Variationen der Fremdenfeindlichkeit

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Variationen der Fremdenfeindlichkeit

Kinoschlager zu Theatererfolgen zu machen, ist schwer. Mit der Uraufführung einer Flüchtlingskomödie des Filmregisseurs Simon Verhoeven im Wiener Akademietheater gelingt das Experiment auf wundervoll schreckliche Weise.


Den rustikalen Alltagsrassismus bekommt der Flüchtling Diallo aus Nigeria auf herzlich-brachiale Weise gleich in der Bäckerei zu spüren, wenn ihn die Arzt-Ehefrau Angelika Hartmann mitnimmt. Zuvor wurde bereits beim Anblick des farbigen Migranten von der fremdenfeindlichen Nachbarin der Familie Hartmann der Untergang des christlichen Abendlandes beschworen. Mit den Variationen der Xenophobie aus dem Herzen Europa wird in der bitter-bösen Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ nicht nur die Intoleranz angeprangert, sondern auch die narzisstische Hilfebereitschaft im Epizentrum der Willkommenskultur.

Der Münchner Filmregisseur Simon Verhoeven hat mit seiner Mutter Senta Berger in der Rolle der Arzt-Gattin Angelika einen Kinoerfolg geschaffen. Über 3,5 Millionen Menschen sahen die entlarvende Komödie zwischen Willkommenskultur und Alltagsrassismus des vor wenigen Tagen mit einem Bambi ausgezeichneten Regisseurs in den Filmtheatern.

Angesichts des Kassenschlagers auf der Leinwand liegt es nahe, eine Bühnenversion zu entwickeln. Im Wiener Akademietheater erlebte der Stoff am Sonntagabend seine Uraufführung. Die Adaption eines erfolgreichen Filmstoffs als Theaterstück ist ein riskantes Spiel. Denn bei den Zuschauern flimmern in den Köpfen noch immer die Bilder aus dem Kino. Diesen Kardinalsfehler vermeidet Regisseur Peter Wittenberg in der von Angelika Hager bearbeiteten Bühnenfassung von Anfang an.


Spätestens als der künftige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz als mit Segelohren verbrämte Fratze auf der überdimensionalen Bühnenwand als Wortführer der zuwanderungskritischen Alpenfestung auftaucht, ist klar – die Flüchtlingskomödie des Akademietheaters erzählt den Kinoschlager nicht nach. Sie interpretiert den Stoff vielmehr auf die ihr eigene, brachiale Weise und spart zahlreiche Anspielungen auf die konservativ-rechtspopulistische Regierung, die demnächst Österreich regieren wird, nicht aus.

Das Ensemble schafft eine rasante, zweieinhalbstündige Performance, die alle Register einer großartigen Inszenierung nutzt. Die Hartmanns, die alkoholkranke Mutter Angelika (Alexandra Henkel) und latent xenophobe Vater Richard (Markus Hering) sowie die beiden Kindern, die Psychologie-Studentin Sofie (Alina Fritsch) und der Business-Anwalt Philipp (Simon Jensen) spielen zusammen mit ihrem Migranten Diallo (David Wurawa) unter großen körperlichen Einsatz gekonnt mit der Sprache.

Die Bühne mit ihren zahlreichen Videoinstallationen und dem surrealen Mobiliar, gezaubert mit einem überdimensionalen roten Sofa der Hartmanns, setzt auf eigene, starke Bilder und zertrümmert somit die Erinnerungen aus der Kinoversion. Hinzu kommt noch eine temporeiche Musik und Choreographie, die unterschiedlichste Milieus auf die Bühne fantasievoll lebendig werden lässt  – der Enkel Bastian (Valentin Postlmayr) als singender Rapper umringt von tanzenden Stripperin ist dafür ein Beispiel.


Das zum Burgtheater gehörende Akademietheater hält dem Publikum - unter den Gästen der Uraufführung waren der österreichische EU-Kommissar Johannes Hahn und konservative Bundespräsidentenkandidaten Andreas Khol – einen Spiegel des gesellschaftlichen Zynismus mit den Fremden vor. Schon in der ersten Szene mit der Überpinselung des „Willkommen“-Graffitis ist die Standortbestimmung klar. Nach einem kurzen Moment der Humanität haben sich die Herzen längst verhärtet. Die Figuren der Bühnenfassung „Willkommen bei den Hartmanns“ ähneln Protagonisten aus den Stücken von Ödön von Horvath: Zynismus statt Respekt, Heuchelei statt Wahrheit, Narzissmus statt Liebe.

„Willkommen bei der Hartmanns“ auf der Bühne hat es nach dem großen Kinoerfolg mit einer gelungenen Inszenierung geschafft, die vielen Lügen und Selbstbetrügereien im Umgang mit Migranten messerscharf zu entlarven und falsche Tabus zu kritisieren. Es sind die bitterbösen Pointen, die dem Publikum im Halse stecken bleiben. Im Gegensatz zum Film gibt es zum Glück kein Happyend. Das Schicksal des Flüchtlings Diallo, der das Fußballtrikot des farbigen österreichischen Bayern-Star David Alaba wie eine Integrationsuniform trägt, ist am Ende offen. Genau wie bei Hunderttausenden von Migranten in Europa. Minutenlanger Applaus und Bravo-Rufe für ein Highlight der diesjährigen Theatersaison.