Kampmann und der Fotografin Katrin Lübeck – hat sie an der Odenwaldstraße ein Atelier eingerichtet. Alles unter dem Motto: „Drei Frauen und ihre Sicht auf Frauen und die Welt“. Mit der Vorliebe für die bildenden Künste sei sie nicht alleine. „Es ist gut zu beobachten, dass in den vergangen Monaten auch immer mehr Künstler hierher gezogen sind. Humboldt-Gremberg und Kalk gelten als sehr kooperative Viertel. Und das stimmt auch.“

Desiree Frese ist extra aus Kalk angereist. Sie lacht, schiebt ihren Kinderwagen vor sich her. Gerade ist sie in Elternzeit. Schön sei es, dass es noch so einen Wochenmarkt gebe in der Nähe, findet sie. Gerne würde sie mit dem Fahrrad öfter kommen – aber die Infrastruktur für Radler sei rechtsrheinisch eine Katastrophe.

Wolfgang Wewer kommt trotzdem freundlich-grinsend angeradelt. Einmal kurz durchschnaufen. So fit wie er aussieht, sei er dann doch nicht mehr, erzählt der ältere Herr. Er wohnt im Erbbauverein, einer Genossenschaftssiedlung. Noch nicht lange. „Aber wir sind ganz bewusst hierhin gezogen“, sagt er, „Unsere Nachbarschaft ist super international, das begeistert mich. Meine Steuerberaterin ist Palästinenserin, meine Friseurin ist Türkin und der Kioskbesitzer Italiener.“ Er freut sich, jeden Tag von den Menschen in seiner Umgebung lernen zu können. Er wünscht sich mehr solcher Wohnkonzepte für die Stadt.

Nur der Bahnhof an der Trimbornstraße, der vermiest Wewer ein wenig sein Wohnvergnügen. Verdreckt sei es dort, die Hinweisschilder seien falsch und Toiletten fehlten. An das Rauchverbot halte sich auch niemand. „Und der Aufzug ist ständig kaputt. Deswegen muss ich mein Fahrrad dann die Treppe hochtragen – und ich hab’s jetzt schon im Rücken“, sagt er. Dann steigt er wieder auf den Sattel. Und ruft: „Ich lebe trotzdem gern hier.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta