Van der Vaart: "Arp nicht zum neuen Seeler machen"

Reinhard Franke

Die Fans im Hamburger Volksparkstadion haben wieder Freude am Fußball - und eine Identifikationsfigur: Jann-Fiete Arp. Das 17 Jahre alte Talent des Hamburger SV steht für eine neue positive Stimmung im Verein. 

Der ehemalige HSV-Profi Rafael van der Vaart kennt diese Situation gut, auch er war nach seinem Wechsel von Ajax Amsterdam zum HSV der Hoffnungsträger. Mit Hamburg ist van der Vaart immer noch eng verbunden. Sein Sohn Damian zählt zudem mit elf Jahren zu den größten Talenten der Stadt.

Vor dem Spiel des HSV beim SC Freiburg (20.30 Uhr im LIVETICKER) spricht van der Vaart im SPORT1-Interview über Arp und die Ambitionen für seinen Sohn.


SPORT1: Beim HSV dreht sich gerade fast alles um Jann-Fiete Arp. Was halten Sie von ihm?

Rafael van der Vaart: Ich habe den Jungen zum ersten Mal beim Heimsieg des HSV gegen die Stuttgarter gesehen und war begeistert. Da hat er einen sehr guten Eindruck gemacht. Er ist ein Stürmer, der mitspielt und am Ball alles kann. Ein wirklich herausragender Spieler. Es hat Spaß gemacht, ihm zuzuschauen. Er hat einen guten Kopf, das sagt man so in den Niederlanden, spielt vor allem frisch und frei auf. Wenn so ein Junge in eine Mannschaft kommt, die wenig Vertrauen hat, und dann so eine Leistung zeigt, dann sagt das viel über das Talent aus. Aber man sollte den Jungen auf dem Boden halten. Gerade, weil er so begabt ist.

SPORT1: Die Medien in Hamburg schreiben vom neuen Wunderjungen der Stadt. Ist das nicht gefährlich?

Van der Vaart: Und ob. Man sollte ihn jetzt nicht zum neuen Uwe Seeler machen. Ich weiß, wie euphorisch die Hamburger Fans sind, wenn so ein Spieler plötzlich neues Vertrauen gibt. Das ist ein schwieriges Umfeld. Arp ist jung, einfach ein toller Kicker. Es ist nun ganz wichtig, dass die Familie, die Freunde und der Berater darauf achten, dass der Junge weiter auf dem Teppich bleibt und nicht ausflippt bei dem ganzen Hype um ihn. Wenn das klappt, dann hat er eine große Karriere vor sich. Der Anfang ist immer das Einfachste, aber wenn jetzt erwartet wird, dass er Wunder vollbringt, dann muss man auf die Bremse treten.


SPORT1: Arp hat einen Vertrag bis 2019, der HSV will vorzeitig verlängern, aber der Berater zögert. Beginnt da das große Pokerspiel um einen 17-Jährigen?

Van der Vaart: Die Vorzeichen sind ja klar von beiden Seiten. Ich will es nicht hoffen, dass Arp jetzt zum Objekt der Begierde wird. Sein großer Traum von der Bundesliga hat doch gerade erst begonnen. Das Wichtigste für den Jungen wäre, dass er noch einige Jahre in Hamburg bleibt. Alles andere macht gar keinen Sinn. Egal, wer da kommt - ob Real Madrid, der FC Barcelona oder Manchester City - er soll sich erst mal richtig beim HSV weiterentwickeln und sich über Jahre hinweg als Stammspieler etablieren. Zu einem großen Verein wechseln, kann er in einigen Jahren immer noch. Beim HSV kann er viele Erfahrungen sammeln und sicher auch gut verdienen. Da muss man nicht gleich zu einem internationalen Top-Klub wechseln. Das geht heutzutage viel zu schnell. Aber das liegt auch an den Beratern.

SPORT1: Was würden Sie ihm raten?

Van der Vaart: Das Wichtigste ist doch, dass der Junge eine glanzvolle Karriere vor sich haben soll. Er sollte nicht nur des Geldes wegen zu einem anderen Klub wechseln, bei dem er letztendlich keine Chance hat. Ich hoffe, dass eine Lösung gefunden wird und er einen neuen Vertrag bekommt, den er auch verdient hat. Und dass er langfristig ein absoluter Topspieler des HSV wird. Der Junge muss am Ende selbst entscheiden, was richtig für ihn ist, nicht sein Berater.

SPORT1: Überrascht Sie der ganze Hype um Arp?

Van der Vaart: Nein. So ist nunmal das heutige Fußball-Geschäft. Leider geht alles rasend schnell. Ich musste früher zwei Jahre gut spielen, bevor Real auf mich aufmerksam wurde. Heute absolvieren die jungen Profis zwei, drei gute Spiele und schon zeigen die ersten Vereine Interesse an ihnen. Das ist schon Wahnsinn.


SPORT1: Das ist einerseits ein Segen für den HSV, andererseits ein Fluch.

Van der Vaart: Richtig. Für einen Verein ist es schwer, Spieler wie Arp längerfristig zu verpflichten. Aber wenn der HSV in den nächsten Jahren Stück für Stück vorankommen will und nicht weiter nur gegen den Abstieg spielen möchte, müssen die Verantwortlichen sich bemühen, so ein Riesentalent zu halten. Wenn der HSV Arp langfristig an sich binden kann, ist das auch für die Fans ein wichtiges Signal. Er ist ein Hamburger Junge und die Leute wollen sehen, dass ein Talent aus der eigenen Jugend in der ersten Mannschaft spielt. Dadurch entsteht eine noch größere Verbundenheit mit dem HSV.

SPORT1: Ihr Sohn Damian spielt auch Fußball - in der D-Jugend des SC Victoria und schaffte den Sprung zum Stützpunkttraining des Deutschen Fußball Bundes. Wie fühlen Sie sich?

Van der Vaart: Ich bin glücklich und natürlich unheimlich stolz. Damian hat sich sehr gut entwickelt. Er ist aber noch so jung, soll das alles einfach nur genießen und Spaß haben. Aber es ist schön, wenn er für seine Leistungen die Bestätigung vom DFB bekommt. Der Kleine macht das einfach toll.

SPORT1: Was hat Damian von Ihnen geerbt?

Van der Vaart: Er ist sehr schnell und hat einen unglaublich starken rechten Fuß. Er ist ein echter Stürmer, der nur Tore schießen will. Er spielt immer nach vorne und hat sehr viel drauf. Ich bin aber noch extrem vorsichtig, will nicht zu viel Druck auf den Jungen ausüben. Was kommt, das kommt.

SPORT1: Sie sind also kein Vater, der den Sohn mit aller Konsequenz zum Profi machen will?

Van der Vaart: Nein. Ich beeinflusse ihn nicht, sondern freue mich einfach, wenn er gut spielt und trifft. Damian liebt Fußball und hat jetzt schon einen sehr starken Willen. Er ist wie ich damals als Jugendlicher total verrückt nach dem Spiel. Und das ist eine sehr gute Basis.

SPORT1: Träumt Ihr Sohn auch mal davon einen Weg zu gehen wie Arp?

Van der Vaart: (lacht) Natürlich träumt er davon, auch mal so eine Entwicklung zu nehmen. Er soll aber erst mal einen festen Platz in der Mannschaft haben, dann sieht man weiter. Ich gebe ihm jede Unterstützung, die er braucht. Die Leute im Verein wissen, was er kann und was er nicht so gut kann. Ob er dann irgendwann den nächsten Schritt machen wird, weiß ich jetzt noch nicht. Er hat so viel Spaß bei Victoria und das soll er erst mal genießen.