Mein Vater glaubt an Verschwörungstheorien & es zerstört unsere Beziehung

Anna Doherty
·Lesedauer: 6 Min.

Es fing alles im ersten Lockdown an, während die Black-Lives-Matter-Bewegung weltweit Schlagzeilen machte. Mein Dad und ich telefonierten damals regelmäßig und quatschten darüber, was in der Welt gerade so los war. Ich hielt ihn immer für einen sehr aufmerksamen Menschen, für jemanden, der das Leben in allen Feinheiten ziemlich gut verstand.

Heute bin ich 21 Jahre alt und studiere Journalismus; mein Dad ist 53. Er versucht schon immer, sich mit mir über aktuelle Nachrichten zu unterhalten, um gemeinsame Interessen zu entdecken. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er sich früher immer um 22 Uhr im Radio die Nachrichten anhörte – vor allem rund um die Wirtschaftskrise 2008 – und meine Stiefmutter, meine Schwester und mich währenddessen darum bat, leise zu sein. Es waren diese Kleinigkeiten, wegen der ich ihn immer für ziemlich intelligent hielt; damals war ich noch ziemlich jung und fand ihn wohl alleine schon deswegen schlau, weil er halt ein Mann war.

Als er mich also letztes Jahr an einem sonnigen Lockdown-Tag anrief, schlenderte ich mit ihm am Telefon durchs Zimmer, während wir uns darüber unterhielten, was in letzter Zeit so bei uns los gewesen war und wie uns diese Pandemie langsam auf den Geist ging.

Je mehr er sagte, desto hoffnungsloser fühlte ich mich, und desto mehr litt unsere Beziehung darunter.

Irgendwann schwenkte ich unser Gespräch auf den Mord an George Floyd um. Ich wollte mit meinem Dad darüber sprechen, wie furchtbar das war und was in der Welt gerade alles schief lief. Doch statt darauf einzugehen, reagierte er provoziert und misstrauisch. Er erzählte mir von einem Facebook-Post und sagte: „Black Lives Matter ist eine anarchistische Organisation. Terrorismus und Vandalismus sollten immer verurteilt werden!“

Seine Behauptungen waren absurd und unlogisch, und meine Einwände darauf verspottete er. Dann warnte er mich vor der Befangenheit der Medien. Ich sollte den Nachrichten diesen „sentimentalen Bullshit“ nicht abkaufen, meinte er. Seine Argumente tänzelten dabei auf der Grenze zwischen denen der extremen und der alternativen Rechten hin und her. Seine Worte fingen an, in meinem Kopf widerzuhallen; immer und immer wieder kamen dieselben Sprüche, „versteckte Agenda“ hier, „marxistische Propaganda“ da.

Unsere Gespräche entgleisten danach völlig. Je mehr er sagte, desto hoffnungsloser fühlte ich mich, und desto mehr litt unsere Beziehung darunter. Mit ihm zu diskutieren, wurde unmöglich. Dads Ansichten waren wie erstarrt, vorgeformt von der rechten Propaganda, die ihn auf Facebook umgab, und seinem regelmäßigen Konsum von Artikeln der britischen Daily Mail und The Sun. Eine jubelnde Menge seiner Facebook-Freund:innen likte und kommentierte jeden seiner Posts und machte sich über den „woken“Feind lustig. Das Ding dabei ist: Diesen Facebook-Account hat mein Dad erst seit etwa vier Jahren. Davor war er strikt dagegen gewesen, hatte behauptet, das sei nur war für aufmerksamkeitsgeile Leute, die jedes klitzekleine Detail ihres Lebens mit anderen teilen wollten.

Damals stand er Social Media also eher gleichgültig, wenn nicht negativ gegenüber. Ich hingegen war in einem Alter, in dem mich die sozialen Netzwerke irgendwie stressten: Einerseits fühlte ich mich davon erdrückt, genoss aber doch die Befriedigung, mein Leben online zu teilen. Wann immer meine Schwester und ich bei meinem Dad übernachteten, nahm er uns die Handys weg. Ich schätze, er wollte ein guter Vater sein, einer, der das Gefühl hatte, die offensichtliche Sucht zwischen einem Teenager und dessen Handy kontrollieren zu können. Und die Sorge stand meinen Eltern ins Gesicht geschrieben; es machte ihnen Angst, uns einer ungeregelten Welt ausgesetzt zu sehen, in die sie keinen Einblick hatten. Ironischerweise ist aber genau das die Welt, in der mein Dad jetzt selbst so unkritisch lebt.

