Vatikan rechnet mit Finanzwelt ab - bezeichnet Derivate als „Zeitbombe“


Es sind scharfe Worte, die der Vatikan für die weltweiten Finanzmärkte findet. In einer beispiellosen Abrechnung hat die katholische Kirche unmoralische Finanzpraktiken, Offshore-Steueroasen, Egoismus und gewagte Spekulationen angeprangert. „Das Geld muss dienen und nicht regieren!“, so der Vatikan.

Die Finanzwelt sei ein Ort geworden, „wo Egoismen und Missbräuche ein für die Allgemeinheit zerstörerisches Potenzial haben, das seinesgleichen sucht“, heißt es in einem Dokument, das die vatikanische Glaubenskongregation in Rom am Donnerstag veröffentlicht hat und welches von Papst Franziskus freigegeben wurde.

Vor allem Derivate seien eine Art „Zeitbombe, die früher oder später explodieren und die Gesundheit der Märkte vergiften“ könnten. Der An- und Verkauf solcher Finanzprodukte wurde zunehmend komplexer und undurchsichtiger, kritisiert der Vatikan. „All das hat das Entstehen von Spekulationsblasen gefördert, die zur jüngsten Finanzkrise (2007/2008) wesentlich beigetragen haben.“


Dabei wäre die Finanzkrise, die über die Wirtschaftswelt schwappte, eine Gelegenheit gewesen, existierende Praktiken zu überdenken. So hätte eine neue Finanzindustrie entwickelt werden können, „die größeren Wert auf ethische Prinzipien legt und die Finanzgeschäfte neuen Regelungen unterwirft, um ausbeuterischen und spekulativen Absichten einen Riegel vorzuschieben.“ Doch dazu sei es nicht gekommen.

Manchmal habe es sogar den Anschein, als wäre ein oberflächlicher, kurzsichtiger Egoismus zurückgekehrt, der das Gemeinwohl missachtet und nicht daran interessiert ist, Wohlstand zu schaffen und zu verbreiten oder stark ausgeprägte Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

Die auf Profit ausgelegte Mentalität im globalen Kapitalismus, oft zum Nachteil anderer, habe verheerende Konsequenzen für das Gemeinwohl. Die Kongregation warnt, dass der Wohlstand für einen Großteil der Menschen auf dem Spiel steht. Sie könnten immer mehr an den Rand gedrängt, ja sogar von Fortschritt und wirklichem Wohlstand ausgeschlossen werden.

Das Dokument ist gleichzeitig ein Appell an die Finanzwelt, ihre Praktiken zu überdenken, und eine Warnung, falls dies nicht geschehen sollte. „Wie immer deutlicher wird, macht sich Egoismus auf lange Sicht nicht bezahlt, sondern bewirkt letzten Endes nur, dass alle einen viel zu hohen Preis zahlen müssen.“