Er meldete sich bei Facebook an, nachdem er angefangen hatte, vegan zu leben. Er war damals Mitglied in ein paar Lauf-Clubs und schloss sich auf Facebook verschiedenen Gruppen an, in denen er – so sah es jedenfalls aus – gesunde Freundschaften mit Menschen schloss, die seine Interessen teilten.

Heute hingegen sieht sein Facebook völlig anders aus. Abgesehen davon, dass er inzwischen zum Sprecher für alternativ-rechte Ideologien geworden ist, teilt er inzwischen auch regelmäßig grausame Videos von Gewalt an Tieren, um sich für seinen Veganismus einzusetzen. Jeder seiner Posts fühlt sich wie eine Schuldgefühl-Peitsche an, mit der er andere dazu bringen will, seine Denkweise zu übernehmen.

Mein Dad ist in einer Echokammer gefangen und hört nur noch seine eigenen Worte.

Anfang März 2020, noch vor dem ersten Lockdown, waren Dad und ich zu einem Abendessen in einem malaysischen Restaurant in der Nähe meiner Wohnung verabredet. Zu dem Zeitpunkt hatte das Coronavirus schon weltweit Schlagzeilen gemacht; dass es sich aber überall ausbreiten und diverse Lockdowns bedeuten würde, ahnte damals noch niemand. Während wir da saßen und auf unser Essen warteten, fing Dad plötzlich mit fremdenfeindlichen Kommentaren zur Essenskultur in Ostasien an. Davon las man damals auf Facebook eine ganze Menge, weil das Gerücht kursierte, Corona sei in Wuhan durch auf dem Markt angebotenes Fledermausfleisch ausgebrochen – eine These, die die Weltgesundheitsorganisation WHO aber bisher nicht nachweisen konnte.

Diese Einstellung meines Vaters gegenüber anderen Kulturen und Küchen wurde, je schneller sich die Pandemie ausbreitete, mehr und mehr zum Gesprächsmittelpunkt zwischen uns. Jedes brutale Video eines geschlachteten Tieres, jeder fragwürdige Artikel, jedes blutige Foto zu ebenjenen Themen musste er auf Facebook teilen. Heute ist sein Feed deswegen voller Propaganda, insbesondere von unverifizierten Quellen, deren Content weder konkrete Daten noch Orte dafür angibt, was angeblich passiert sei. Zwischen all das streut er immer wieder Denunzierungen aller politisch Liberalen. Er postet und teilt Beiträge, die absichtlich die liberalen Argumente zur Definanzierung der Polizei missverstehen, oder auch Verschwörungstheorien zu Black Lives Matter, sowie alles, was China und die chinesische Kultur diffamiert. Bis er und meine Stiefmutter positiv auf Corona getestet wurden, weigerte er sich außerdem, die Existenz des Virus anzuerkennen.

Ein Jahr nach Beginn der Pandemie bin ich so langsam mit meinem Latein am Ende. Wann immer ich mir seine Facebook-Seite ansehe, wird mir klar, wie schnell sich Fake News und Fehlinformationen in sozialen Netzwerken ausbreiten, wie gefährlich sie unserer Gesellschaft werden können – und wie viel Schaden sie in einer der wichtigsten Beziehungen meines Lebens angerichtet haben.

Dad und ich sprechen heute nicht mal mehr halb so viel wie früher, bevor wir uns im Sommer in die Haare bekamen. Nachdem wir uns monatelang über Facebook gestritten hatten und er mir irgendwann an den Kopf warf, ich würde seine „gelebte Erfahrung“ missachten, wurde es mir irgendwann zu schwer, die Beziehung zu ihm aufrechtzuerhalten. Er steckt einfach so tief im Facebook-Sumpf und interessiert sich für nichts anderes mehr.

Natürlich ist mir klar, dass ich hier auch irgendwo eine Pflicht habe. Was wäre ich für eine Ally, wenn ich nicht aktiv versuchen würde, seine Ansichten infrage zu stellen? Im Laufe des letzten Jahres habe ich ihm regelmäßig Bücher geschickt, die er dazu lesen sollte. Ich bezweifle aber, dass er das getan hat. Mein Dad ist in einer Echokammer gefangen und hört nur noch seine eigenen Worte.

Ich weiß, dass ich nicht die einzige Person bin, deren Beziehung zu einem geliebten Menschen unter den Fehlinformationen gelitten hat, die die sozialen Netzwerke einfach nicht in den Griff zu kriegen scheinen. Aber deswegen tut mir das nicht weniger weh.

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